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:: Kurze Identitätsverwirrung ::

Ich mußte gestern zu einer Ärztin, bei der ich noch nie zuvor war. Ich gab am Empfang meine Karte ab, auf der meine männlichen Vornamen stehen. Alle vier. Ich wurde von der Dame dort aber dennoch konsequent als Frau angesprochen. Schließlich schickte sie mich auf’s Damenklo für eine Urinprobe. Ich Esel habe das auch noch mitgemacht. Weil ich dachte, es spielt eigentlich keine Rolle, Hauptsache mir wird geholfen, weil akut aua. Die Ärztin hat mich dann auch als Frau angesprochen und – weil Blasenentzündungen ja scheinbar sowas Superweibliches sind – mit diesem “wir Schwestern verstehen uns ja”-Vertraulichkeitsaugenzwinkern behandelt.

Ich weiß im Nachhinein, daß es besser gewesen wäre, zu protestieren, anstatt diese Situation auszuhalten. Das ist etwas, das ich nächstes Mal hoffentlich besser mache. Aber richtig mies war dieses “wir Frauen wissen, wovon wir reden”-Gefühl. Denn ich glaube, daß ich zwar aufgrund meiner körperlichen Realität eine Menge Zeug erfahren habe, das Frauen nunmal so mitmachen, aber ich habe mich damit nie wohl gefühlt. Mens, Sex, Schwangerschaft, Geburt, Stillversuche, Mutter- und Ehefrauenrolle, Brüste, Blasenentzündungen, Frauenempowerment – oh, just fuck off!

Das war jetzt mal so eine Gelegenheit, bei der ich nicht der verständnisvolle Transmann war. Jedenfalls im Nachhinein nicht. Klar sehe ich noch aus wie eine Frau und meine Stimme klingt auch noch weiblich, aber lest verdammt nochmal, was in den Unterlagen steht.

-.-

Valo, 14.04.2015, 13:28 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 18 bis 20 ::

In der 18. Woche fühle ich mich auf einmal wieder so breit wie ein Schrank, der kaum durch die Tür paßt. Meine Arme sind viel muskulöser geworden. So einen klar definierten Deltamuskel habe ich zuletzt – wenn überhaupt jemals in dem Ausmaß – in meiner Leistungssportzeit gehabt. Wie cool ist das denn?! Am liebsten würde ich Krafttraining machen, aber da ich weiß, wie meine Sehnen darauf reagieren, lasse ich das mal schön bleiben und mache stattdessen weiterhin Yoga. Ich ziehe aber in Betracht, in einem halben oder einem ganzen Jahr mal in Rehasport reinzuschnuppern, je nachdem, was Testo bis dahin tut. Wenn die Muskeln wachsen, müßten sie ja eigentlich eine Menge Belastung von den Sehnen nehmen, und dann könnte es doch wieder was werden mit Kraftsport.

In der 19. Woche werde ich – wieder beim Einkaufen – korrekt gegendert. Naja. So fast. Eine ältere Frau, deren Enkel meinen Rollstuhl faszinierend findet, spricht mich als “jungen Mann” an. Kaum, daß ich antworte, entschuldigt sie sich und sagt, sie hätte mich jetzt für einen Mann gehalten. Huch, fühlt sich das komisch an! Bin ich jetzt mis-mis-gegendert worden oder wie nennt man das? O.o Da mich drei Gänge weitere eine andere ältere Frau als “jungen Mann” bezeichnet, beschließe ich, daß das alles ein eindeutiger Erfolg ist, und bin trotz Ostereinkaufsmoloch schlagartig gut gelaunt. Da meine Frisur und die Klamotten dieselben wie immer sind, gehe ich davon aus, daß sich irgendwas an meinem Gesicht geändert haben muß, was ich aber selbst nicht wirklich wahrnehme. Nur meine Stimme macht mir das richtig gegendert Werden immer wieder kaputt. Egal. Wenn ich groß bin, klinge ich wie Manfred Lehmann. Mindestens.

Der Flaum an meinen Wangen wird länger und ein wenig dichter und am Kinn hat sich ein (in Zahlen: 1!) Ziegenbarthaar gebildet. Ich bringe nicht die Eitelkeit auf, es abzurasieren, sondern freue mich einfach über seine Existenz.

Überhaupt prosperiert mein Pelz. Mir war nicht bewußt, daß auch nur irgendein Mann meiner Blutsfamilie so ein Bär gewesen wäre, wie ich gerade werde. Am Bauch haben sich die Haare verdichtet und sie sind länger geworden. Nun krabbelt die Haarlinie nach oben. An den Beinen habe ich überall da, wo ich noch Haarwurzeln besitze, dichte Behaarung entwickelt. Auch den an Armen ist ein feiner, honigfarbener Pelz entstanden. Er gibt mir das Gefühl, ich würde einen magischen Mantel anhaben. Hätte nicht gedacht, daß ich Körperbehaarung mal so toll finden könnte…

In der 20. Woche steht mal wieder ein Friseurtermin an und ich denke, das wäre doch mal ein Anlaß, mich das erste Mal seit Testostart im November zu rasieren. Nach der Rasur bin ich allerdings total betrübt, denn auch wenn es nur ein Flaum war, er hat mein Gesicht verändert. Zum Glück wächst er wieder nach! Schon einen Tag später habe ich nette Stoppel. Der Friseurbesuch hebt meine Laune obendrein. Habe mir einen neuen Schnitt verpassen lassen, der mir richtig gut gefällt.

In derselben Woche mache ich auch den Fehler, mir mal wieder ein “One Year On T”-Video eines amerikanischen Transmanns anzugucken. Alter Schwede! Der Gute hat nach 2,5 Monaten auf Testo besseres Passing als ich nach fünf. Das ist jetzt doch irgendwie deprimierend…

Ende der 20. Woche blickt mir ein Gesicht aus dem Spiegel entgegen, das ich schon über 20 Jahre nicht mehr gesehen habe. Das gibt’s doch nicht! Ich sehe tatsächlich das erste Mal seit dieser langen Zeit mein 13jähriges Selbst wieder. Vielleicht setzt ja allmählich der Verjüngungseffekt von Testo ein – viele Transmänner erzählen, daß sie nach einer Weile auf Testo plötzlich für zehn, zwanzig Jahre jünger geschätzt werden. Die zweite Pubertät ist allerdings irgendwie geiler als die erste. Keiner, der einem sagt, wann man ins Bett gehen soll, das Taschengeld gibt man sich selbst und Auto fahren kann man auch ;)

Meine Stimme macht einen deutlichen Drop nach unten. Sie ist immer noch eine Frauenstimme, aber eine belegte. Yay!

Valo, 13.04.2015, 13:30 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Introvertiert, extrovertiert, dissoziiert ::

Nochmal Triggergefahr bzgl. komplexer posttraumatischer Belastungsstörung.

Irgendwie scheitert es oft an ganz banalen Alltagssachen, über die sich kaum jemand Gedanken macht. Da mich ziemlich viel Zeug triggert, muß ich mir dann allerdings doch Gedanken darüber machen. Neulich bei der Auswahl eines Films, den wir gemeinsam gucken wollen, kam es zu so einer Situation. Mal wieder. Filme, in denen Menschen tanzen oder singen, gehen gar nicht. Filme, in denen es Slapstick gibt oder Leute nackt oder – schlimmer noch – in Unterwäsche zu sehen sind, ebenso wenig (die einzige Filmunterwäsche, die ich ok finde, ist Ellen Ripleys Feinripp-non-sexy-Unterzeug in den Alien-Filmen). Ausscheidungswitze, Kindergeschrei oder -gelache, überhaupt Kindergelaber, Hunde/Gebell, andere nervige Geräusche wie dauernder Motorenlärm oder Musik, die ich nicht mag (Tanzfilme! Musicals! Disney! Filme über Bands!), melodramatischer Beziehungsjammer, heulende Leute, Krankenhausszenen, peinliche Kostüme – ach, die Liste ist lang.

Natürlich kann ich so Filme gucken. Und ich gucke sie sogar regelmäßig, weil ich Zeit mit meinen Partnern verbringen möchte und gemeinsame Filmabende nunmal nett sind. Oder sein können. Ich finde es nur immer so schade, daß ich viele Filme einfach nicht aushalte. Anstatt regelmäßig den Raum zu verlassen, bleibe ich sitzen und dissoziiere. Je peinlicher ich einen Film finde (sprich: je mehr Sequenzen mit den oben genannten Sachen er enthält), desto mehr dissoziiere ich. Ich glaube ja, man kann das runterbrechen auf die einfache Formel: je extrovertierter ein Film, desto disso. Meist daddel ich dann der Einfachheit halber auf dem Handy rum. Dann bin ich körperlich anwesend, kann zumindest einen Teil des Films ausblenden und bin trotzdem irgendwie in der Lage, den groben Inhalt mitzuerleben. Filme, die ok sind, sind in der Regel die Brutalen aus dem Ü18-Regal. Fliegende Körperteile, Gewalt und so, das geht. Da singt ja auch keiner mehr.

Im Zusammenhang mit dieser Filmsache ist mir klar geworden, auf wie viele Bereiche meines Alltags sich die PTBS mit diesem “extrovertiert-gleich-dissoziiert”-Problem auswirkt. Nämlich eigentlich auf alle. Smalltalk? Vergiß es. Ich habe absolut keine Ahnung, was Leute von mir erwarten. Freude offen zeigen? Kann ich nicht. Länger als vielleicht 10, 20, 30 Minuten aufmerksam zuhören? Da dissoziier ich schon lange weg und überlege, ob die 5 Meter zwischen meinem Gegenüber und mir nicht vielleicht doch 20 sind oder ich vielleicht ganz woanders rumschwebe. Öffentliche Veranstaltungen wie Kino, Theater, Mittelaltermärkte, an denen viele Menschen teilnehmen? Haha!

Menschen nehme ich entweder gar nicht wahr (zum Beispiel beim Einkaufen) oder als Hindernisse (zum Beispiel auch beim Einkaufen). Könnte hinterher nicht mal sagen, ob der Laden voll war oder ob dieser oder jener Mensch mir im Laden begegnet ist. Ich wäre ein grottiger Zeuge. Situationen in der Öffentlichkeit funktionieren über eine Art Avatar. Dieser Avatar kann die meisten Sachen, die ich nicht kann, nämlich zum Beispiel ein paar Minuten Smalltalk. Heucheln, daß ich Dir voll und ganz zuhöre. Menschen aufrecht entgegentreten, ihnen in die Augen gucken und mein Anliegen formulieren. Dieser Avatar ist sehr nützlich, aber er ist nicht ich. Also, klar ist er ich, aber er ist eine ausgelagerte Ressource. Ich ziehe ihn an wie einen Ganzkörperkampfanzug, sobald ich mein Haus oder mein Auto verlasse. Wenn ich zurückkehre, lege ich ihn wieder ab. Es sei denn, ich habe Besuch, was ziemlich selten der Fall ist. Ich ignoriere nämlich jedes Klingeln an meiner Tür. Und meines Telefons. Wie überhaupt die meisten Kontaktversuche, selbst per Mail. Ich bin nicht desinteressiert, ich habe nur eine komplexe PTBS. Eigentlich bin ich ganz anders, bloß daß ich dafür sorge, daß es ja niemand mitkriegt.

Falls Du mich je extrovertiert erlebt hast, kann ich Dir versichern, daß ich das nicht war. Das war dieser Avatar. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr anwesend. Ich sage das nicht, um Dich zu irritieren oder zu verletzen, sondern damit Du vielleicht besser verstehst, warum ich Dich vermutlich meistens nicht verstehe (ich meine damit z.B. warum Dir bestimmte Sachen wichtig sind oder warum Du so und so auf etwas reagierst), warum ich Treffen, die länger als zwei Stunden dauern, praktisch nicht aushalte. Mental und körperlich. Es ist höllisch anstrengend. Und ich sage das, damit Du verstehst, daß ich es nicht schaffe, Kontakt herzustellen, selbst wenn ich mir das wünsche. Ich fühle mich wie ein Alien, das eine andere Sprache spricht, und nur mühsam gelernt hat, Floskeln, die es bei anderen abgeguckt hat, anzuwenden. Da das ein rein technischer Vorgang ist, funktioniert das nicht immer. Manchmal sieht es so aus, als würde ich zu krass auf etwas reagieren, das Du sagst, und manchmal scheint es, als würde ich nicht emotional genug reagieren. In beiden Fällen habe ich die falsche Vorgehensweise aus meinem Repertoire gewählt. Ich kann zwar aus diesen Erfahrungen lernen – ich kann sogar abspeichern, daß verschiedene Menschen verschiedene Reaktionen erwarten -, aber ich kann nicht authentisch und spontan reagieren, weil ich keine Ahnung habe, was richtig wäre. Meine normale Reaktion wäre in den meisten Fällen keine Reaktion. Laß mich Dir ein banales Beispiel geben: die Begrüßung. Unter Freunden ist es offenbar normal, daß man sich anstrahlt, beim “Hallo” die Stimme anhebt und ihr einen leichten Schwung verleiht und sich dann – je nach Enge der Freundschaft – umarmt. Ich kann das Programm abspulen. Sogar individuell. Wenn ich in der Vergangenheit gelernt habe, daß Du der Umarm-Typ bist, kann ich das reproduzieren. Meine authentische Begrüßung wäre ein “Hallo” ohne großes Lächeln, ohne Stimmveränderung und sicher ohne Umarmung. Das wäre genauso herzlich gemeint. Nur käme es nicht so herzlich an. Auch das habe ich abgespeichert.

Vielleicht verstehst Du jetzt, daß alles, das im zwischenmenschlichen Bereich passiert, für mich eine sehr unsichere Sache ist. Ich weiß nie, welche Reaktion gefragt ist, und kann nicht immer “richtig” reagieren. Tatsächlich reagiere ich meist “falsch”, auch hier, online. Dadurch stoße ich Dich möglicherweise vor den Kopf, was nicht in meiner Absicht liegt. Aber wenn Du ein Mensch bist und mit mir kommunizieren willst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß mich das extrem unter Streß setzt, so daß ich dissoziiere und nur antrainierte Programme abspulen, nicht aber authentisch reagieren kann. Weil ich in der Regel keine Ahnung habe, worin die authentische Reaktion überhaupt bestünde. Das ist Teil meiner PTBS. Ich habe keinen echten Zugang zu meinen Gefühlen. Das ist eine Strategie, diesem Minenfeld der Emotionen aus dem Weg zu gehen. Man weiß ja nie, ob eine getriggerte Emotion nicht den ganzen Laden hochjagt. Diese scheinbare Gefühllosigkeit kann auf Dich fast wie Autismus/Asperger wirken. Oder wie Gefühlskälte. Härte. Strenge. Zynismus. Oder so.

Ich arbeite daran, aber das dauert. Tatsächlich weiß ich nicht mal, ob ich das überhaupt jemals werde ändern können, aber im Moment möchte ich daran noch glauben.

Valo, 10.04.2015, 00:29 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: The Mystery Of Survival ::

Dieser Beitrag könnte triggern. Bitte lies nur weiter, wenn Du mit den Themen komplexe posttraumatische Belastungsstörung und Selbstverletzung keine Probleme hast.

In der Therapie ist mir diese Woche zum ersten Mal in meinem Leben keine Ablehnung für mein selbstverletzendes Verhalten entgegengebracht worden. Das war eine neue Erfahrung, denn bislang erntete ich dafür stets nur Unverständnis oder sogar Verurteilung. Mir wurde beispielsweise unterstellt, ich sei ein (willens)schwacher Mensch oder würde damit um Aufmerksamkeit buhlen. Was ich beides als nicht wahr empfinde oder je empfunden habe. Tatsache ist, daß bislang praktisch niemand wußte, daß ich mich selbst verletze, geschweige denn in welchem Ausmaß. Ich habe dennoch, weil ich es so oft hörte, den Glauben entwickelt, daß Selbstverletzung eine Art Makel ist. Etwas, das man nicht tun sollte. Etwas, das man tut, weil man zu dumm ist, eine bessere Alternative zu finden, oder sie konsequent umzusetzen.

Dazu kam, daß ich eine Weile in einer Partnerschaft gelebt habe, in der mein Partner Selbstverletzung als Druckmittel gegen mich gebrauchte und mit den Wunden hausieren ging, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen und sich selbst in einem verdrehten Sinn als “cool” zu etablieren. Besonders empört hat mich, daß er damals Dinge aus meiner Biographie verwendet hat, um negative Gedanken zu entwickeln, aus denen heraus er dann einen “Verletzungszwang” generierte. Inzwischen kann ich das Verhalten durchschauen, doch damals konnte ich es nicht. Es hat mich nur auf die Palme gebracht und dazu geführt, daß meine Selbstverletzung umso schlimmer wurde und in suizidalen Gedanken mündete.

Ich habe begonnen, mich selbst zu verletzen, als ich etwa drei Jahre alt war. Was davor war, liegt für mich leider bis auf wenige schlaglichtartige Erinnerungen im Dunkeln, obwohl ich allmählich merke, daß ich durch die Therapie und die Beschäftigung mit den ganzen belastenden Themen mehr Zugriff darauf erhalte. Meine Therapeutin hat mich ermutigt, diese Dinge zuzulassen, und mir gesagt, im Laufe der Therapie könnten noch viel mehr dieser Bilder hochploppen.

Ich kann mich an viele, an unzählige Gelegenheiten erinnern, zu denen meine Eltern sehr harsch mit mir ins Gericht gingen ob meiner Selbstverletzung. Ich wurde zwar immer wieder gebeten, das zu unterlassen, weil es “häßlich” sei, aber es hat sich dennoch niemand die Mühe gemacht, zu ergründen, warum ich mich verletzte. Stattdessen wurden die Reaktionen auf die Verletzungen phasenweise sehr heftig, um dann wieder komplett zu verebben. Geändert hat das nichts, wie überhaupt niemals irgendwas dazu führte, daß ich aufhörte, mir wehzutun. In schlimmen Zeiten mache ich es öfter und heftiger, in besseren Phasen weniger oder sogar mal überhaupt nicht. Bis es wieder anfängt.

Nach 35 Jahren Selbstverletzung der immer gleichen Körperpartien sind diese entsprechend geschädigt und schmerzsensibel. Oft reicht eine sanfte Berührung, um Schmerz einschießen zu lassen. Ich habe viele sehr peinliche Situationen durch die Verletzungen erlebt, weil sie in akuten Phasen zu spontanen Blutungen neigen. Ich habe mich dabei immer beschämt gefühlt und niemals “cool”. Das und die grundsätzliche Sensibilität in den Körperteilen sowie die Tatsache, das sie nicht immer zu verbergen sind und ich mich für ihren Anblick schäme, hat dazu geführt, daß ich mich aufgrund meiner selbstverletzenden Neigung irgendwann verachtet habe. Ich sah zwar keine bessere Alternative, fühlte mich aber wie ein Schwächling, weil ich das nicht “einfach” sein lassen konnte. Ich habe mich dafür verachtet, es nicht sein lassen zu können. Ironischerweise führte der dadurch aufgebaute innere Druck wieder zu mehr Selbstverletzung.

Wichtig war, überhaupt den Gedanken zu akzeptieren, daß ich mich ernsthaft verletze, denn bislang habe ich mich selbst belogen. Ich habe gesagt, solange ich mich nicht schneide, ist es keine Selbstverletzung. Eben weil die meisten Leute Selbstverletzung mit Schneiden oder Ritzen gleichsetzen. Im Grunde war mir klar, daß ich mich damit belüge, denn auch meine Form der Selbstverletzung ist ganz klar eine Selbstverletzung. Aber durch die Leugnung war es nicht so schlimm, nicht so wichtig, “irgendwie anders”.

In der Therapie habe ich das erste Mal offen darüber geredet, warum und auf welche Weise ich mich verletze. Meine Therapeutin hat sehr verständnisvoll darauf reagiert und gesagt, daß Selbstverletzung zunächst mal eine Coping-Strategie sei, die für viele traumatisierte Menschen funktioniert. Daß Menschen sich selbst wehtun und verletzen, läge ja nicht daran, daß es ihnen so gut ginge, doch weil Nichttraumatisierten das Verständnis für die inneren Prozesse Traumatisierter fehlt, würde Selbstverletzung entsprechend rüde und abfällig bewertet werden. Dabei sei es ein sehr praktischer, am Hier und Jetzt orientierter Weg, mit Dingen umzugehen, die eigentlich nicht zu verkraften seien. Nichttraumatisierten jedoch fällt es schwer, zu begreifen, daß Verletzungen etwas sind, das einen überleben und irgendwie klarkommen oder den Tag überleben läßt.

Sie sagte weiterhin, für viele Menschen, die sich selbst verletzen, läge der Sinn dafür darin, im Hier und Jetzt zu ankern. Der Schmerzreiz würde dafür sorgen, daß man weniger dissoziiert, derealisiert und depersonalisiert. Ich muß gestehen, daß das bei mir leider nicht wirklich funktioniert, zumal ich den Schmerzreiz inzwischen grundsätzlich als eher angenehm empfinde. Oft manipuliere ich die Bereiche, ohne sie dabei zu verletzen, um den Schmerz zu fühlen, und das geht mittlerweile erschreckend einfach und obendrein unauffällig. Und ist irgendwie Gewohnheit geworden. Wie alle Gewohnheiten und Rituale gibt auch die Selbstverletzung eine gewisse Ordnung und das Gefühl, die Dinge unter Kontrolle zu haben. Jedenfalls ist Selbstverletzung deutlich einfacher zu kontrollieren (wenn auch nicht zu dosieren) als das Leben an sich – oder gar andere Menschen. Ich will jetzt nicht groß auf meine Probleme mit Menschen eingehen, aber insgesamt finde ich Menschen beängstigend schwierig einzuschätzen und nehme sie daher als unsichere Faktoren wahr (im Guten wie im Schlechten).

Als mir klar wurde, daß bestimmte Formen der Selbstverletzung, die ich praktiziere, regelrecht rituellen Charakter haben, löste das ein ziemlich mulmiges Gefühl aus. Es fühlt sich sehr sonderbar an, mir einzugestehen, daß ich Selbstverletzung durchaus zelebriere. Meine Therapeutin konnte mir allerdings klarmachen, daß diese eine Form von Selbstverletzung einen entscheidenden Nachteil hat: sie ist nicht sofort verfügbar, wenn ich sie bräuchte. Ich brauche dafür einen Ort, wo ich allein sein kann, und das ist schlecht, wenn ich unterwegs bin. Eine andere Form der Verletzung, von der ich eingangs sprach, ist hingegen immer und überall verfügbar und halt auch unauffällig (wenn ich es nicht übertreibe). Sie schlug vor, einen nicht-invasiven, immer verfügbaren Reiz zu schaffen, beispielsweise durch das Riechen an einem Fläschchen mit Ammoniak oder das Zerbeißen einer getrockneten Chili-Schote.

Die Idee meiner Therapeutin war, daß es ein Ziel sein könnte, auf Dauer von den stark invasiven (sprich: Blutungen auslösenden) Formen der Selbstverletzung wegzukommen. Dafür hat sie mir ein paar Alternativen genannt, die für mich alle zu “weich und clean” sind, jedenfalls im Moment noch. Ich habe ein bißchen im Netz recherchiert und bin dabei auf eine Seite gestoßen, wo eine Menge mögliche Alternativen zu Selbstverletzung genannt werden. Da gibt es ein paar, von denen ich mir vorstellen könnte, daß sie funktionieren könnten, wenn ich sie über einen längeren Zeitraum eingeübt habe – schließlich ist auch Selbstverletzung eingeübt worden. Aber ehrlich gesagt wird es mich in jeder einzelnen Akutsituation massive Überwindung kosten, etwas anderes als das Altbewährte zu probieren. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt schaffe. Ich hoffe nur, daß ich mich dann nicht wieder als Versager sehe.

Zur Zeit mag ich noch gar nicht daran denken, irgendwann einmal ganz auf Selbstverletzung verzichten zu können. Klar wäre das schön, aber mir erscheint das jetzt gerade noch unvorstellbar weit weg. Eigentlich unmöglich. Jedenfalls reicht es gerade noch nicht, mir zu sagen, ich bin HIER und JETZT, weil die Vergangenheit alles andere als vorbei ist…

Ganz zum Schluß möchte ich mich noch bei B. bedanken. Danke für Deine inspirierende Offenheit und die pointierte Ehrlichkeit, mit der Du über Dich und Dein Leben mit mir redest. Ich weiß das sehr zu schätzen.

Valo, 03.04.2015, 20:58 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 15 bis 17 ::

In der 15. Woche entdecke ich, daß das alkoholhaltige Testogel mir ein paar wunde Stellen verursacht hat. Mist! Dabei creme ich die Stelle, auf die ich es auftrage, gewissenhaft jeden Abend ein. Aber wahrscheinlich war es keine gute Idee, es immer auf dieselbe Stelle zu applizieren, und ich sollte mehr wechseln.

Ich telefoniere mit meinem Arzt wegen der neusten Blutergebnisse und wir beide freuen uns darüber, daß mein Testo-Spiegel endlich da ist, wo er sein soll. Er sagt, jetzt müßten die Veränderungen schneller passieren. Darauf freue ich mich, denn obwohl es mir wichtig war, behutsam einzusteigen, regt sich doch der positive Neid, wenn ich von meinen Mit-Startern Stimmaufnahmen höre. Ich spreche an, daß ich drei Kilo zugenommen habe, und mein Arzt lacht und bittet mich, mich nicht mehr auf die Waage zu stellen. Er sagt, ich werde noch mehr an Gewicht zulegen, soll aber meinen Bauchumfang messen – wenn der abnimmt, passiert das, was wir wollen. Nach dem Telefonat schnappe ich mir direkt mein Maßband (Himmel, wann habe ich eigentlich das letzte Mal genäht?) und stelle befriedigt fest, daß ganze 7 cm fehlen. Yay! Den ärztlichen Rat, mich weiterhin soviel zu bewegen, wie ich kann, werde ich beherzigen, zumal das Mehr an Muckis offenbar auch beschäftigt werden will und ich mehr Bewegungsdrang habe.

In Woche 16 muß ich nochmal zum Amt. Der Amtsleiter hat mit einem Computerspezialisten rausgeknobelt, wie er mich als männlich listen und mich trotzdem als verheiratet führen kann. Das ist ja ein Sonderfall bei Transsexuellen. Ich beantrage auch noch ein paar andere Papiere neu.

Meine neue EC-Karte trudelt ein. Es ist nur ein Plastikding, aber meinen männlichen Namen darauf zu finden, ist einer dieser Weihnachtsmomente. Ich krakele meine neue Unterschrift drunter und nehme mir fest vor, bei nächster Gelegenheit einfach mit meinem guten Namen zu bezahlen :P

Mir fällt auf, daß ich an den Armen, den Beinen und am Bauch ein dichteres Fell bekommen habe. Die (noch?) blonden Härchen an den Extremitäten stehen allerdings im krassen Gegensatz zu den ziemlich dunklen Flusen am Bauch. Der Flaum auf meinen Wangen ist immer noch ein Flaum, aber er wird deutlicher wahrnehmbar. Auch am Kinn regt sich was. Ich scherze, daß ich bereits einen Vollbart trage – incognito!

An den Armen bemerke ich größere, gewölbtere Muckis, denen es wahrscheinlich guttäte, wenn ich Gewichte stemmen könnte. Da meine Sehnen das aber überhaupt nicht witzig finden, ignoriere ich diesen Impuls und versuche einfach, täglich Yoga zu machen und zu radeln. Daß ich mehr Energie habe, merke ich aber auch in allen anderen Lebensbereichen, außer in einem: ich bin dauermüde. Egal, ob ich lang oder kurz schlafe, egal, wie voll der Tag war. ZzzZzz!

In der 16. Woche habe ich das erste Mal Passing. Ein älterer Mann erklärt seiner Frau, daß er den “jungen Mann” durchlassen muß, bevor sie weitergehen können. Ich freue mich tierisch darüber, frage mich aber gleichzeitig, ob der Gute vielleicht nicht mehr so richtig sieht, denn ich finde, daß sich an meinem Äußeren nichts verändert hat und ich nach wie vor als Frau wirke.

In der 17. Woche kommt meine neue Krankenkassenkarte an und da ich sie überall neu einchecken lassen muß, bin ich ziemlich oft damit beschäftigt, mich als trans zu outen. “Nein, ich bin noch derselbe Mensch, aber mein Vorname und mein Personenstand haben sich geändert. Genau, transsexuell!”. Die meisten gehen nett bis lustig damit um, aber ich denke, daß ich es allmählich echt leid bin, immer noch als Frau wahrgenommen zu werden. Jaja, es braucht nur Zeit, aber es gibt auch Tage, an denen ich nicht mehr mag. Muffel!

So allmählich trudeln auch andere offizielle Dokumente ein, die ich ändern lassen mußte. Schon irre, an was man alles denken muß. Vieles kann ich zudem erst in Angriff nehmen, wenn der neue Perso da ist.

In der 17. Woche bemerke ich auch, daß meine Stimme sich verändert. Ich klinge öfter belegt, als hätte ich einen Frosch im Hals. Da meine gesamte Familie gerade krank ist, kann ich nicht ausschließen, daß die andere Tonhöhe bei mir ebenfalls erkältungsbedingt ist. Aber halt mal – wieso bin ich nicht auch krank? Ich vermute, mein “Steroid-Doping” begünstigt meine Immunität. Super! :D

Und jetzt noch zwei Mitteilungen von der intimeren Front. Erstens: Testo macht Möpse schlaff. Wirklich schlaff. Leider schrumpfen sie nicht, aber immerhin sind sie nicht mehr ständig im Weg. Zweitens: Testo läßt die Klitoris wachsen und macht praktisch dauer-rattig, aber aus irgendeinem Grund erreicht man den Höhepunkt schwer bis gar nicht. Da viele Transmänner davon berichten, wollte ich das mal erwähnt haben.

Valo, 21.03.2015, 00:52 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Einzelhandelswüste ::

Ich nutze Amazon total gern. In den letzten Jahren gab es dazu immer wieder ganz viele, total politische Diskussionen, weil Amazon ja so ein Monopolist ist und das die lokalen Märkte angeblich kaputt macht. Hier in Karlsruhe gibt es jetzt auch eine Aktion, die heißt “Laß den Klick in Deiner Stadt“. Diese Aktion will das Bewußtsein für den lokalen Markt heben und die Konsumenten dazu bringen, wieder vermehrt in den Einzelhandel zu gehen, anstatt online zu shoppen.

Normalerweise bin ich solchen Forderungen gegenüber resistent, weil meine Erfahrungen mit dem Einzelhandel eher unterirdisch sind. Ich habe es nicht so mit Menschen und es nervt mich, der “Beratung” durch “Fachpersonal” ausgesetzt zu sein. Die Leute, deren Job es ist, mir Kram anzudrehen, werden in den letzten Jahren immer mehr auf Verkauf und weniger auf Beratung geschult, was dazu führt, daß alle dieselben hanebüchenen Parolen skandieren. Ich habe mich aber für ein relativ werbearmes Leben entschieden, will sagen: ich glotz kein TV, ich lese keine Zeitungen, an meinem Gartentor steht, daß ich keine Werbung wünsche, ich kriege keine Newsletter und ich höre auch keine Werbung im Radio. Das mache ich seit Jahren so, denn die meisten Dinge, die beworben werden, finde ich absolut überflüssig, und ich mache keine Kaufentscheidungen von der Werbung abhängig. Werbung, die mich dann doch mal erreicht, analysiere ich gern. So hat sie wenigstens noch einen Nutzen. In Verkaufsgesprächen sehe ich mich dann aber genau der Form von aggressiver Werbung und Lifestylediktatur ausgesetzt, die ich nicht will. Insofern bin ich immer total froh, wenn das Verkaufspersonal sich lethargisch mit dem Sortieren von Styroporflocken befaßt oder an der Kaffeetasse festklammert und mich einfach in Ruhe läßt.

Das letzte echte Verkaufsgespräch hatte ich im letzten Sommer, wo ich mir eine neue Bettdecke kaufen wollte. Das lief ungefähr so:

ich: hallo. Ich suche eine dünne Sommerdecke aus Naturfaser, also Seide oder Wolle oder sowas. Kein Polyester. 

Verkäufer: aber Naturfaser ist doch gar nicht gut! Gucken Sie mal, hier habe ich eine ganz tolle Decke aus 100% Polyester, die ist atmungsaktiv und -

Leider führen solche Begegnungen nicht dazu, daß meine Shoppinglust, was den lokalen Einzelhandel angeht, angeregt wird. Das ist genau der Grund dafür, wieso ich Amazon liebe. Die haben zwar nicht alles, aber vieles. Die liefern über Nacht. Wenn mal was nicht funktioniert, wenn es defekt ist oder nicht gefällt, nehmen die das zurück. Ich brauche dafür nicht mal menschlichen Kontakt. Das lästige Verkaufsgespräch wird durch Rezensionen ersetzt. Mit der Zeit lernt man, das Wichtige rauszulesen. Funktioniert super.

So.

Nun gab es heute tatsächlich mal eine Situation, in der ich nach Monaten der Einzelhandelsabstinenz (abgesehen von Supermärkten und C&A, wo man “Beratung” hervorragend ausweichen kann) dachte, es wäre schlau, in den lokalen Einzelhandel zu gehen. Ich wollte mir einen bluetoothfähigen Kopfhörer angucken, ihn gern mal ausprobieren und schauen, ob er für mich paßt. Auch vom Tragekomfort und der Bedienbarkeit her.

Auf dem Parkplatz angekommen, werde ich erstmal zugequalmt. Behindertenparkplätze direkt neben der Raucherecke – lecker! Rein in den Markt. Großes Teil, null übersichtlich. Nach einigen Minuten finde ich, was ich suche, aber nicht da, wo es Sinn machen würde. Also nicht bei HiFi, sondern zwischen Fußbällen und Lockenstäben. Ich gucke zehn Minuten die Kopfhörer durch, die sie ausgestellt haben. Mitten in der Auslage ist ein Bildschirm angebracht. Der sagt, ich soll die Kopfhörer gern ausprobieren. Einfach aufsetzen, Gerät auswählen, Song auswählen und genießen. Ich probiere das mit mehreren Geräten. Es passiert nichts. Schon etwas genervt schaue ich weiter, finde einen Kopfhörer, der mich interessieren könnte. Leider gibt es nur ein einziges Exemplar, das verpackt ist. Ich nehme den Karton und suche einen Mitarbeiter. Keiner da. Finde erst einen in der angrenzenden Abteilung. Der sagt, er hat keinen Schimmer, ob man die Packung öffnen darf, aber er ruft mir einen Kollegen. Zwei Minuten und zwei Telefonate später lächelt er entschuldigend: der Kollege sei “auf dem Topf” und müsse “bald” da sein. Too much information, buddy. Ich gehe zurück in die Kopfhörerabteilung und warte. Von einem anderen Hersteller gibt es Kopfhörer zum Ausprobieren. Halt nicht mit Musik, sondern mit Werbegeschwafel. Ich höre mir das zweimal an, also sind weitere 10 Minuten vergangen. Nach nochmal 7 Minuten ist der Typ vom Klo zurück und widmet sich anderen Kunden. Die wollen auch gern einen eingepackten Kopfhörer angucken, weil es offenbar auf die richtige Farbe ankommt. Der Typ hat keinen Schimmer, was es in seiner Abteilung alles gibt. Verwechselt Preise und Modelle, muß dann nach nebenan, weil es da eventuell dieses und jenes Modell nochmal anders geben könnte. Erst als die Kundin nochmal sagt, sie will den Kopfhörer mal ausgepackt angucken, sagt er: “ich darf keine Verpackung öffnen!”. Wunderbar. Für diese Erkenntnis habe ich gerade insgesamt 40 Minuten meiner Lebenszeit und übrigens auch der Sonne draußen verschwendet. Lächelnd flöte ich die magischen Worte “Internet-Versandhandel” und verlasse den Laden, nicht ohne am Eingang nochmal zugequalmt zu werden.

Lieber lokaler Einzelhandel, während Du noch schläfst, liefert Amazon schon meine neuen Kopfhörer. Gute Nacht.

Valo, 17.03.2015, 01:22 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

Was mir an Fat Acceptance auf den Keks geht

Im Moment liest man überall von Fat Acceptance und ich will dazu mal was aus meiner übergewichtigen Perspektive schreiben. Das hier ist also – wie übrigens alles, was ich hier blogge – rein subjektiv und es muß Dir nicht gefallen.

Fat Acceptance (“Fettakzeptanz” oder “Akzeptanz von Fetten”) ist ein Stichwort des 3rd-Wave-Feminism. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, daß Fat Shaming (“Fettbeschämung” oder “Beschämung von Fetten”) ein Hate Crime (“Haßverbrechen” oder “Verbrechen aus Haß”) sei. So, ich hoffe, daß ich jetzt mal wieder normalere Sätze zustande kriege – vielleicht wär’s auch schlicht einfacher, das alles hier auf Englisch zu bloggen -.-

In meinen Augen ist Acceptance insgesamt ein wichtiges Anliegen. Mit Menschen akzeptierend und höflich umzugehen, finde ich eine grundlegende Eigenschaft. Dazu habe ich eigentlich auch nicht mehr zu sagen.

Aaaaber. Ich finde es zum Kotzen, fett zu sein. Wir reden hier nicht von einem liebenswerten Röllchen, sondern von krankhafter Fettsucht, wobei mir hier der englische Begriff – morbidly obese – nähersteht, weil da nix von “Sucht” drin vorkommt. Ich bin nicht süchtig nach Fett, schon gar nicht nach meinem, dankeschön. Ab einem bestimmten Punkt ist es in meinen Augen tatsächlich einfach nur krank, fett zu sein. Wie gesagt, ich rede hier nicht von einem Röllchen, sondern von Kilos über Kilos Gewicht, das man mit sich rumschleppt. Das das Herz-Kreislauf-System belastet. Das zu Diabetes führen kann. Das die skeletalen und viszeralen Systeme überfordert. Diese Tatsachen gehen in der Fat-Acceptance-Bewegung irgendwie unter. Diese Bewegung will fetten Menschen vermitteln, daß es ok ist, fett zu sein. Aber ich als fetter Mensch finde das gar nicht ok. Ich finde es nicht ok, hohen Blutdruck zu haben. Ich finde es nicht ok, daß ich Gelenkschmerzen bekomme. Ich finde es nicht ok, daß ich ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes habe. Ich finde es nicht ok, daß ich vermutlich früher sterben werde, bloß weil ich fett bin.

Es läßt sich einfach nicht weg-akzeptieren, daß fette Menschen für bestimmte Krankheiten sehr viel anfälliger sind und dann entsprechend mehr Medikamente brauchen, die wiederum zu ganz wunderbaren Nebenwirkungen für sie selbst, aber auch für die Umwelt führen. Die Lösung für das Fettproblem, auf das wir weltweit zurudern, liegt nicht darin, einfach breitere Türstöcke, breitere Betten, belastbarere Fahrstühle und größere Särge zu bauen oder mehr Klamottenlabels für Fette zu gründen. Oder fetten Leuten, die aufgrund ihres Übergewichts Diabetes entwickelt haben, die Hand zu halten und pathetisch zu verkünden, daß sie aber trotzdem total liebenswert und ok sind. An Übergewicht kann man sterben. An Diabetes kann man sterben (oder erblinden oder ein paar Zehen oder gleich ein Bein verlieren – aber egal, Du bist toll, wie Du bist!).

Ich finde es befremdlich, welche Blüten das Fat Acceptance Movement teilweise so treibt. Leuten, die sich mit ihrem Gewicht krankmachen, nicht mehr sagen zu dürfen, daß sie zuviel wiegen, per se als “Hatecrime” zu deklarieren, halte ich für Schwachsinn. Für mich definiert sich “Hatecrime” definitiv anders. Natürlich ist es eine unbequeme Wahrheit, zu fett zu sein. Natürlich steckt hinter jedem Gewichtsproblem – auch hinter Untergewicht – eine Geschichte. Natürlich hilft es, Menschen akzeptierend und respektvoll zu begegnen, ggf. im Rahmen einer begleitenden Therapie. Aber mei, Menschen mit deutlichem Übergewicht hilft es überhaupt nichts, wenn sie darin verharren und durch das Fat Acceptance Movement auch noch das Gefühl vermittelt bekommen, daß sie ruhig einfach fett sein können und sich – leider nur zu oft damit verbunden – ruhig weiter alles reinstopfen können.

Ich als Übergewichtiger würde mir wünschen, daß Fat Acceptance bedeutet, nicht länger für einen unreflektierten Fettklops gehalten zu werden, der sowieso den ganzen Tag nur Fastfood in sich reinstopft und sich nie bewegt. Ich würde mir wünschen, daß Fat Acceptance eine Umgebung schafft, in der es fetten Menschen durch positive Erfahrungen und zwischenmenschliche Erlebnisse einfacher gemacht wird, hinter den Grund für ihr Übergewicht zu kommen, und daß es dann Menschen gibt (Ärzte, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Trainer, …), die sie auf dem Weg zu weniger Gewicht und einer besseren Gesundheit begleiten, ohne sie zu verurteilen oder zu bevormunden. Ich würde mir aber auch wünschen, daß Fat Acceptance es denen, die klar ansprechen, daß wir Gewichtsprobleme haben, nicht schwer bis unmöglich macht, diese Wahrheit und Warnung auszusprechen. Hand auf’s Herz…in den meisten Fällen wissen wir fetten Leute selbst, daß wir ein Problem haben.

Valo, 06.03.2015, 15:12 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 5 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 12 bis 14 ::

Woche 12 zeichnet sich dadurch aus, daß nix passiert. N*I*X. Während die anderen Transmänner, die mit mir im November begonnen haben, von Stimmbruch und Bartwuchs reden, übe ich mich in Geduld. Das Gefühl, daß diese wichtigen Dinge nur so zäh passieren, läßt mich nochmal in epischer Breite begreifen, was ich da tu. Bestimmte Dinge kann ich mir auch mit großer Anstrengung nicht vorstellen, z.B. mein männliches Gesicht oder mich mit Bart, den ich ggf. täglich rasieren muß, falls er mich nervt. Habe viele gute Gespräche mit meinen Partnern, die mir von ihrer Pubertät erzählen.

Ich denke darüber nach, was ich mit 12 oder 13 mochte. Was ich gern gemacht habe. Es ist schön, so ein bißchen in der Vergangenheit zu wühlen. Aber mir wird auch klar, wieso meine erste Pubertät so schwierig war. Meine zweite Pubertät erlebe ich bisher als anstrengend, aber nicht so schwierig. Sie holt Zeug nach oben, das ich gern vergessen hätte. Jetzt ist aber etwas anders: ich bin erwachsen, obwohl ich in der Pubertät bin. Ich habe heute ganz andere Skills und Mittel, mir selbst zu helfen und mich zu stabilisieren.

Passend zu Imbolc steht mir da also eine große Reinigung ins Haus, auf allen Ebenen. Ich ertrage gerade kein Geschwindel, kein Geheuchel, keine Halbwahrheiten. Abstufungen und Nuancen, schön und gut, aber Wischiwaschi brauche ich nicht. Just in dieser Zeit melden sich Menschen bei mir, zu denen ich länger keinen Kontakt hatte, um zu zeigen, daß sie noch da sind. Das finde ich unfaßbar schön und dafür bin ich mehr als dankbar ♥

Ende Februar, in der 14. Woche auf Testo, kommt endlich der rechtskräftige Beschluß vom Gericht. Ich bin nun offiziell männlich und das kann niemand mehr anfechten. Cool! Etwas skurril ist dann aber der Besuch auf dem Amt, wo ich meinen Perso und meinen Führerschein ändern lassen will. Der Amtsleiter schließlich führt ein paar Telefonate, bei denen er mich als “die Person” bezeichnet, obwohl ich direkt vor ihm sitze. Irgendwie ist das verletzend und es nervt, immer noch als Frau wahrgenommen zu werden.

Sehe ich den Mann in mir? Die Frage stelle ich mir plötzlich wirklich. Allerdings nicht nur wegen des Besuchs auf dem Amt. Woher weiß man, daß man sich männlich oder weiblich fühlt? Vieles ist doch einfach nur Prägung. Welche Geburtstagsgeschenke habe ich bekommen, die mich einem bestimmten Gender zugeordnet haben? Wie oft wurde ich weiblich angeredet? Wie oft wurde von mir erwartet, daß ich mich auf eine bestimmte Art verhalte, weil das als weiblich gilt? Doch bei aller philosophischer Betrachtung weiß ich doch auch, daß ich mich dennoch als Mann wahrnehme. Und so wahrgenommen werden will.

Ich erhalte erste offizielle Post an meinen männlichen Namen. Starre den Brief einige Sekunden an, weil ich es gar nicht fassen kann, und habe den Rest des Tages ein Strahlen im Gesicht, mit dem ich jeden Keller erhellen könnte. Mir geht auf, daß ich jetzt auch mal meine neue Unterschrift üben sollte. Meine alte war ein kunstvolles Geschnörkel und es wäre mir zu langweilig, einfach meinen Namen hinzuschreiben. Also schwinge ich den Kugelschreiber und übe.

Als ich nach Wochen mal wieder auf die Waage steige, kriege ich fast einen Schlag: 3 Kilo zugenommen! Dabei esse ich nicht mehr, obwohl ich das erwartet hätte. Ich weiß, daß die meisten erstmal rund 10 kg zulegen, um dann allmählich Gewicht zu verlieren. Die meisten sind nach zwei, drei Jahren auf Testo sogar leichter als ohne. Da meine Hosen allerdings immer noch passen, vermute ich, daß das vor allem Muskelmasse ist. Ich merke nämlich auch beim Yoga und bei anderen Sachen, daß ich mehr schaffe. Zum Beispiel 10 km radeln statt bisher 5. Das ist cool. Denke viel über meine Möglichkeiten nach, derzeit Gewicht zu reduzieren, aber am Ende steht immer die Erkenntnis, daß ich gerade einfach nichts dagegen machen kann, schwerer zu werden. Vielleicht werde ich mir eine Waage kaufen, die auch das Körperfett mißt. Dann ist es vielleicht weniger frustig…

Valo, 02.03.2015, 11:02 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

:: Kindermund ::

Das Kind ist zum Geburtstag eines Klassenkameraden eingeladen. Dieser wünscht sich ein Buch.

Ich: “Was für ein Buch soll es denn sein?”

Kind: “Was Mittelbrutales!”

*gacker*

Valo, 24.02.2015, 18:30 | Abgelegt unter: FamilienLeben | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 9 bis 11 ::

In der neunten Woche glaube ich erst, ich gucke nicht richtig, aber doch, ich habe Bauchfell bekommen! Rund um den Nabel haben sich feine, dunkle Härchen entwickelt. Vermutlich unterscheidet es mich von anderen Transmännern, aber ich nehme die Haare erstmal mit Befremden wahr. Ich hatte noch nie sichtbare Haare am Bauch und finde das erstmal etwas merkwürdig, aber nach ein paar Tagen finde ich den Gedanken, daß ich vielleicht zu einem Bären transitioniere, längst nicht mehr so schlimm, sondern eher…nun ja, auf irgendeine Weise schön.

In der neunten Woche läßt auch diese überbordende Dauergeilheit endlich etwas nach. Gott sei Dank! Das war ja nicht zum Aushalten. Ich vermute, das war die Erstlingsreaktion auf die höhere Dosis Testosteron. Auch die Aggression läßt deutlich nach und ich bin wieder mehr ich selbst. Finde ich gut.

Der Flaum an meinen Wangen prosperiert und ist sehr flauschig. Ich mag ihn jetzt nicht abrasieren, sondern lasse ihn wachsen. Mir geht auf, daß ich mich demnächst irgendwann damit befassen muß, wie ich mich rasieren möchte. Ich habe mich bisher immer nur naß rasiert und fand das an sich auch sehr angenehm, aber vielleicht wäre ein Trockenrasierer praktischer? Na, kommt Zeit, kommt Bart, kommt Rasierer.

In der zehnten Woche merke ich zum ersten Mal, daß meine Kondition sich verändert hat. Es gibt eine Yoga-Übung, bei der ich normalerweise maximal 30 Sekunden schaffe – diesmal schaffe ich 2 x 1 Minute mit nur einer kurzen Pause. Wow, das habe ich noch nie zuvor geschafft, in drei Jahren Yoga nicht!

Trotzdem habe ich plötzlich das Gefühl, daß es nicht mehr vorwärts geht. Im Grunde, denke ich, ist das ja Quatsch, aber das Gefühl bleibt. In der elften Woche erfahre ich auch, wieso: ich war immer noch unterdosiert. Tatsächlich hat sich ein Testo-Wert um ein Drittel reduziert, seit ich die doppelte Dosis nehme *lol* Jetzt soll ich nochmal aufdosieren. Was ich so von anderen hören, die mit mir im November begonnen haben, hinke ich ganz schön hinterher. Aber ok.

Plötzlich (oder vielleicht auch nicht gar so plötzlich) passiert etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe: ich werde brutal in vergangene Traumata zurückgeworfen. Es ist so krass, daß ich Panikattacken habe wie seit meiner Jugend nicht mehr, und blöderweise erinnert mein Körper dieses Gefühl so genau, daß ich mich genau wie damals fühle. Übel :( Diesmal ist aber etwas anders: ich habe Partner, die an meiner Seite stehen und mir notfalls auch morgens um 3 Geschichten vorlesen. Ich habe Ärzte, zu denen ich auch hingehe. Ich habe eine Therapeutin, die mich toll unterstützt und die offenbar darauf gefaßt war, daß das passiert. Ich hoffe, ich kriege mich wieder in den Griff, denn die körperlichen und psychischen Symptome sind gerade kein Zuckerlecken. Ich darf ja auch nicht vergessen, daß ich komplett umbaue.

Dann kommt auch noch ein Brief von meinem Vater. Er schreibt, ich soll mich nie wieder bei ihm melden. Spontan muß ich heulen, aber irgendwie habe ich nichts anderes erwartet. Ich habe das gemacht, was mir alle geraten haben: ihn von meiner Vornamens- und Personenstandsänderung unterrichtet. Now fuck that.

In dieser echt schweren Zeit erhalte ich aber doch noch ein Bonbon für meine Seele: meine Mens bleibt aus. Und Migräne hatte ich diesen Monat auch keine. Es geht voran.

Ein Teil in mir fragt, ob es das wert ist. Ist ein Leben als Mann es wert, daß 90% meiner Freundinnen gegangen sind? Daß ich mir von einem Menschen, der die letzten 20 Jahren nicht für mich da war, noch einen Arschtritt hole? Daß ich mich immer wieder und merkwürdigerweise immer stärker dysphorisch fühle, weil ich befürchte, niemals als Mann erkannt zu werden? Daß die ganzen alten, verquasten Traumata wieder hochkochen und mich so stark körperlich und psychisch reagieren lassen? Es wäre doch so viel bequemer, wenn das alles nicht passieren würde, right? Nein. Verharren würde heißen, daß es niemals heilt. Es würde heißen, vor mir selbst wegzurennen und nie wirklich zu leben. Transitioning is about surviving.

Valo, 08.02.2015, 20:59 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare
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