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:: Anhörung bei Gericht und letztes Coming Out ::

Neulich hatte ich die Anhörung bei Gericht für meine Vornamens- und Personenstandsänderung. Aus irgendeinem Grund war ich diesmal viel aufgeregter als bei den Gutachterterminen im November – vielleicht weil das Ganze nun offiziell werden würde. Ich habe trotzdem an dem Tag keine Krawatte getragen, hahaha :)

Vor dem Richterzimmer mußte ich erstmal eine Weile warten, bis ich aufgerufen wurde. Sehr merkwürdige Situation im Raum: der Richter hinter seinem Tisch und ich ein paar Meter von ihm weg hinter einem anderen Tisch. Nun ja.

Er fragte, ob es korrekt sei, daß ich mich wegen der Anhörung bezüglich der Vornamens- und Personenstandsänderung gemäß §1 und 8 TSG eingefunden hätte. Jawoll. Er sagte, er habe die Gutachten gelesen und da er kein Psychiater sei, sei er gehalten, sich nach ihnen zu richten – und beide seien ja positiv ausgefallen. Dennoch hätte er, wenn es mir recht wäre, ein paar Fragen.

Vor allem wollte er wissen, wie meine Mitmenschen mit meinem Coming Out umgehen. Ich antwortete, daß meine Familie incl. meinem Sohn sehr entspannt damit umgeht, daß sich aber rund 90% meiner sonstigen Kontakte erledigt haben. Der Richter war nicht überrascht – sowas hört er wohl öfter. Ich sei mir aber trotzdem sicher? Ja, absolut. Er fragte außerdem noch nach hormonellen und operativen Maßnahmen.

Und dann sagte er den Satz, auf den ich nun schon 37 Jahre warte: “Das Gericht stellt fest, daß der Antragsteller als dem männlichen Geschlecht angehörig anzusehen ist und daß seine Vornamen künftig Valo Thóralf … lauten”.

Keine Big Band. Kein Chor. Nur ein Kribbeln die Wirbelsäule runter. Dankbarkeit. Das gute Gefühl, daß es jetzt so ist, wie es schon immer hätte sein sollen.

Insgesamt war ich vielleicht 20 Minuten beim Richter drin. Das Gespräch war freundlich, zugewandt und fair.

Die schriftliche Mitteilung über den Beschluß habe ich auch schon bekommen. Nun warte ich nur noch darauf, daß der Beschluß rechtskräftig wird, was vielleicht nochmal sechs bis acht Wochen dauern mag. Und dann geht der Änderungsmarathon los, denn ich muß restlos alles, was bisher auf meinen weiblichen Namen lief, umschreiben lassen.

Für mich bedeutet das nun, daß ich – vermutlich – für dieses Jahr mit allem durch bin, was ich anpacken wollte. Die Hormontherapie und die Begleittherapie laufen und die NUPS ist durch. Jetzt kann ich mich eigentlich gemütlich zurücklehnen und darauf warten, daß mir ein Bart wächst :)

Nachdem ich den Beschluß in Händen hielt, hatte ich allerdings noch ein letztes Coming Out vor mir. Mein Vater hat bisher nichts von meiner Transidentität gewußt. Da unser Kontakt schwierig bzw. nicht vorhanden ist, habe ich mich entschlossen, ihm einen Brief zu schreiben. Nach diversen Entwürfen, von knapper Mitteilung bis hin zu fürchterlich emotionalem Geheule, ist mir, glaube ich, ein eher neutrales Mittelding geglückt. Diesen Brief zu schreiben, fand ich entsetzlich schwer – welche Worte sollen schon möglichst knapp und doch präzise und für einen Menschen, der davon scheinbar nie was mitbekommen hat, darlegen, welchen Weg ich hinter und welchen ich noch vor mir habe? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Am Ende habe ich den Brief zugeklebt und abgeschickt und gedacht, ich gebe das jetzt aus den Händen. Er muß darüber informiert werden (sagen alle Therapeuten, Gutachter und auch der Richter), also ab damit. Ich versuche im Moment, gar nichts zu erwarten – nicht mal eine Reaktion. Das ist schwierig, eben weil es so emotional ist. Ich würde wenigstens einmal in meinem Leben gern hören wollen, daß mich jemand seinen Sohn nennt. Ich hätte eigentlich noch so viele Fragen über meine Kindheit und Jugend…aber ob er sie mir beantworten könnte? Whatever, ich habe mich mitgeteilt und eine Hand gereicht, jetzt muß ich abwarten.

Emotional geht es mir jetzt gerade ein wenig merkwürdig. Ich bin froh und dankbar, daß dieser ganze Prozeß so schnell abgewickelt werden konnte. Gerade mal auf den Tag genau vier Monate vom Stellen des Antrags bis zum Beschluß, das ist schon rekordverdächtig. Ich kann es allerdings noch nicht recht glauben und habe Angst vor irgendwelchen Komplikationen oder davor, daß mir das Erreichte doch wieder aberkannt werden könnte – total irrational, aber mei, so ist das halt.

In der kommenden Zeit werde ich hier nochmal ein paar Dinge zum Kauf anbieten, um ein bißchen Geld für die NUPS zu sammeln. Die Rechnung kommt übrigens ganz am Schluß, nachdem der Beschluß rechtskräftig geworden ist. Ich habe immer noch keine Ahnung, was da auf mich zukommen wird…

Valo, 30.01.2015, 13:53 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: Schwul? Wäre es da nicht einfacher gewesen, eine Frau zu bleiben? ::

Nachdem ich diese Reaktion schon relativ oft auf mein Coming Out bekommen habe, dachte ich, ich lege das mal auseinander. Vielleicht hilft das ja beim Verständnis.

Der Satz in meiner Überschrift weist darauf hin, daß der Fragesteller folgende Rechnung aufmacht:

Schwule sind auf Männerfang. Ein schwuler Transmann auch. Es gibt aber nicht so viele Schwule wie Hetero- oder Bi-Männer, ergo hätte es eine Frau einfacher, einen Mann zu finden, rein von der Quote her. Und da ein Transmann ja eigentlich eine Frau ist, kann sie dann ja direkt eine Frau bleiben, dann kriegt sie die meisten Männer.

Mäp! Falsch! An dieser Theorie stimmt so ziemlich gar nichts.

Zunächst mal ist natürlich nicht jeder Schwule auf Männerfang. Ich finde dieses Vorurteil eigentlich sehr interessant, weil es so “wunderbar” direkt auf den 50ern zu kommen scheint, wo man sich auch bei einer Atombombenzündung unterm Küchentisch sicher wähnte. Herrlich. Sexuelle/romantische Orientierung ist kein Indikator für das Promiskuitätslevel. Oder wie immer Du das nennen willst. Es ist einfach nur ein tradiertes, verzerrtes, sexistisches Klischee.

Der Gedanke, daß ein Transmann ja eigentlich eine Frau ist, ist genauso grundlegend falsch. Ein Transmann ist eine männliche Seele, ein männliches Gehirn in einem weiblichen Körper. Ich würde also zustimmen, wenn jemand die Aussage treffen würde, daß Transmänner in einem weiblichen Körper zur Welt kommen und demnach ständig für eine Frau gehalten werden, aber das ist eben nur die Verpackung – in unserem Fall eine Mogelpackung, die uns selbst und alle anderen an der Nase herumführt. Dinge bleiben für gewöhnlich sie selbst, auch wenn Du noch so steif und fest behauptest, daß sie etwas anderes sind. Da spielen natürlich eine Menge Erfahrungen, Vorurteile, Ängste und Unwissenheiten rein (nichts, was man nicht beseitigen könnte).

Wenn ich vermutlich eins mit Sicherheit sagen kann, dann daß ich noch nie jemanden kennengelernt habe, dem so langweilig wäre, daß er den Transweg bloß deswegen geht, weil er nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen wußte. Dieser Weg ist nix für Luschen. Die Menschen, die ihn gehen, können nicht anders. Für viele gibt es tatsächlich nur zwei Möglichkeiten: transitionieren oder sterben. Trans zu sein, ist keine Entscheidung, die man trifft. Kein Hobby. Trans zu sein ist angeboren, und man hat darauf genauso viel Einfluß wie auf seine Augenfarbe: keinen. Insofern hat ein Transmensch keine Wahl, ob er nicht doch lieber nicht trans sein möchte, weil er in seinem biologischen Geschlecht vielleicht bessere Chancen hätte, jemanden “abzukriegen”. Die sexuelle/romantische Orientierung kann sich im Laufe der Zeit verändern. Trans zu sein, verändert sich nicht. Ich würde sagen, es durchläuft lediglich unterschiedliche Stadien des (Nicht-)Bewußtseins. Die These, daß ein schwuler Transmann es als augenscheinliche Hetero-Frau leichter gehabt hätte, ist nicht haltbar – es ist vielmehr fraglich, ob er das überhaupt überlebt bzw. sein Leben zur vollen Entfaltung gebracht hätte.

Um also auf die Frage aus der Überschrift zu antworten: wenn menschliches Leben lediglich ein technischer Prozeß wäre, bei dem es darum geht, möglichst oft flachgelegt zu werden, dann wäre es möglicherweise einfacher, wenn ein schwuler Transmann eine augenscheinliche Hetero-Frau “geblieben” wäre. Da menschliches Leben aber alles andere als das ist, ist es das nicht. Es ist keine Option. Und die meisten schwulen Transmänner reagieren sehr verletzt darauf, wenn Du sie mit so einer Aussage konfrontierst.

Valo, 25.01.2015, 11:15 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

Geschützt: :: Knochenklappern ::

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Valo, 21.01.2015, 21:35 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | Auch die Kommentare sind durch das Passwort geschützt.

:: Trans, (nicht) krank ::

In Deutschland läuft Transsexualität unter dem Etikett einer psychischen Störung (ICD-Schlüssel F64.0). Der Nachteil liegt auf der Hand: offiziell bekloppt. Konfuserweise liegt darin aber auch der Vorteil, denn durch die offiziell anerkannte psychische Störung haben Transmenschen ein Recht auf Behandlung – und die ist in Deutschland (in weiten Teilen) kostenlos, im Gegensatz zum (europäischen) Ausland, wo Transmenschen ihre Hormone und OPs selbst bezahlen müssen.

Und genau diese Ambiguität nehme ich eigentlich ständig wahr. Ich glaube, noch nie haben sich Ärzte und Therapeuten so sehr für mich interessiert wie jetzt. In meiner aktuellen Situation ist das großartig, denn ich bekomme wirklich Hilfe und fühle mich gut betreut. Rückblickend auf nicht so leichte Zeiten ist das allerdings ätzend. Damals hatte ich keine offizielle Diagnose und mir ging es hundeelend, wurde aber allein gelassen. Es ist schon sehr merkwürdig, was sich verändert, bloß weil man ein Etikett aufgeklebt kriegt.

Im Umgang mit Ärzten und Therapeuten hat mir noch niemand das Gefühl gegeben, ich sei krank, weil ich trans bin. Die Reaktionen auf mein Coming Out waren durchweg positiv, wenn auch teilweise überrascht. Ich wurde von allen Ärzten respektvoll und “normal” behandelt – sie haben meine Fragen neutral beantwortet, ohne irgendwie zu werten, und sie begleiten mich beratend, aber nicht lenkend. Ich habe Kontrolle über den gesamten Prozeß, was ich als absolut essentiell empfinde (vielleicht ist das so ein Transding: nach einem Leben in der Fremdbestimmung durch Mißgendern und Co. ist es wichtig und heilsam, den Weg nun selbstbestimmt zu finden und zu gehen). Es gab, wie ich schon schrieb, einen Arzt, der versucht hat, seine Machtposition auszuspielen, aber den habe ich direkt abgesägt – ich bin echt zu alt für so einen Scheiß.

Ich selbst empfinde mich interessanterweise seit dem inneren Coming Out, also seit dem Moment, in dem mir klar wurde, daß ich trans bin, als weniger “krank” oder “bekloppt” als zuvor. Ich habe natürlich mein Leben lang schon erfahren, daß der Umgang mit anderen Menschen für mich entsetzlich kompliziert ist, aber da ich nicht wußte, woran es liegt, hatte ich mich einfach mit diesem Zustand arrangiert und andere Erklärungen dafür gefunden. Seit dem inneren Coming Out ergeben die Probleme und Dysphorien einen Sinn und ich begreife, warum es nie funktioniert hat. Für mich ist das ein Schritt Richtung Heilung, wobei sich diese noch nicht wirklich vollziehen kann, da ich ja immer noch mißgendert werde.

Als ich die Entscheidung getroffen habe, zu transitionieren, war das mit dem Wissen verknüpft, daß ich möglicherweise nicht nur während dieses Prozesses, sondern für immer als psychisch gestört oder krank gelten würde – zumindest offiziell, denn Diagnosen kleben an einem wie Schlamm. Ich habe dazu bewußt ja gesagt, denn ich wollte die Transition mehr als daß dieses Etikett jemals hätte wehtun können. Meine innere Realität bleibt außerdem von sämtlichen Etiketten und Diagnosen unberührt – ich fühle mich pudelwohl auf dem Weg in die richtige Identität. Es kratzt überhaupt nicht an meinem Selbstwertgefühl, offiziell als gestört zu gelten. Für mich bedeutet die Diagnose F64.0 eigentlich nur, daß ich die Hilfe bekommen, die ich schon vor 25 Jahren gebraucht hätte.

Valo, 20.01.2015, 15:20 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Testo-Log, Woche 6 bis 8 ::

Gleich zu Beginn von Woche 6 darf ich einen alten Bekannten begrüßen, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe: mein Kinn. Da ich kaum fassen kann, daß es wieder da ist, rede ich mir ein, ich spinne, aber als ich eine Gipsmaske, die ich im letzten Sommer gemacht habe, aufsetze, wird mir klar, daß sich meine Kinnpartie massiv verändert hat. Die Maske fülle ich da jedenfalls nicht mehr. Geilo!

Nicht so geilo ist die Pickelpopulation auf meinen Schultern. Ich nehme an, daß sie nicht vom Kontakt mit dem Gel, sondern vom Anstieg der Hormone in meinem Blut kommen. Das ist ja eigentlich ein gutes Zeichen – Pubertät, ich komme! -, aber uneigentlich will ich sie nicht haben. Also Pickel-Zen. Mir fällt außerdem ein, daß ich mal gelesen habe, daß Jungs in der Pubertät leider meist mehr Pickel haben als Mädli, aber daß das eben ein Zeichen für die Wirkung von Testo ist und daß dieselben Hormone, die diese Hautreaktion auslösen, auch einen Bart machen werden. Na gut. Fühlt Euch wohl, Ihr kleinen Mistkerle.

Meine Januar-Mens geht wieder so heftig los wie die im Dezember, verläuft aber nicht ganz so krass. Trotzdem merke ich deutlich, daß da Hormone im Clinch liegen, denn ich bin launisch bis aggressiv, nur um dann rumzuheulen und mich mit Schokolade vollzustopfen (die ich normalerweise nie esse). Meine Mens zu haben, fühlt sich diesmal doof an. Ich will das nicht mehr, vielen Dank. Geh doch einfach dahin, wo der Pfeffer wächst.

In Woche 7 erfahre ich, daß ich bisher unterdosiert war. Ich soll ab sofort die doppelte Menge nehmen, erstmal bis zur nächsten Kontrolle. Bereits am zweiten Tag mit mehr Testo  bin ich aggressiv wie selten zuvor in meinem Leben. Unter Leute zu müssen, geht gerade nur mit äußerster Selbstbeherrschung, weil ich ständig versucht bin, eine ordentliche Keilerei anzuzetteln. Mannometer!

Außerdem denke ich plötzlich nur noch an Sex, und zwar in einer beständigen Dauerschleife. Ich verpasse ganze Passagen von Filmen oder lese eine halbe Seite, bis mir auffällt, daß ich keinen Schimmer habe, was da gerade geschildert wurde, weil mein Hirn nur Ü18-Content produziert. Ich weiß, das ist normal und wird sich einpendeln, aber jetzt gerade ist mir nur nach Gewalt und Sex. Wie anstrengend. Außerdem bleibt dabei der ganze Rest auf der Strecke. Immerhin kann ich jetzt das erste Mal in meinem Leben verstehen, warum männliche Lust auf Frauen oft so abstoßend direkt und durchaus brutal wirkt bzw. wieso manche Männer für die Befriedigung ihrer Geilheit sehr weit zu gehen bereit sind.

In der achten Woche fällt mir auf, daß etwas passiert ist, über das ich völlig aus dem Häuschen gerate. Der Flaum in meinem Gesicht ist anders! Länger und auch an anderen Stellen. Absolut klassisch verteilt er sich auf Wangen und Hals, nur am Kinn und unter der Nase ist er fast nicht zu sehen. Yay! Auch an anderen Stellen wachsen plötzlich feine Härchen, wo früher nie welche waren. Ich bin ja doch irgendwie überrascht davon, wie schnell das jetzt geht.

Meine Menschenunlust verschärft sich zum Ende der achten Woche hin sogar noch. Ich würde mich am liebsten an einen einsamen Ort zurückziehen, wo ich allein sein kann mit mir, um den inneren Prozessen, die gerade an der Reihe sind, absolute Aufmerksamkeit zu widmen. Das meiste, was von anderen Menschen kommt, finde ich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – einfach belästigend und uninteressant. Ich schätze, ich bin mitten in der Pubertät. Manchmal schaffe ich es, Distanz zu mir selbst einzunehmen und mir meine Launen und mein Verhalten objektiv anzugucken – dann ist es einfach ein natürlicher Teil dieses Wegs. Wenn ich aber so vor mich hingrantle und mittendrin stecke, dann kann ich nicht anders als Menschen zum Kotzen zu finden. Ich hoffe ehrlich, daß sich das wieder legt, denn so kenne ich mich nicht. Na ok, nicht so arg :mrgreen: Passend dazu kriege ich es jetzt auch noch weniger als sonst hin, mich bei Menschen, die ich mag, zu melden. Ich fühle mich wie ein Eremit in einer Hütte im Wald. Und will genau das auch sein, weil ich spüre, daß diese Phase für mich total wichtig ist.

Valo, 19.01.2015, 19:01 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

:: Alltagstest: ein Jahr mehr Ich ::

Es ist jetzt ein Jahr her, daß ich meinen Alltagstest begonnen habe. Ich habe schon einmal einen kleinen Rückblick geschrieben, als ich siebenmonatiges Alltagstestjubiläum hatte. Jetzt ist es ein Jahr. Unfaßbar, wie schnell das rumging. Und wie langsam zugleich. Es ist so viel passiert, daß das Jahr eigentlich nur so vorbeigerast ist. Andererseits zogen sich einzelne Momente, einzelne Situationen wie Kaugummi und gaben mir das Gefühl, ich müsse durch Wackelpudding waten.

In den letzten fünf Monaten hat sich sehr viel bewegt:

  • ich habe im September meine Vornamens- und Personenstandsänderung beantragt
  • seit Oktober gehe ich regelmäßig zur Therapie
  • im November hatte ich meine beiden Gutachtergespräche
  • im November habe ich auch mit der HRT begonnen und nehme seither Testosteron

Der Therapie habe ich am Anfang etwas skeptisch entgegengeblickt, denn ich war mir sicher, daß ich keine gemacht hätte, wenn die Kasse nicht den Nachweis von 18 Monaten Begleittherapie verlangen würde, bevor sie für OPs die Kosten übernimmt. Inzwischen gehe ich ganz gern zur Therapie und bekomme da auch wirklich hilfreiche Impulse. Ich habe allerdings dennoch ein generelles Problem mit der Therapeuten-Situation, weil es von mir eine ungewohnte Offenheit verlangt, über all die Dinge dort zu reden. Zweischneidiges Schwert, irgendwie.

Im Austausch mit anderen Transmännern wird mir immer wieder klar, wie wenig “regelkonform” mein Weg war und wie schnell ich eigentlich Fortschritte verbuchen kann. Ich werde öfter gefragt, wie ich es angestellt habe, daß das alles so zügig über die Bühne geht. Ich kann nur sagen, daß ich ganz offen mit meinen Ärzten rede und keinen Zweifel daran lasse, daß ich diesen Weg gehen will – und werde. Wenn ich auf Ablehnung oder Widerstand treffe, suche ich erneut das Gespräch, biete Alternativen an, erkläre mich ausführlicher. Ich warte nicht darauf, daß mir etwas angeboten wird, sondern frage danach. Als ich den Transitionsprozeß begann, habe ich mir versprochen, zu versuchen, alles, was mir begegnet, als hilfreich zu sehen. Rückblickend hat mir diese Einstellung sicherlich eine Menge Kraft gegeben.

Was hilft sonst noch durch diese Zeit?

  • Tagebuch schreiben. Ich mache das nicht mehr so regelmäßig und ausführlich wie zu Beginn, aber ich notiere alles, was mir wichtig erscheint.
  • Die Unterstützung meiner Familie.
  • Es nicht krumm nehmen, von Fremden mißgendert zu werden. Natürlich möchte ich als Mann angesprochen werden und fühle mich unwohl, wenn ich als Frau wahrgenommen werde, aber ich weiß auch, daß meine Optik und Stimme mich als Frau erscheinen lassen. Wenn ich jedesmal tödlich beleidigt sein wollte, wenn das passiert, hätte ich viel zu tun…
  • Der Austausch mit anderen Transmännern bzw. das Lesen ihrer Texte und das Anschauen ihrer Videos.
  • Mir selbst Gutes tun, in Gedanken, Wort und Tat.
  • Mir immer wieder bereits Erreichtes vergegenwärtigen. Der Prozeß läuft, auch wenn ich das nicht täglich merke.
  • Radikales Zulassen von Vergangenheit und Gegenwart. Mit Blick auf die Zukunft. Pläne schmieden. Mich auf die Veränderungen freuen.

Und was soll in den nächsten sechs Monaten passieren?

  • Ich hoffe, meine Vornamens- und Personenstandsänderung wird rechtskräftig beschlossen und ich kann meine ganzen Papiere umschreiben lassen. Das wird noch ein Marathon werden…
  • Ich möchte ein oder zwei Ärzte wegen der ersten geschlechtsangleichenden OP konsultieren und mir anhören, wie sie operieren.
  • Ich hoffe, meine Stimme macht sich endlich auf den Weg nach unten. Und gegen ein paar Barthaare hätte ich auch nichts einzuwenden…
  • Ich hoffe, daß meine Mens ausbleibt.

Fazit nach einem Jahr als Mann? Ich habe das Frausein nicht einen Sekundenbruchteil lang vermißt. Ich fühle mich mehr wie ich selbst, aber noch lange nicht am Ziel. Ich bin glücklicher, zufriedener und blicke hoffnungsvoller in die Zukunft.

Valo, 11.01.2015, 00:03 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Soziophobie im Transkontext ::

Ein roter Faden, der durch mein Leben verläuft, ist, daß ich Probleme mit Menschen habe. Das fing bereits im Kindergarten an und hat sich nie gebessert – es wurde nur anders. Probleme mit Menschen, das klingt vielschichtig, und meine Soziophobie hat tatsächlich viele Facetten. Ich schäme mich für jede einzelne. Ich werfe mir jede einzelne vor und fühle mich regelmäßig als Versager, weil ich Dinge nicht schaffe, die für andere ganz natürlich sind, wie etwa ein Treffen mit Freunden. Naja, dafür fehlt allerdings auch ein essentieller Bestandteil, nämlich Freunde. Haha.

Wenn ich mit mir allein bin, fühle ich mich normal. Also war ich immer schon viel allein, denn das erzeugte am wenigsten Probleme und Mißverständnisse. Mir fehlten bis zu meinem 36. Lebensjahr sämtliche Vokabeln, die ich gebraucht hätte, um meinen Zustand, mein Ich, meine Probleme mit Menschen zu beschreiben. Ich wußte nur, daß es nicht funktioniert. Ich habe Menschen nicht kapiert und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Ich fand das meiste, was Menschen bewegt, was sie denken oder sagen merkwürdig. Im Laufe der letzten zehn Jahre habe ich gelernt, eine gewisse angepaßte Rolle zu spielen, wenn ich mit Menschen zusammenkomme, so daß Menschen mich für umgänglich oder sogar nett oder im Extremfall gesellig halten. Tatsächlich sind das aber immer nur Rollen. Ich gucke mir dabei zu, wie ich bestimmte Mechanismen abwickle, bestimmte Schlagworte bringe oder bestimmte Verhaltensweisen an den Tag lege, die in der Regel positiv aufgenommen werden. Im Grunde ist das nichts weiter als ein eingeübtes Theaterstück. Manchmal funktioniert es und manchmal nicht. Für mich selbst funktioniert es meistens nicht, denn es kostet mich alle Kraft, in diese Rolle reinzuschlüpfen. Je länger ich sie spiele, desto mehr Kraft kostet es. Normalerweise führt dieser krasse Kraftverlust früher oder später dazu, daß ich dissoziiere. Die Menschen, mit denen ich zusammen bin, bekommen das nicht mit, aber ich selbst fühle mich irgendwann als säße mein eigentliches Ich in der Steuerzentrale eines Roboters, der nach außen agiert. Oder wie unter Drogen.

Ich bin 36 Jahre Begegnungen mit Menschen so gut es ging aus dem Weg gegangen. Ich bin z.B. nie mit Klassenkameraden ins Kino oder Pizza essen, es sei denn, es waren vier-Augen-Situationen. Mit Anfang 30 habe ich versucht, mich in Gruppen und Stammtisch zu integrieren, aber es hat nie gepaßt. Teilweise inhaltlich, vor allem aber aufgrund des Menschenfaktors.

Das eigentlich Dilemma besteht darin, daß ich furchtbar gern Freunde hätte. So ganz unkomplizierten Kram: sich mal auf einen Tee treffen, mal ins Kino gehen, mal spazieren oder zusammen kochen. Was man eben macht. Ich kriege das nicht hin. Seit meinem Coming Out ist mir klar geworden, daß das schon immer an meiner Transidentität lag. Mit Menschen zusammenzusein ist so:

Ich stecke in einem Käfig. Rund um mich herum sind Gitterstäbe. Ich kann Dich sehen und hören, ich kann Dich sogar berühren, wenn ich meine Arme herausstrecke. Aber ich komme hier nicht raus. Ich kann Dir nicht erklären, wer ich bin. Ich kann Dir nicht erklären, warum ich das, was Du für gegeben hältst, wie meine körperliche Realität, nicht empfinden kann. Es ist falsch. Ich bin falsch. Bitte schau mich nicht an. Ich habe Angst, daß Du mich so lächerlich findest wie ich mich. Bitte hör nicht auf meine Stimme, sie ist falsch. Jetzt habe ich verpaßt, was Du gesagt hast. Kannst Du sehen, daß es mich alle Kraft kostet, die ich habe, aufrecht sitzen zu bleiben und zu dem zu nicken, was Du sagst? Zu lächeln? So zu tun, als würde ich mitbekommen, worüber wir sprechen? Hast Du gerade meine Brüste wahrgenommen? Oh Gott, sie sind viel zu auffällig. Wieso habe ich diese Dinger nur? Bekomme ich gerade Herzrasen? Ja, Scheiße. Meine Hände sind auch schon ganz feucht. Hoffentlich merkst Du davon nichts. Ruhig atmen, ganz ruhig. Nicht rumspinnen. Keiner merkt, wie es hier drin abgeht. Am Glas festhalten, mal einen Schluck trinken, lächeln, nicken, antworten. Ich glaube, ich bin rot angelaufen. Alle sehen das. Fuck. Presse schon wieder meine Kiefer aufeinander. Aua. Meine Augen brennen. Aufrecht sitzen bleiben, nicken, zuhören, lächeln. Stimmte die Reihenfolge? Mein Herz rast. Ich will fliehen. Schau mich nicht an. Sag um Gottes Willen nichts, das mir peinlich ist. Warum muß ich mir ausgerechnet jetzt meiner Körperlichkeit so bewußt sein? Fühle mich wie ein gestrandeter Wal, der unter seinem eigenen Gewicht erstickt. Ich sollte sowas nicht denken, sowas denkt doch kein normaler Mensch. Äh, was war nochmal das Thema? Wieso konnte meine Zunge gerade diese Worte formen, die ich geantwortet habe? Wo kam diese Information her? Ich denke mich an einen einsamen Strand. Möwen. Wellen. Alleinsein. Ich muß nachher unbedingt in die Stille. Kein Geräusch. Was erwartest Du von mir? Habe ich etwas Falsches gesagt? War das jetzt gerade lustig genug? Unpassend? Was erwartest Du von mir? Schau mich bitte nicht an. Nimm mich bitte nicht wahr. Nein, nimm mich bitte wahr. Nimm mich wahr. Ich finde Dich wirklich nett, aber ich glaube, ich verkacke es gerade. Ich schaffe das nicht. Ich habe keine Kraft mehr. Ich würde Dich gern wiedersehen. Nein, lieber nicht, ich verkacke es dann wieder. Oder doch nicht? 

Diesen inneren Monolog kann ich über Stunden spinnen, während ich nach außen eine scheinbar normale, angeregte Unterhaltung führe. Von meiner Zerrissenheit kommt nichts bei meinem Gegenüber an, allenfalls bleibt das Gefühl zurück, ich sei unnahbar, würde mauern, oder sei direkt viel zu interessiert. Das sind eigentlich nur Strategien, die noch nicht einmal besonders gut funktionieren. Nach solchen Treffen oder Unterhaltungen bin ich absolut ausgebrannt und leer. Es hat mich mal wieder alle Kraft gekostet, nicht zusammenzubrechen und die Fassade aufrechtzuerhalten. Es gibt für mich keine zwischenmenschlichen Kontakte abgesehen von meinen Partnerschaften, die entspannt wären oder dazu beitragen, daß ich mich relaxt fühle. Nietzsche sagte es mal sehr passend: die Hölle sind immer die Anderen.

Das wäre ok, wenn ich ein Misanthrop wäre. Dann würde ich mich in irgendeine dünn besiedelte Gegend zurückziehen und von mir aus im Wald bei den Berghutzen leben. Aber eigentlich mag ich Menschen. Ich hätte gern Kontakt. Ich hätte gern Freunde. Ich glaube, ich bin auch kein total verkehrter Mensch. Ich bin nur falsch in mir. In dieser Hülle. Sämtliche meiner männlichen Ego States waren zu Freundschaften fähig. Ich bin es nicht. Oder noch nicht.

Im Kontakt mit anderen Transmenschen habe ich andere getroffen, denen es geht wie mir. Die so damit beschäftigt sind, alle Scherben beisammenzuhalten, damit das Bild nicht zerbricht, das andere von ihnen haben, daß sie Menschen niemals wirklich nah kommen. So wie ich halt.

Seit meinem Coming Out prügle ich mich zu Transmanntreffen. Jedesmal auf’s Neue ist das ein Kampf, ein Kraftakt. Jedesmal dissoziiere ich, hyperventiliere, kriege hohen Blutdruck, will fliehen. Jedesmal überlege ich mir, wie ich die Begegnung, nach der mich doch eigentlich so sehne, herauszögern oder sogar absagen kann. Manchmal schaffe ich es, hinzugehen. Manchmal kneife ich. Beides ist auf seine Weise schlimm. Wenn ich hingehe, kostet es mich alle Kraft. Wenn ich kneife, fühle ich mich noch einsamer und noch mehr als Versager.

Was ich mit diesem Posting sagen will: wenn Du selbst trans bist und das Gefühl hast, es mit Menschen einfach nicht auf die Kette zu kriegen – Du bist nicht allein. Vielleicht muß es erst schlimmer werden, bevor es besser wird.

Valo, 03.01.2015, 20:56 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 7 Kommentare

:: Filme in 2014 ::

Ich habe das ganze vergangene Jahr über notiert, welche Filme ich geschaut habe und wie lange ich dafür vor der Mattscheibe saß. Insgesamt habe ich 16011 Minuten geguckt, das sind 266,89 Stunden oder 11,13 Tage. Am meisten habe ich im Mai geguckt (kein Wunder – da lag ich mit Hexenschuß flach), nämlich 2573 Minuten, und am wenigstens im August, nämlich 753 Minuten.

Das fand ich jetzt mal interessant :)

Valo, 02.01.2015, 13:47 | Abgelegt unter: Machungen | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 3 bis 5 ::

An einem grauen Samstagmorgen blicke ich in den Spiegel und finde plötzlich, daß mein Gesicht sich verändert hat. Bisher war es einfach irgendwie pausbäckig, jetzt sind zwei Stellen deutlich eingedellt. Oder wie immer man es beschreiben will. Markanter? Auch mein Kinn fühlt sich anders an, weniger speckig an den Seiten. Ich kann eigentlich nicht glauben, daß sich da was verändert haben soll, und löchere die Männer. Doch, sagen sie, da ist ‘was anders. Juhu! Ich meine, wenn man Timelines guckt und Leute sich innerhalb von einem Jahr total verändern, dann muß es ja irgendwann losgehen, nech?

Ich bekomme meine Mens. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, sie bis zuletzt zu akzeptieren, die letzten Male, daß ich sie bekommen werde, sogar bewußt zu erleben, aber diesmal habe ich Unterleibskrämpfe wie seit Pillen-und-Plastikbinden-Zeiten nicht mehr. Pest und Schwefel! Mir ist so übel, daß ich Magentropfen nehme und glaube, mich übergeben zu müssen. Ohne krampflösende Mittel geht diesmal nix. Ich habe außerdem Stimmungsschwankungen, die sich gewaschen haben. Klar, so ein bissel habe ich immer mitbekommen, daß ich vor und während der Mens anders drauf war, aber meine Dezemberblutung macht mich dünnhäutig, ängstlich, weinerlich. Ich merke deutlich, daß die Hormone in mir arbeiten. Wunderbarerweise blute ich dann auch gleich doppelt solange wie sonst -.-

Morgens oder wenn ich länger geredet habe, klingt meine Stimme tiefer. Es ist nur eine Nuance, aber ich kann sie hören, und das macht mich sehr glücklich.

Am Ende der dritten Woche ist ganz deutlich, daß meine Oberweite sich verändert hat. Das Gewebe ist schlaffer geworden, wodurch die Brust nicht mehr so vorsteht. Sie fühlt sich insgesamt weicher und nicht mehr so “prall” und “fest” an.

Eines Abends sitze ich wie immer im Wohnzimmer, wo der Ofen brennt, und bekomme eine fette Hitzewallung. Da ich sowas noch nie hatte, denke ich erst, meine Männer wollen mich verarschen, als sie behaupten, es sei im Zimmer gar nicht sooo warm, aber irgendwann glüht mein Gesicht und ich glaube es dann doch.

Am Anfang der fünften Woche sehe ich mich nackt im Spiegel (was nicht besonders oft vorkommt) und mir fällt die Kinnlade runter: das Fettgewebe im Bereich zwischen Achsel und Brust hat sich massiv verändert! Mein Mann kommentiert das liebenswürdig mit “Jelly Man!”. Ich reagiere, indem ich nach einem plastischen Chirurgen rufe -.-

Noch eine Nebenwirkung, die keiner braucht: Pickel! Für reine Haut hätte ich jetzt noch nie einen Blumenpott gewonnen, aber was sich da jetzt so zeigt, ist nicht schön. Ich muß jetzt schon sehr darauf achten, regelmäßig eine Reinigungslotion zu nehmen und vor allem nicht zu viel zu cremen. Maximal einmal die Woche.

Am Ende von Woche fünf habe ich aus heiterem Himmel das Gefühl, schrankbreite Schultern zu haben. Natürlich habe ich die nicht (schade eigentlich^^), aber es hat sich dennoch etwas verändert. Da ist eindeutig mehr als vorher!

Ich habe ständig Hunger. Das ist schlecht, denn ich würde gern ab- und nicht zunehmen. Aber leider sind es tatsächlich zwei Kilo mehr auf der Waage, was ich nicht berauschend finde. Ich bekomme zu allen möglichen und unmöglichen Zeiten wahre Freßattacken, zum Beispiel mitten beim Yoga oder nachts um 3, und dann reichen leider zwei Bütterkes (Schnittchen) nicht aus. So ein Freßanfall verlangt nach drei bis vier Broten mit Käse und Salami, zwei bis drei Eiern, Chips, einer handvoll Obst und dann noch ein paar Kaubonbons. You get the idea. Ich glaube, soviel kann ich gar nicht radeln oder Yoga machen…

Meine Libido hat sich verändert. Sie war nie typisch weiblich und stundenlange “Arien” mit Kuscheln und Bla haben mich schon immer genervt. Jetzt ist sie noch direkter. Weniger emotional. Ich verstehe jetzt besser, wieso Männer ohne mit der Wimper zu zucken sagen können “es ist doch nur Sex!”. Der Orgasmus ist anders. Die klassische Frauen-Orgasmuskurve steigt ja eher langsam und wellenförmig an, das verflüchtigt sich gerade. Es geht schneller und ist intensiver. Ich finde es besser :mrgreen:

Mein Körpergeruch verändert sich. Früher hat es gereicht, wenn ich einmal die Woche Deo aufgetragen habe, weil ich einfach nicht geschwitzt habe. Das kann ich jetzt vergessen. Zum ersten Mal in meinem Leben bemerke ich, daß meine Strümpfe sich merkwürdig feucht anfühlen – da ich bisher niemals Fußschweiß hatte, denke ich im ersten Moment, ich bin krank, aber nein, es ist einfach bloß Fußschweiß. Mein Schweiß riecht anders, und das trifft auch auf den Urin zu. Intensiver. Oder markanter. Sowas sagt einem ja keiner, wenn man mit Testo anfängt, darum erwähne ich das jetzt mal.

Meine Stimmung ist seit Testobeginn sehr gut. Ich kann nicht entscheiden, ob das an der Wirkung des Hormons liegt, das einen ja zuversichtlicher stimmen soll, oder einfach an der Tatsache, daß es vorangeht. Im Grunde spielt es ja auch keine Rolle, Hauptsache, es geht mir gut.

Das Einzige, womit ich nicht so zufrieden bin, ist meine Stimme. Sie ist bereits zwei Tage nach Testobeginn etwas tiefer gewesen, teilweise wie erkältet, aber nun scheint sie wieder so hoch wie früher zu sein. Ich weiß allerdings von den ganzen Timeline-Videos, daß es oftmals ein halbes Jahr Testo braucht, bis sie sich endlich deutlich vertieft.

Kurz vor Weihnachten war ich zur ersten Blutabnahme nach Testobeginn, aber die Ergebnisse bekomme ich erst in der zweiten Januarwoche. Gucken wir mal.

Innerlich gibt es Veränderungen, die ich nur mit “Tendenz zur Normalität” beschreiben kann. Ich habe mich mein Leben lang wie ein Alien gefühlt und hatte eigentlich auch nie Freude an Sachen, die “normalen Menschen” Spaß machen. Und gerade entdecke ich diesen simplen und eigentlich alltäglichen Freuden. Mich anziehen und mir eine Krawatte umbinden. Parfum benutzen. Einen Eierpunsch schlürfen. Silvesterknaller kaufen. Es sind (noch) keine großen Sachen, aber sie sind für mich total ungewöhnlich. Und ich kriege echt eine Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke, wie es sich wohl anfühlen mag, endlich 100% Passing zu haben. Ich kann das vermutlich nicht mal ermessen.

Die Weihnachtsfeiertage waren für mich ziemlich merkwürdig. Ich habe von vier Menschen Post bekommen, zwei Sachen davon waren Wichtelpakete. In früheren Jahren war ich mit meiner Weihnachtspost immer recht schnell und habe geguckt, daß sie so Mitte Dezember bei diesen Freundinnen ist. Also, ich rede hier von Karten und Päckchen, nicht von Mails – da bin ich auch kein Held (*Richtung Heike wedel*). Dieses Jahr habe ich niemandem Weihnachtspost geschickt. Der Grund dafür war einfach und traurig: nachdem sich einige Freundinnen nach meinem Coming Out vom Acker gemacht haben und sich noch mehr Freundinnen gar nicht mehr gemeldet haben, dachte ich, wenn ich mich bei niemandem melde, dann würde ich es denjenigen, die nicht den Mut haben, mir direkt zu sagen, daß sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, leichter machen. Daß das dann so auf 90% meiner Kontakte zutrifft, war ein weihnachtlicher Schlag in die Fresse. Dankeschön.

Valo, 31.12.2014, 00:59 | Abgelegt unter: Androzentrisches,Transgender | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare

:: Filme im Dezember ::

Jahresendspurt!

  1. River Cottage DVD Collection. Ich bin ein großer Fan von Hugh Fearnley-Whittingstall und seinen Ansatz, möglichst viel selbst anzubauen und wild zu sammeln. Love it! 1216 Minuten.
  2. Hang Over Girls. Das war der dümmste Film, den ich dieses Jahr geguckt habe. Das heißt, ich habe ihn nur halb geguckt und dann gesteikt. Wäre ich allein gewesen, hätte er keine fünf Minuten im DVD-Player überlebt, aber die Männer sind duldsamer als ich ;) 45 Minuten.
  3. 22 Jump Street. Ich habe lange auf die Fortsetzung gewartet und fand den Film zwar dem ersten sehr ähnlich, aber dennoch wunderbar schräg und lustig. Und Channing Tatum in engen Shirt geht immer. 112 Minuten.
  4. Godzilla. Die 90er-Version dieses Klassikers mit Matthew Broderick und Jean Reno war der Hammer. Die 2014er-Version war ein einziges Jammertal mit einem unglaubwürdigen Hauptdarsteller und verdammt verschnarchten Monstern. Dislike. 123 Minuten.

Im Dezember habe ich alles in allem 1506 Minuten oder 25,1 Stunden oder 1,046 Tage Filme geguckt. Die Jahresauswertung kommt noch.

Valo, 31.12.2014, 00:43 | Abgelegt unter: Machungen | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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