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:: Testo-Log, Woche 12 bis 15 ::

Woche 12 zeichnet sich dadurch aus, daß nix passiert. N*I*X. Während die anderen Transmänner, die mit mir im November begonnen haben, von Stimmbruch und Bartwuchs reden, übe ich mich in Geduld. Das Gefühl, daß diese wichtigen Dinge nur so zäh passieren, läßt mich nochmal in epischer Breite begreifen, was ich da tu. Bestimmte Dinge kann ich mir auch mit großer Anstrengung nicht vorstellen, z.B. mein männliches Gesicht oder mich mit Bart, den ich ggf. täglich rasieren muß, falls er mich nervt. Habe viele gute Gespräche mit meinen Partnern, die mir von ihrer Pubertät erzählen.

Ich denke darüber nach, was ich mit 12 oder 13 mochte. Was ich gern gemacht habe. Es ist schön, so ein bißchen in der Vergangenheit zu wühlen. Aber mir wird auch klar, wieso meine erste Pubertät so schwierig war. Meine zweite Pubertät erlebe ich bisher als anstrengend, aber nicht so schwierig. Sie holt Zeug nach oben, das ich gern vergessen hätte. Jetzt ist aber etwas anders: ich bin erwachsen, obwohl ich in der Pubertät bin. Ich habe heute ganz andere Skills und Mittel, mir selbst zu helfen und mich zu stabilisieren.

Passend zu Imbolc steht mir da also eine große Reinigung ins Haus, auf allen Ebenen. Ich ertrage gerade kein Geschwindel, kein Geheuchel, keine Halbwahrheiten. Abstufungen und Nuancen, schön und gut, aber Wischiwaschi brauche ich nicht. Just in dieser Zeit melden sich Menschen bei mir, zu denen ich länger keinen Kontakt hatte, um zu zeigen, daß sie noch da sind. Das finde ich unfaßbar schön und dafür bin ich mehr als dankbar ♥

Ende Februar, in der 14. Woche auf Testo, kommt endlich der rechtskräftige Beschluß vom Gericht. Ich bin nun offiziell männlich und das kann niemand mehr anfechten. Cool! Etwas skurril ist dann aber der Besuch auf dem Amt, wo ich meinen Perso und meinen Führerschein ändern lassen will. Der Amtsleiter schließlich führt ein paar Telefonate, bei denen er mich als “die Person” bezeichnet, obwohl ich direkt vor ihm sitze. Irgendwie ist das verletzend und es nervt, immer noch als Frau wahrgenommen zu werden.

Sehe ich den Mann in mir? Die Frage stelle ich mir plötzlich wirklich. Allerdings nicht nur wegen des Besuchs auf dem Amt. Woher weiß man, daß man sich männlich oder weiblich fühlt? Vieles ist doch einfach nur Prägung. Welche Geburtstagsgeschenke habe ich bekommen, die mich einem bestimmten Gender zugeordnet haben? Wie oft wurde ich weiblich angeredet? Wie oft wurde von mir erwartet, daß ich mich auf eine bestimmte Art verhalte, weil das als weiblich gilt? Doch bei aller philosophischer Betrachtung weiß ich doch auch, daß ich mich dennoch als Mann wahrnehme. Und so wahrgenommen werden will.

Ich erhalte erste offizielle Post an meinen männlichen Namen. Starre den Brief einige Sekunden an, weil ich es gar nicht fassen kann, und habe den Rest des Tages ein Strahlen im Gesicht, mit dem ich jeden Keller erhellen könnte. Mir geht auf, daß ich jetzt auch mal meine neue Unterschrift üben sollte. Meine alte war ein kunstvolles Geschnörkel und es wäre mir zu langweilig, einfach meinen Namen hinzuschreiben. Also schwinge ich den Kugelschreiber und übe.

Als ich nach Wochen mal wieder auf die Waage steige, kriege ich fast einen Schlag: 3 Kilo zugenommen! Dabei esse ich nicht mehr, obwohl ich das erwartet hätte. Ich weiß, daß die meisten erstmal rund 10 kg zulegen, um dann allmählich Gewicht zu verlieren. Die meisten sind nach zwei, drei Jahren auf Testo sogar leichter als ohne. Da meine Hosen allerdings immer noch passen, vermute ich, daß das vor allem Muskelmasse ist. Ich merke nämlich auch beim Yoga und bei anderen Sachen, daß ich mehr schaffe. Zum Beispiel 10 km radeln statt bisher 5. Das ist cool. Denke viel über meine Möglichkeiten nach, derzeit Gewicht zu reduzieren, aber am Ende steht immer die Erkenntnis, daß ich gerade einfach nichts dagegen machen kann, schwerer zu werden. Vielleicht werde ich mir eine Waage kaufen, die auch das Körperfett mißt. Dann ist es vielleicht weniger frustig…

Valo, 02.03.2015, 11:02 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

:: Kindermund ::

Das Kind ist zum Geburtstag eines Klassenkameraden eingeladen. Dieser wünscht sich ein Buch.

Ich: “Was für ein Buch soll es denn sein?”

Kind: “Was Mittelbrutales!”

*gacker*

Valo, 24.02.2015, 18:30 | Abgelegt unter: FamilienLeben | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 9 bis 11 ::

In der neunten Woche glaube ich erst, ich gucke nicht richtig, aber doch, ich habe Bauchfell bekommen! Rund um den Nabel haben sich feine, dunkle Härchen entwickelt. Vermutlich unterscheidet es mich von anderen Transmännern, aber ich nehme die Haare erstmal mit Befremden wahr. Ich hatte noch nie sichtbare Haare am Bauch und finde das erstmal etwas merkwürdig, aber nach ein paar Tagen finde ich den Gedanken, daß ich vielleicht zu einem Bären transitioniere, längst nicht mehr so schlimm, sondern eher…nun ja, auf irgendeine Weise schön.

In der neunten Woche läßt auch diese überbordende Dauergeilheit endlich etwas nach. Gott sei Dank! Das war ja nicht zum Aushalten. Ich vermute, das war die Erstlingsreaktion auf die höhere Dosis Testosteron. Auch die Aggression läßt deutlich nach und ich bin wieder mehr ich selbst. Finde ich gut.

Der Flaum an meinen Wangen prosperiert und ist sehr flauschig. Ich mag ihn jetzt nicht abrasieren, sondern lasse ihn wachsen. Mir geht auf, daß ich mich demnächst irgendwann damit befassen muß, wie ich mich rasieren möchte. Ich habe mich bisher immer nur naß rasiert und fand das an sich auch sehr angenehm, aber vielleicht wäre ein Trockenrasierer praktischer? Na, kommt Zeit, kommt Bart, kommt Rasierer.

In der zehnten Woche merke ich zum ersten Mal, daß meine Kondition sich verändert hat. Es gibt eine Yoga-Übung, bei der ich normalerweise maximal 30 Sekunden schaffe – diesmal schaffe ich 2 x 1 Minute mit nur einer kurzen Pause. Wow, das habe ich noch nie zuvor geschafft, in drei Jahren Yoga nicht!

Trotzdem habe ich plötzlich das Gefühl, daß es nicht mehr vorwärts geht. Im Grunde, denke ich, ist das ja Quatsch, aber das Gefühl bleibt. In der elften Woche erfahre ich auch, wieso: ich war immer noch unterdosiert. Tatsächlich hat sich ein Testo-Wert um ein Drittel reduziert, seit ich die doppelte Dosis nehme *lol* Jetzt soll ich nochmal aufdosieren. Was ich so von anderen hören, die mit mir im November begonnen haben, hinke ich ganz schön hinterher. Aber ok.

Plötzlich (oder vielleicht auch nicht gar so plötzlich) passiert etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe: ich werde brutal in vergangene Traumata zurückgeworfen. Es ist so krass, daß ich Panikattacken habe wie seit meiner Jugend nicht mehr, und blöderweise erinnert mein Körper dieses Gefühl so genau, daß ich mich genau wie damals fühle. Übel :( Diesmal ist aber etwas anders: ich habe Partner, die an meiner Seite stehen und mir notfalls auch morgens um 3 Geschichten vorlesen. Ich habe Ärzte, zu denen ich auch hingehe. Ich habe eine Therapeutin, die mich toll unterstützt und die offenbar darauf gefaßt war, daß das passiert. Ich hoffe, ich kriege mich wieder in den Griff, denn die körperlichen und psychischen Symptome sind gerade kein Zuckerlecken. Ich darf ja auch nicht vergessen, daß ich komplett umbaue.

Dann kommt auch noch ein Brief von meinem Vater. Er schreibt, ich soll mich nie wieder bei ihm melden. Spontan muß ich heulen, aber irgendwie habe ich nichts anderes erwartet. Ich habe das gemacht, was mir alle geraten haben: ihn von meiner Vornamens- und Personenstandsänderung unterrichtet. Now fuck that.

In dieser echt schweren Zeit erhalte ich aber doch noch ein Bonbon für meine Seele: meine Mens bleibt aus. Und Migräne hatte ich diesen Monat auch keine. Es geht voran.

Ein Teil in mir fragt, ob es das wert ist. Ist ein Leben als Mann es wert, daß 90% meiner Freundinnen gegangen sind? Daß ich mir von einem Menschen, der die letzten 20 Jahren nicht für mich da war, noch einen Arschtritt hole? Daß ich mich immer wieder und merkwürdigerweise immer stärker dysphorisch fühle, weil ich befürchte, niemals als Mann erkannt zu werden? Daß die ganzen alten, verquasten Traumata wieder hochkochen und mich so stark körperlich und psychisch reagieren lassen? Es wäre doch so viel bequemer, wenn das alles nicht passieren würde, right? Nein. Verharren würde heißen, daß es niemals heilt. Es würde heißen, vor mir selbst wegzurennen und nie wirklich zu leben. Transitioning is about surviving.

Valo, 08.02.2015, 20:59 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare

:: Anhörung bei Gericht und letztes Coming Out ::

Neulich hatte ich die Anhörung bei Gericht für meine Vornamens- und Personenstandsänderung. Aus irgendeinem Grund war ich diesmal viel aufgeregter als bei den Gutachterterminen im November – vielleicht weil das Ganze nun offiziell werden würde. Ich habe trotzdem an dem Tag keine Krawatte getragen, hahaha :)

Vor dem Richterzimmer mußte ich erstmal eine Weile warten, bis ich aufgerufen wurde. Sehr merkwürdige Situation im Raum: der Richter hinter seinem Tisch und ich ein paar Meter von ihm weg hinter einem anderen Tisch. Nun ja.

Er fragte, ob es korrekt sei, daß ich mich wegen der Anhörung bezüglich der Vornamens- und Personenstandsänderung gemäß §1 und 8 TSG eingefunden hätte. Jawoll. Er sagte, er habe die Gutachten gelesen und da er kein Psychiater sei, sei er gehalten, sich nach ihnen zu richten – und beide seien ja positiv ausgefallen. Dennoch hätte er, wenn es mir recht wäre, ein paar Fragen.

Vor allem wollte er wissen, wie meine Mitmenschen mit meinem Coming Out umgehen. Ich antwortete, daß meine Familie incl. meinem Sohn sehr entspannt damit umgeht, daß sich aber rund 90% meiner sonstigen Kontakte erledigt haben. Der Richter war nicht überrascht – sowas hört er wohl öfter. Ich sei mir aber trotzdem sicher? Ja, absolut. Er fragte außerdem noch nach hormonellen und operativen Maßnahmen.

Und dann sagte er den Satz, auf den ich nun schon 37 Jahre warte: “Das Gericht stellt fest, daß der Antragsteller als dem männlichen Geschlecht angehörig anzusehen ist und daß seine Vornamen künftig Valo Thóralf … lauten”.

Keine Big Band. Kein Chor. Nur ein Kribbeln die Wirbelsäule runter. Dankbarkeit. Das gute Gefühl, daß es jetzt so ist, wie es schon immer hätte sein sollen.

Insgesamt war ich vielleicht 20 Minuten beim Richter drin. Das Gespräch war freundlich, zugewandt und fair.

Die schriftliche Mitteilung über den Beschluß habe ich auch schon bekommen. Nun warte ich nur noch darauf, daß der Beschluß rechtskräftig wird, was vielleicht nochmal sechs bis acht Wochen dauern mag. Und dann geht der Änderungsmarathon los, denn ich muß restlos alles, was bisher auf meinen weiblichen Namen lief, umschreiben lassen.

Für mich bedeutet das nun, daß ich – vermutlich – für dieses Jahr mit allem durch bin, was ich anpacken wollte. Die Hormontherapie und die Begleittherapie laufen und die NUPS ist durch. Jetzt kann ich mich eigentlich gemütlich zurücklehnen und darauf warten, daß mir ein Bart wächst :)

Nachdem ich den Beschluß in Händen hielt, hatte ich allerdings noch ein letztes Coming Out vor mir. Mein Vater hat bisher nichts von meiner Transidentität gewußt. Da unser Kontakt schwierig bzw. nicht vorhanden ist, habe ich mich entschlossen, ihm einen Brief zu schreiben. Nach diversen Entwürfen, von knapper Mitteilung bis hin zu fürchterlich emotionalem Geheule, ist mir, glaube ich, ein eher neutrales Mittelding geglückt. Diesen Brief zu schreiben, fand ich entsetzlich schwer – welche Worte sollen schon möglichst knapp und doch präzise und für einen Menschen, der davon scheinbar nie was mitbekommen hat, darlegen, welchen Weg ich hinter und welchen ich noch vor mir habe? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Am Ende habe ich den Brief zugeklebt und abgeschickt und gedacht, ich gebe das jetzt aus den Händen. Er muß darüber informiert werden (sagen alle Therapeuten, Gutachter und auch der Richter), also ab damit. Ich versuche im Moment, gar nichts zu erwarten – nicht mal eine Reaktion. Das ist schwierig, eben weil es so emotional ist. Ich würde wenigstens einmal in meinem Leben gern hören wollen, daß mich jemand seinen Sohn nennt. Ich hätte eigentlich noch so viele Fragen über meine Kindheit und Jugend…aber ob er sie mir beantworten könnte? Whatever, ich habe mich mitgeteilt und eine Hand gereicht, jetzt muß ich abwarten.

Emotional geht es mir jetzt gerade ein wenig merkwürdig. Ich bin froh und dankbar, daß dieser ganze Prozeß so schnell abgewickelt werden konnte. Gerade mal auf den Tag genau vier Monate vom Stellen des Antrags bis zum Beschluß, das ist schon rekordverdächtig. Ich kann es allerdings noch nicht recht glauben und habe Angst vor irgendwelchen Komplikationen oder davor, daß mir das Erreichte doch wieder aberkannt werden könnte – total irrational, aber mei, so ist das halt.

In der kommenden Zeit werde ich hier nochmal ein paar Dinge zum Kauf anbieten, um ein bißchen Geld für die NUPS zu sammeln. Die Rechnung kommt übrigens ganz am Schluß, nachdem der Beschluß rechtskräftig geworden ist. Ich habe immer noch keine Ahnung, was da auf mich zukommen wird…

Valo, 30.01.2015, 13:53 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 14 Kommentare

:: Schwul? Wäre es da nicht einfacher gewesen, eine Frau zu bleiben? ::

Nachdem ich diese Reaktion schon relativ oft auf mein Coming Out bekommen habe, dachte ich, ich lege das mal auseinander. Vielleicht hilft das ja beim Verständnis.

Der Satz in meiner Überschrift weist darauf hin, daß der Fragesteller folgende Rechnung aufmacht:

Schwule sind auf Männerfang. Ein schwuler Transmann auch. Es gibt aber nicht so viele Schwule wie Hetero- oder Bi-Männer, ergo hätte es eine Frau einfacher, einen Mann zu finden, rein von der Quote her. Und da ein Transmann ja eigentlich eine Frau ist, kann sie dann ja direkt eine Frau bleiben, dann kriegt sie die meisten Männer.

Mäp! Falsch! An dieser Theorie stimmt so ziemlich gar nichts.

Zunächst mal ist natürlich nicht jeder Schwule auf Männerfang. Ich finde dieses Vorurteil eigentlich sehr interessant, weil es so “wunderbar” direkt auf den 50ern zu kommen scheint, wo man sich auch bei einer Atombombenzündung unterm Küchentisch sicher wähnte. Herrlich. Sexuelle/romantische Orientierung ist kein Indikator für das Promiskuitätslevel. Oder wie immer Du das nennen willst. Es ist einfach nur ein tradiertes, verzerrtes, sexistisches Klischee.

Der Gedanke, daß ein Transmann ja eigentlich eine Frau ist, ist genauso grundlegend falsch. Ein Transmann ist eine männliche Seele, ein männliches Gehirn in einem weiblichen Körper. Ich würde also zustimmen, wenn jemand die Aussage treffen würde, daß Transmänner in einem weiblichen Körper zur Welt kommen und demnach ständig für eine Frau gehalten werden, aber das ist eben nur die Verpackung – in unserem Fall eine Mogelpackung, die uns selbst und alle anderen an der Nase herumführt. Dinge bleiben für gewöhnlich sie selbst, auch wenn Du noch so steif und fest behauptest, daß sie etwas anderes sind. Da spielen natürlich eine Menge Erfahrungen, Vorurteile, Ängste und Unwissenheiten rein (nichts, was man nicht beseitigen könnte).

Wenn ich vermutlich eins mit Sicherheit sagen kann, dann daß ich noch nie jemanden kennengelernt habe, dem so langweilig wäre, daß er den Transweg bloß deswegen geht, weil er nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen wußte. Dieser Weg ist nix für Luschen. Die Menschen, die ihn gehen, können nicht anders. Für viele gibt es tatsächlich nur zwei Möglichkeiten: transitionieren oder sterben. Trans zu sein, ist keine Entscheidung, die man trifft. Kein Hobby. Trans zu sein ist angeboren, und man hat darauf genauso viel Einfluß wie auf seine Augenfarbe: keinen. Insofern hat ein Transmensch keine Wahl, ob er nicht doch lieber nicht trans sein möchte, weil er in seinem biologischen Geschlecht vielleicht bessere Chancen hätte, jemanden “abzukriegen”. Die sexuelle/romantische Orientierung kann sich im Laufe der Zeit verändern. Trans zu sein, verändert sich nicht. Ich würde sagen, es durchläuft lediglich unterschiedliche Stadien des (Nicht-)Bewußtseins. Die These, daß ein schwuler Transmann es als augenscheinliche Hetero-Frau leichter gehabt hätte, ist nicht haltbar – es ist vielmehr fraglich, ob er das überhaupt überlebt bzw. sein Leben zur vollen Entfaltung gebracht hätte.

Um also auf die Frage aus der Überschrift zu antworten: wenn menschliches Leben lediglich ein technischer Prozeß wäre, bei dem es darum geht, möglichst oft flachgelegt zu werden, dann wäre es möglicherweise einfacher, wenn ein schwuler Transmann eine augenscheinliche Hetero-Frau “geblieben” wäre. Da menschliches Leben aber alles andere als das ist, ist es das nicht. Es ist keine Option. Und die meisten schwulen Transmänner reagieren sehr verletzt darauf, wenn Du sie mit so einer Aussage konfrontierst.

Valo, 25.01.2015, 11:15 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

Geschützt: :: Knochenklappern ::

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Valo, 21.01.2015, 21:35 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | Auch die Kommentare sind durch das Passwort geschützt.

:: Trans, (nicht) krank ::

In Deutschland läuft Transsexualität unter dem Etikett einer psychischen Störung (ICD-Schlüssel F64.0). Der Nachteil liegt auf der Hand: offiziell bekloppt. Konfuserweise liegt darin aber auch der Vorteil, denn durch die offiziell anerkannte psychische Störung haben Transmenschen ein Recht auf Behandlung – und die ist in Deutschland (in weiten Teilen) kostenlos, im Gegensatz zum (europäischen) Ausland, wo Transmenschen ihre Hormone und OPs selbst bezahlen müssen.

Und genau diese Ambiguität nehme ich eigentlich ständig wahr. Ich glaube, noch nie haben sich Ärzte und Therapeuten so sehr für mich interessiert wie jetzt. In meiner aktuellen Situation ist das großartig, denn ich bekomme wirklich Hilfe und fühle mich gut betreut. Rückblickend auf nicht so leichte Zeiten ist das allerdings ätzend. Damals hatte ich keine offizielle Diagnose und mir ging es hundeelend, wurde aber allein gelassen. Es ist schon sehr merkwürdig, was sich verändert, bloß weil man ein Etikett aufgeklebt kriegt.

Im Umgang mit Ärzten und Therapeuten hat mir noch niemand das Gefühl gegeben, ich sei krank, weil ich trans bin. Die Reaktionen auf mein Coming Out waren durchweg positiv, wenn auch teilweise überrascht. Ich wurde von allen Ärzten respektvoll und “normal” behandelt – sie haben meine Fragen neutral beantwortet, ohne irgendwie zu werten, und sie begleiten mich beratend, aber nicht lenkend. Ich habe Kontrolle über den gesamten Prozeß, was ich als absolut essentiell empfinde (vielleicht ist das so ein Transding: nach einem Leben in der Fremdbestimmung durch Mißgendern und Co. ist es wichtig und heilsam, den Weg nun selbstbestimmt zu finden und zu gehen). Es gab, wie ich schon schrieb, einen Arzt, der versucht hat, seine Machtposition auszuspielen, aber den habe ich direkt abgesägt – ich bin echt zu alt für so einen Scheiß.

Ich selbst empfinde mich interessanterweise seit dem inneren Coming Out, also seit dem Moment, in dem mir klar wurde, daß ich trans bin, als weniger “krank” oder “bekloppt” als zuvor. Ich habe natürlich mein Leben lang schon erfahren, daß der Umgang mit anderen Menschen für mich entsetzlich kompliziert ist, aber da ich nicht wußte, woran es liegt, hatte ich mich einfach mit diesem Zustand arrangiert und andere Erklärungen dafür gefunden. Seit dem inneren Coming Out ergeben die Probleme und Dysphorien einen Sinn und ich begreife, warum es nie funktioniert hat. Für mich ist das ein Schritt Richtung Heilung, wobei sich diese noch nicht wirklich vollziehen kann, da ich ja immer noch mißgendert werde.

Als ich die Entscheidung getroffen habe, zu transitionieren, war das mit dem Wissen verknüpft, daß ich möglicherweise nicht nur während dieses Prozesses, sondern für immer als psychisch gestört oder krank gelten würde – zumindest offiziell, denn Diagnosen kleben an einem wie Schlamm. Ich habe dazu bewußt ja gesagt, denn ich wollte die Transition mehr als daß dieses Etikett jemals hätte wehtun können. Meine innere Realität bleibt außerdem von sämtlichen Etiketten und Diagnosen unberührt – ich fühle mich pudelwohl auf dem Weg in die richtige Identität. Es kratzt überhaupt nicht an meinem Selbstwertgefühl, offiziell als gestört zu gelten. Für mich bedeutet die Diagnose F64.0 eigentlich nur, daß ich die Hilfe bekommen, die ich schon vor 25 Jahren gebraucht hätte.

Valo, 20.01.2015, 15:20 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Testo-Log, Woche 6 bis 8 ::

Gleich zu Beginn von Woche 6 darf ich einen alten Bekannten begrüßen, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe: mein Kinn. Da ich kaum fassen kann, daß es wieder da ist, rede ich mir ein, ich spinne, aber als ich eine Gipsmaske, die ich im letzten Sommer gemacht habe, aufsetze, wird mir klar, daß sich meine Kinnpartie massiv verändert hat. Die Maske fülle ich da jedenfalls nicht mehr. Geilo!

Nicht so geilo ist die Pickelpopulation auf meinen Schultern. Ich nehme an, daß sie nicht vom Kontakt mit dem Gel, sondern vom Anstieg der Hormone in meinem Blut kommen. Das ist ja eigentlich ein gutes Zeichen – Pubertät, ich komme! -, aber uneigentlich will ich sie nicht haben. Also Pickel-Zen. Mir fällt außerdem ein, daß ich mal gelesen habe, daß Jungs in der Pubertät leider meist mehr Pickel haben als Mädli, aber daß das eben ein Zeichen für die Wirkung von Testo ist und daß dieselben Hormone, die diese Hautreaktion auslösen, auch einen Bart machen werden. Na gut. Fühlt Euch wohl, Ihr kleinen Mistkerle.

Meine Januar-Mens geht wieder so heftig los wie die im Dezember, verläuft aber nicht ganz so krass. Trotzdem merke ich deutlich, daß da Hormone im Clinch liegen, denn ich bin launisch bis aggressiv, nur um dann rumzuheulen und mich mit Schokolade vollzustopfen (die ich normalerweise nie esse). Meine Mens zu haben, fühlt sich diesmal doof an. Ich will das nicht mehr, vielen Dank. Geh doch einfach dahin, wo der Pfeffer wächst.

In Woche 7 erfahre ich, daß ich bisher unterdosiert war. Ich soll ab sofort die doppelte Menge nehmen, erstmal bis zur nächsten Kontrolle. Bereits am zweiten Tag mit mehr Testo  bin ich aggressiv wie selten zuvor in meinem Leben. Unter Leute zu müssen, geht gerade nur mit äußerster Selbstbeherrschung, weil ich ständig versucht bin, eine ordentliche Keilerei anzuzetteln. Mannometer!

Außerdem denke ich plötzlich nur noch an Sex, und zwar in einer beständigen Dauerschleife. Ich verpasse ganze Passagen von Filmen oder lese eine halbe Seite, bis mir auffällt, daß ich keinen Schimmer habe, was da gerade geschildert wurde, weil mein Hirn nur Ü18-Content produziert. Ich weiß, das ist normal und wird sich einpendeln, aber jetzt gerade ist mir nur nach Gewalt und Sex. Wie anstrengend. Außerdem bleibt dabei der ganze Rest auf der Strecke. Immerhin kann ich jetzt das erste Mal in meinem Leben verstehen, warum männliche Lust auf Frauen oft so abstoßend direkt und durchaus brutal wirkt bzw. wieso manche Männer für die Befriedigung ihrer Geilheit sehr weit zu gehen bereit sind.

In der achten Woche fällt mir auf, daß etwas passiert ist, über das ich völlig aus dem Häuschen gerate. Der Flaum in meinem Gesicht ist anders! Länger und auch an anderen Stellen. Absolut klassisch verteilt er sich auf Wangen und Hals, nur am Kinn und unter der Nase ist er fast nicht zu sehen. Yay! Auch an anderen Stellen wachsen plötzlich feine Härchen, wo früher nie welche waren. Ich bin ja doch irgendwie überrascht davon, wie schnell das jetzt geht.

Meine Menschenunlust verschärft sich zum Ende der achten Woche hin sogar noch. Ich würde mich am liebsten an einen einsamen Ort zurückziehen, wo ich allein sein kann mit mir, um den inneren Prozessen, die gerade an der Reihe sind, absolute Aufmerksamkeit zu widmen. Das meiste, was von anderen Menschen kommt, finde ich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – einfach belästigend und uninteressant. Ich schätze, ich bin mitten in der Pubertät. Manchmal schaffe ich es, Distanz zu mir selbst einzunehmen und mir meine Launen und mein Verhalten objektiv anzugucken – dann ist es einfach ein natürlicher Teil dieses Wegs. Wenn ich aber so vor mich hingrantle und mittendrin stecke, dann kann ich nicht anders als Menschen zum Kotzen zu finden. Ich hoffe ehrlich, daß sich das wieder legt, denn so kenne ich mich nicht. Na ok, nicht so arg :mrgreen: Passend dazu kriege ich es jetzt auch noch weniger als sonst hin, mich bei Menschen, die ich mag, zu melden. Ich fühle mich wie ein Eremit in einer Hütte im Wald. Und will genau das auch sein, weil ich spüre, daß diese Phase für mich total wichtig ist.

Valo, 19.01.2015, 19:01 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

:: Alltagstest: ein Jahr mehr Ich ::

Es ist jetzt ein Jahr her, daß ich meinen Alltagstest begonnen habe. Ich habe schon einmal einen kleinen Rückblick geschrieben, als ich siebenmonatiges Alltagstestjubiläum hatte. Jetzt ist es ein Jahr. Unfaßbar, wie schnell das rumging. Und wie langsam zugleich. Es ist so viel passiert, daß das Jahr eigentlich nur so vorbeigerast ist. Andererseits zogen sich einzelne Momente, einzelne Situationen wie Kaugummi und gaben mir das Gefühl, ich müsse durch Wackelpudding waten.

In den letzten fünf Monaten hat sich sehr viel bewegt:

  • ich habe im September meine Vornamens- und Personenstandsänderung beantragt
  • seit Oktober gehe ich regelmäßig zur Therapie
  • im November hatte ich meine beiden Gutachtergespräche
  • im November habe ich auch mit der HRT begonnen und nehme seither Testosteron

Der Therapie habe ich am Anfang etwas skeptisch entgegengeblickt, denn ich war mir sicher, daß ich keine gemacht hätte, wenn die Kasse nicht den Nachweis von 18 Monaten Begleittherapie verlangen würde, bevor sie für OPs die Kosten übernimmt. Inzwischen gehe ich ganz gern zur Therapie und bekomme da auch wirklich hilfreiche Impulse. Ich habe allerdings dennoch ein generelles Problem mit der Therapeuten-Situation, weil es von mir eine ungewohnte Offenheit verlangt, über all die Dinge dort zu reden. Zweischneidiges Schwert, irgendwie.

Im Austausch mit anderen Transmännern wird mir immer wieder klar, wie wenig “regelkonform” mein Weg war und wie schnell ich eigentlich Fortschritte verbuchen kann. Ich werde öfter gefragt, wie ich es angestellt habe, daß das alles so zügig über die Bühne geht. Ich kann nur sagen, daß ich ganz offen mit meinen Ärzten rede und keinen Zweifel daran lasse, daß ich diesen Weg gehen will – und werde. Wenn ich auf Ablehnung oder Widerstand treffe, suche ich erneut das Gespräch, biete Alternativen an, erkläre mich ausführlicher. Ich warte nicht darauf, daß mir etwas angeboten wird, sondern frage danach. Als ich den Transitionsprozeß begann, habe ich mir versprochen, zu versuchen, alles, was mir begegnet, als hilfreich zu sehen. Rückblickend hat mir diese Einstellung sicherlich eine Menge Kraft gegeben.

Was hilft sonst noch durch diese Zeit?

  • Tagebuch schreiben. Ich mache das nicht mehr so regelmäßig und ausführlich wie zu Beginn, aber ich notiere alles, was mir wichtig erscheint.
  • Die Unterstützung meiner Familie.
  • Es nicht krumm nehmen, von Fremden mißgendert zu werden. Natürlich möchte ich als Mann angesprochen werden und fühle mich unwohl, wenn ich als Frau wahrgenommen werde, aber ich weiß auch, daß meine Optik und Stimme mich als Frau erscheinen lassen. Wenn ich jedesmal tödlich beleidigt sein wollte, wenn das passiert, hätte ich viel zu tun…
  • Der Austausch mit anderen Transmännern bzw. das Lesen ihrer Texte und das Anschauen ihrer Videos.
  • Mir selbst Gutes tun, in Gedanken, Wort und Tat.
  • Mir immer wieder bereits Erreichtes vergegenwärtigen. Der Prozeß läuft, auch wenn ich das nicht täglich merke.
  • Radikales Zulassen von Vergangenheit und Gegenwart. Mit Blick auf die Zukunft. Pläne schmieden. Mich auf die Veränderungen freuen.

Und was soll in den nächsten sechs Monaten passieren?

  • Ich hoffe, meine Vornamens- und Personenstandsänderung wird rechtskräftig beschlossen und ich kann meine ganzen Papiere umschreiben lassen. Das wird noch ein Marathon werden…
  • Ich möchte ein oder zwei Ärzte wegen der ersten geschlechtsangleichenden OP konsultieren und mir anhören, wie sie operieren.
  • Ich hoffe, meine Stimme macht sich endlich auf den Weg nach unten. Und gegen ein paar Barthaare hätte ich auch nichts einzuwenden…
  • Ich hoffe, daß meine Mens ausbleibt.

Fazit nach einem Jahr als Mann? Ich habe das Frausein nicht einen Sekundenbruchteil lang vermißt. Ich fühle mich mehr wie ich selbst, aber noch lange nicht am Ziel. Ich bin glücklicher, zufriedener und blicke hoffnungsvoller in die Zukunft.

Valo, 11.01.2015, 00:03 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Soziophobie im Transkontext ::

Ein roter Faden, der durch mein Leben verläuft, ist, daß ich Probleme mit Menschen habe. Das fing bereits im Kindergarten an und hat sich nie gebessert – es wurde nur anders. Probleme mit Menschen, das klingt vielschichtig, und meine Soziophobie hat tatsächlich viele Facetten. Ich schäme mich für jede einzelne. Ich werfe mir jede einzelne vor und fühle mich regelmäßig als Versager, weil ich Dinge nicht schaffe, die für andere ganz natürlich sind, wie etwa ein Treffen mit Freunden. Naja, dafür fehlt allerdings auch ein essentieller Bestandteil, nämlich Freunde. Haha.

Wenn ich mit mir allein bin, fühle ich mich normal. Also war ich immer schon viel allein, denn das erzeugte am wenigsten Probleme und Mißverständnisse. Mir fehlten bis zu meinem 36. Lebensjahr sämtliche Vokabeln, die ich gebraucht hätte, um meinen Zustand, mein Ich, meine Probleme mit Menschen zu beschreiben. Ich wußte nur, daß es nicht funktioniert. Ich habe Menschen nicht kapiert und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Ich fand das meiste, was Menschen bewegt, was sie denken oder sagen merkwürdig. Im Laufe der letzten zehn Jahre habe ich gelernt, eine gewisse angepaßte Rolle zu spielen, wenn ich mit Menschen zusammenkomme, so daß Menschen mich für umgänglich oder sogar nett oder im Extremfall gesellig halten. Tatsächlich sind das aber immer nur Rollen. Ich gucke mir dabei zu, wie ich bestimmte Mechanismen abwickle, bestimmte Schlagworte bringe oder bestimmte Verhaltensweisen an den Tag lege, die in der Regel positiv aufgenommen werden. Im Grunde ist das nichts weiter als ein eingeübtes Theaterstück. Manchmal funktioniert es und manchmal nicht. Für mich selbst funktioniert es meistens nicht, denn es kostet mich alle Kraft, in diese Rolle reinzuschlüpfen. Je länger ich sie spiele, desto mehr Kraft kostet es. Normalerweise führt dieser krasse Kraftverlust früher oder später dazu, daß ich dissoziiere. Die Menschen, mit denen ich zusammen bin, bekommen das nicht mit, aber ich selbst fühle mich irgendwann als säße mein eigentliches Ich in der Steuerzentrale eines Roboters, der nach außen agiert. Oder wie unter Drogen.

Ich bin 36 Jahre Begegnungen mit Menschen so gut es ging aus dem Weg gegangen. Ich bin z.B. nie mit Klassenkameraden ins Kino oder Pizza essen, es sei denn, es waren vier-Augen-Situationen. Mit Anfang 30 habe ich versucht, mich in Gruppen und Stammtisch zu integrieren, aber es hat nie gepaßt. Teilweise inhaltlich, vor allem aber aufgrund des Menschenfaktors.

Das eigentlich Dilemma besteht darin, daß ich furchtbar gern Freunde hätte. So ganz unkomplizierten Kram: sich mal auf einen Tee treffen, mal ins Kino gehen, mal spazieren oder zusammen kochen. Was man eben macht. Ich kriege das nicht hin. Seit meinem Coming Out ist mir klar geworden, daß das schon immer an meiner Transidentität lag. Mit Menschen zusammenzusein ist so:

Ich stecke in einem Käfig. Rund um mich herum sind Gitterstäbe. Ich kann Dich sehen und hören, ich kann Dich sogar berühren, wenn ich meine Arme herausstrecke. Aber ich komme hier nicht raus. Ich kann Dir nicht erklären, wer ich bin. Ich kann Dir nicht erklären, warum ich das, was Du für gegeben hältst, wie meine körperliche Realität, nicht empfinden kann. Es ist falsch. Ich bin falsch. Bitte schau mich nicht an. Ich habe Angst, daß Du mich so lächerlich findest wie ich mich. Bitte hör nicht auf meine Stimme, sie ist falsch. Jetzt habe ich verpaßt, was Du gesagt hast. Kannst Du sehen, daß es mich alle Kraft kostet, die ich habe, aufrecht sitzen zu bleiben und zu dem zu nicken, was Du sagst? Zu lächeln? So zu tun, als würde ich mitbekommen, worüber wir sprechen? Hast Du gerade meine Brüste wahrgenommen? Oh Gott, sie sind viel zu auffällig. Wieso habe ich diese Dinger nur? Bekomme ich gerade Herzrasen? Ja, Scheiße. Meine Hände sind auch schon ganz feucht. Hoffentlich merkst Du davon nichts. Ruhig atmen, ganz ruhig. Nicht rumspinnen. Keiner merkt, wie es hier drin abgeht. Am Glas festhalten, mal einen Schluck trinken, lächeln, nicken, antworten. Ich glaube, ich bin rot angelaufen. Alle sehen das. Fuck. Presse schon wieder meine Kiefer aufeinander. Aua. Meine Augen brennen. Aufrecht sitzen bleiben, nicken, zuhören, lächeln. Stimmte die Reihenfolge? Mein Herz rast. Ich will fliehen. Schau mich nicht an. Sag um Gottes Willen nichts, das mir peinlich ist. Warum muß ich mir ausgerechnet jetzt meiner Körperlichkeit so bewußt sein? Fühle mich wie ein gestrandeter Wal, der unter seinem eigenen Gewicht erstickt. Ich sollte sowas nicht denken, sowas denkt doch kein normaler Mensch. Äh, was war nochmal das Thema? Wieso konnte meine Zunge gerade diese Worte formen, die ich geantwortet habe? Wo kam diese Information her? Ich denke mich an einen einsamen Strand. Möwen. Wellen. Alleinsein. Ich muß nachher unbedingt in die Stille. Kein Geräusch. Was erwartest Du von mir? Habe ich etwas Falsches gesagt? War das jetzt gerade lustig genug? Unpassend? Was erwartest Du von mir? Schau mich bitte nicht an. Nimm mich bitte nicht wahr. Nein, nimm mich bitte wahr. Nimm mich wahr. Ich finde Dich wirklich nett, aber ich glaube, ich verkacke es gerade. Ich schaffe das nicht. Ich habe keine Kraft mehr. Ich würde Dich gern wiedersehen. Nein, lieber nicht, ich verkacke es dann wieder. Oder doch nicht? 

Diesen inneren Monolog kann ich über Stunden spinnen, während ich nach außen eine scheinbar normale, angeregte Unterhaltung führe. Von meiner Zerrissenheit kommt nichts bei meinem Gegenüber an, allenfalls bleibt das Gefühl zurück, ich sei unnahbar, würde mauern, oder sei direkt viel zu interessiert. Das sind eigentlich nur Strategien, die noch nicht einmal besonders gut funktionieren. Nach solchen Treffen oder Unterhaltungen bin ich absolut ausgebrannt und leer. Es hat mich mal wieder alle Kraft gekostet, nicht zusammenzubrechen und die Fassade aufrechtzuerhalten. Es gibt für mich keine zwischenmenschlichen Kontakte abgesehen von meinen Partnerschaften, die entspannt wären oder dazu beitragen, daß ich mich relaxt fühle. Nietzsche sagte es mal sehr passend: die Hölle sind immer die Anderen.

Das wäre ok, wenn ich ein Misanthrop wäre. Dann würde ich mich in irgendeine dünn besiedelte Gegend zurückziehen und von mir aus im Wald bei den Berghutzen leben. Aber eigentlich mag ich Menschen. Ich hätte gern Kontakt. Ich hätte gern Freunde. Ich glaube, ich bin auch kein total verkehrter Mensch. Ich bin nur falsch in mir. In dieser Hülle. Sämtliche meiner männlichen Ego States waren zu Freundschaften fähig. Ich bin es nicht. Oder noch nicht.

Im Kontakt mit anderen Transmenschen habe ich andere getroffen, denen es geht wie mir. Die so damit beschäftigt sind, alle Scherben beisammenzuhalten, damit das Bild nicht zerbricht, das andere von ihnen haben, daß sie Menschen niemals wirklich nah kommen. So wie ich halt.

Seit meinem Coming Out prügle ich mich zu Transmanntreffen. Jedesmal auf’s Neue ist das ein Kampf, ein Kraftakt. Jedesmal dissoziiere ich, hyperventiliere, kriege hohen Blutdruck, will fliehen. Jedesmal überlege ich mir, wie ich die Begegnung, nach der mich doch eigentlich so sehne, herauszögern oder sogar absagen kann. Manchmal schaffe ich es, hinzugehen. Manchmal kneife ich. Beides ist auf seine Weise schlimm. Wenn ich hingehe, kostet es mich alle Kraft. Wenn ich kneife, fühle ich mich noch einsamer und noch mehr als Versager.

Was ich mit diesem Posting sagen will: wenn Du selbst trans bist und das Gefühl hast, es mit Menschen einfach nicht auf die Kette zu kriegen – Du bist nicht allein. Vielleicht muß es erst schlimmer werden, bevor es besser wird.

Valo, 03.01.2015, 20:56 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare
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