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:: Fisch & Fleisch ::

Da ich jetzt seit über drei Monaten hier rumheule, daß ich so ein Verlangen nach Fisch und Grillhähnchen habe, dachte ich, daß es ganz interessant wäre, wenn ich auch über die Entwicklung in diesem Fall berichten würde. Kurze Zusammenfassung der Vorgeschichte: meine erste vegetarische Episode hatte ich im Alter von 15 bis 17, dann habe ich kurzfristig nochmal Fisch (Fischstäbchen only) und Fleisch (Hähnchenfilet, Schweinefilet und Rinderhack) gegessen, bis ich 1998 aus ethischen Gründen auf ovo-lakto-vegetarische Kost umstieg. 2003 erfolgte die Umstellung auf Vollwertkost. Im Frühjahr 2011 habe ich ebenfalls aus ethischen, aber auch aus gesundheitlichen Gründen (Laktoseintoleranz) auf vegane Vollwertkost umgestellt. Und nun habe ich seit etwa einem Vierteljahr Lust auf Fleisch.

Mir war es wichtig, mir diese Gelüste erstmal eine Weile anzugucken. Die Lust auf Käse z.B. ist mir nie vergangen und auch wenn es inzwischen ganz nette vegane Käsealternativen gibt…sorry, die schmecken nicht nach Käse. Ich habe trotzdem seit 2011 keinen Käse mehr angerührt, vor allem weil ich befürchtete, wieder so stark wie früher auf die Milch zu reagieren (bei mir machte es zuletzt keinen Unterschied mehr, ob ich laktosefreien oder laktosehaltigen Käse aß – er machte mich einfach krank). Ich wollte nun nicht dem “erstbesten Jabber” nachgeben, sondern mir anschauen, ob er sich verändern würde, wie ich damit klarkäme und was passieren würde. Das ist etwas, was ich durch Meditation gelernt habe, mal so am Rande erwähnt. Also, das Abwarten und nicht direkt Handeln.

In der Zwischenzeit habe ich mich bewußt mit Fisch und Fleisch konfrontiert, und zwar da, wo ich einen gewissen Abstand wahren konnte. Ich habe mir beispielsweise die tiefgekühlten Fischstäbchen im Supermarkt angeguckt oder die Fischtheke im Feinkostladen, jeweils ohne etwas zu kaufen. Mein einer Mann hat sich geopfert^^ und in meinem Beisein einen Fischburger gegessen. Ich schnupperte daran und stellte überrascht fest, daß mich der Fischgeruch anders als in den letzten 16 Jahren nicht anwiderte, sondern ziemlich anmachte. Dennoch wartete ich noch ab, weil es mir irgendwie seltsam und verquer vorkam, nach so langer Abstinenz plötzlich solchen Heißhunger zu haben.

Ich habe diesen Heißhunger dann mal mit anderen Transmännern diskutiert und stellte erstaunt und irgendwie erleichtert fest, daß ich bei weitem nicht der Einzige bin, der das erlebt. Viele Transmänner waren vor ihrem inneren Coming Out Vegetarier oder Veganer und sahen sich dann aus heiterem Himmel mit der Lust auf Fleisch oder Fisch konfrontiert. Woran das genau liegt, weiß offenbar keiner, zumal in vielen Fällen noch nicht einmal eine Hormontherapie begonnen hat (bei mir ja auch nicht). Aber ja, es gibt innere und äußere Veränderungen – ich bin mitten drin in der Transition.

Ich sprach mit meinem anderen, streng vegan essenden Mann über meinen Heißhunger. Am Anfang zog er mich damit ein wenig auf, aber als er merkte, daß es mir ernst war und daß ich irgendwie darunter litt, reagierte er sehr verständnisvoll, zumal dieser Heißhunger offenbar nicht daran dachte, einfach zu verschwinden. Er bat mich, falls ich mich dafür entscheiden sollte, Fisch oder Fleisch zu probieren, es doch außer Haus zu machen, weil er sich nicht vorstellen konnte, daß tierische Lebensmittel in unserer Küche zubereitet werden würden. Das war ok für mich – er hat ganz früher, als ich bereits vegetarisch lebte, er aber noch omnivor aß, auch akzeptiert, daß ich sein Geschirr und die Pfanne nicht abspülen mochte.

Heute war es dann soweit. Mein omnivor essender Mann und ich gingen zum Essen aus, zu einem guten Chinesen, der täglich ein großes Buffet anbietet. Ich hatte mir nachmittags während der Meditation den Kopf zerbrochen, wie es denn um meine ethischen Einstellungen bestellt wäre, wenn ich Fleisch oder Fisch essen würde, aber die Wahrheit war: ich hätte mir auch vorstellen können, das Tier zuzubereiten. Ich glaube, es zu töten, wäre nicht meins, aber einen Fisch auszunehmen, um ihn dann zu braten, wäre ok gewesen. Sonderbar – das war für mich bisher immer ein No Go gewesen…

Die erste Buffetrunde blieb vegan, weil ich erstmal eine Grundlage schaffen wollte. Trotzdem guckte ich mir die Fisch- und Fleischschüsseln an und sondierte schon mal, was für mich ok wäre. In der zweiten Runde nahm ich mir ein kleines Stück Fisch, offensichtlich ein Filet im Knuspermantel. Nächster Schritt: es vor mir auf dem Teller liegen haben, es ansehen, es riechen. Ich hatte mir bewußt ein Stück Fisch ausgesucht, bei dem die Panade nicht alles bedeckte, denn wenn schon, dann richtig. Kein Versteckspiel. Es war ok. Mehr als das, es roch fabelhaft. Mein Körper reagierte ungefähr so wie in meiner Schwangerschaft mit einem deutlichen “JA! GIB MIR!”. Hoppla, das hatte ich nicht erwartet. Nächster Schritt: ein Stück abschneiden und mir vor die Nase halten. Bis zum finalen Schritt war es dann nicht mehr weit. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem ganzen Leben ein Stück Fisch derart genossen. Es war eine Offenbarung. Was mich wirklich irritierte, war das Ausbleiben des schlechten Gewissens oder wenigstens einer leisen kritischen Stimme. Nothing.

In Runde drei folgten noch ein kleines Stück Fisch und ein ebenso kleines Stück Hähnchen. Habe ich gewußt, daß diese Tiere sicher nicht glücklich gelebt haben? Ja. Habe ich es trotzdem gegessen und genossen? Ja, absolut. Wirklich seltsam, denn meine ethischen Bedenken, die mich überhaupt erst vor 16 Jahren zum Vegetarier werden ließen, waren einfach weg. Verdrängt habe ich die Realität nicht – ich würde eher sagen, ich nahm sie in Kauf. Ich habe mich bei den Tieren für ihr Opfer bedankt. Nein, das hat ihre Lebensumstände und ihren Tod nicht besser gemacht, aber ich bedanke mich für jedes Essen, das mich am Leben erhält (auch bei dem traurig-welken Salat vom Discounter, wenn ich ihn mal kaufen muß).

Als ich da beim Chinesen saß, da wart Ihr bei mir. Ich habe darüber nachgedacht, wie Ihr mich bewerten würdet, wenn Ihr das wüßtet. Ich meine, ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich das Töten eines Tieres, Massentierhaltung und Co. für unethisch halte. Ich habe ein veganes Kochbuch geschrieben. Ich habe immer wieder behauptet, daß ich vegane Kost liebe, daß sie mir guttut und daß sie wunderbar schmeckt (tut sie immer noch^^). Mir ist klar geworden, daß ich mit dem Verzehr von Fleisch und Fisch heute Abend eine gar nicht so unsichtbare Grenze überschritten habe. Ich habe etwas getan, das ich mir selbst streng untersagt hatte, und als ich es tat, fühlte ich keine Reue. Irgendwie ist das der Transition gar nicht so unähnlich und paßt daher gut in diesen Kontext. Es ist etwas Unerhörtes, fast schon Verbotenes, und ich breche ein Tabu, indem ich darüber schreibe. Ich habe keine Angst mehr davor, wie andere mich bewerten könnten.

Wie geht es weiter? Ich würde sagen, ich schaue mir erstmal an, wie mein Körper das verpackt. Und dann wage ich mich an ein Spiegelei. Was ich mir nach wie vor nicht vorstellen kann, ist, regelmäßig wieder Fisch oder Fleisch zu essen, oder Eier. Schon aus gesundheitlichen Gründen nicht. Aber irgendwie ist der Nimbus gefallen. Ich mußte übrigens an die Zen-Geschichte von den zwei Mönchen denken. Zwei Mönche wandern von einem Kloster zum nächsten und gelangen dabei an einen reißen Fluß, an dem eine Frau steht und nicht weiß, wie sie auf die andere Seite gelangen soll. Einer der Mönche trägt sie hinüber, dann gehen die beide Mönche wieder ihres Weges. Sie wandern kilometerweit. Als ihr Ziel in Sicht ist, sagt der eine Mönch: “Bruder, wie konntest Du die Frau nur über den Fluß tragen? Es ist uns Mönchen doch verboten, Frauen zu berühren!”. Der andere Mönch antwortet: “Siehst Du – ich habe die Frau am Flußufer zurückgelassen. Du nicht”.

Valo, 31.07.2014, 23:36 | Abgelegt unter: Ernährung,Transgender | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: Es ::

Wenn Du mich ‘es’ nennst, mußt Du damit leben, daß ich als böser Clown durch Deine Träume spuke…

Valo, 30.07.2014, 23:29 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: Gespräch mit dem Kind ::

Am Wochenende habe ich einen Chilikäse gekocht, von dem ich bei Tisch behauptete “der ist aber nix für Mädchen”. Darauf mein Sohn: “Du bist aber doch ein Mädchen”. Und mein Mann: “Nein, ist er nicht” :mrgreen:

Es war das erste Mal, daß mein Sohn diese Divergenz zwischen meiner Optik und der Tatsache, daß ich daheim mit männlichem Namen und entsprechenden Pronomen angesprochen werde, thematisiert hat. Bisher war es für ihn ok, daß ich “der Mama Valo” bin. Ich hatte mich im bereits im Frühling mitgeteilt und erklärt, daß ich schon immer ein Mann in einem weiblichen Körper gewesen bin, und bis jetzt hatte diese Erklärung gereicht.

Ich habe dieses Gespräch zum Anlaß genommen, mal ein bißchen konkreter zu werden. Wir haben schon früher über die DNA und Hormone und so Zeug geredet und diesmal habe ich erklärt, daß es die Hormone sind, die dafür sorgen, daß ein Baby im Bauch der Mama zum Mädchen oder zum Jungen wird. Eigentlich wollte ich das so unkompliziert stehen lassen, fühlte mich damit aber doof und habe deswegen ergänzt, daß es auch Menschen gibt, die ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale auf die Welt kommen. Ich weiß nicht, wie er diese Information aufschlüsseln konnte – das ist immer so ein Spagat zwischen “kindgerechtem Erklären, möglichst vereinfacht und schematisch” und dem Wissen um medizinische Fakten und den ganzen Gendertrouble den Menschen so mit sich herumschleppen. Letztlich muß ich einfach darauf vertrauen, daß er weiß, daß er mit Fragen zu uns kommen kann.

Ich erklärte, daß es Männer gibt, die in einem Mädchenkörper auf die Welt kommen, und Frauen, die in einem Jungenkörper geboren werden. Immer noch im Bemühen, es möglichst simpel zu halten, fügte ich hinzu, daß nach der Geburt nur auf die äußeren Geschlechtsmerkmale geschaut wird, aber daß das größte Sexualorgan nunmal das Gehirn ist und daß da ja kein Arzt reingucken kann. Die Erklärung schien jetzt erstmal zu genügen. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt.

Um mal ganz offiziell auf eine Frage zu antworten, die ich öfter per Mail gestellt bekomme: nein, meine Transidentität ist zumindest bisher überhaupt kein Auslöser für Bullying gewesen, weder in der Schule noch in Vereinen. Wie sich das irgendwann mal mit Hormonen entwickelt, weiß ich natürlich noch nicht, andererseits glaube ich, daß mein Rollstuhl wohl nicht weniger Auslöser für Harrassment sein könnte.

*     *     *

On the weekend my son and I had a conversation about gender and sex. I explained that hormones are responsible for the development of a girl or a boy during pregnacy and then added that sometimes children are born who can’t be sexed without a doubt. I told him that there are men who are born into a female body and vice versa and that our brain is the most important sexual organ we own. This explanation seemed to be enough for the moment.

And to answer openly to a question often submitted by e-mail: no, my transidentity didn’t provoke bullying so far, neither in school nor in clubs.

Valo, 29.07.2014, 12:34 | Abgelegt unter: FamilienLeben,Transgender | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: WochenendRückblick ::

[Wetter] Bedeckt und sonnig im Wechsel und von 22-36°C alles dabei. Ich finde diesen Sommer großartig – man kann atmen.

[Gemacht] Beim Friseur gewesen. Im Schloßpark gewesen, Krähenfedern gesammelt (unfaßbar viele, eine ganze Faust voll) und Djembé-Spielern zugehört. Küchenexperimente mit Agar-Agar. Gehaushaltet. In einem Straßencafé gesessen und Zukunftsmusik gespielt.

[Crafts 'n' Arts] Aquarelliert. Ich habe ein paar neue Techniken ausprobiert und bin inzwischen mit meinen Gewässern ganz zufrieden.

[Bewegt] Radeln und Yoga, u.a. die grundlegende Übungsreihe für die Wirbelsäule (das war meine erste 40-Tage-Kriya).

[Gehört] W*o*v*e*n*h*a*n*d. Hach. Placebo. Dead Can Dance. A Perfect Circle. Und Jean-Christophe Grangé: Das schwarze Blut.

[Gelesen] Christine Fuchs: Räuchern in Winterzeit und Raunächten (in denen mir ein H felt *häßlich grins*). Das Buch ist mir in der Bibliothek untergekommen. Die Autorin widmet sich dem Räuchern zwischen Mabon und Imbolc, gibt Hinweise für Fragestellungen zu inneren Prozessen und schlägt ein bewußtes Erleben der Rauhnächte vor. Fand ich sehr nett, allerdings räuchere ich nicht mehr – insofern eher theoretische Lektüre für mich :) Heike Eva Schmidt: Schlehenherz. Ein Jugendthriller, der mich richtig gut unterhalten hat. Lilas Freundin Vio wird tot unter einem Schlehenbusch aufgefunden, und Lila beschließt, ihren Mörder zu finden. Jens Hübner: Reisemomente. Der Autor beschreibt das Skizzieren und Aquarellieren unterwegs und auf Reisen. Viele tolle, praktische Tips. Und zuletzt: Stephan Bodian – Meditation für Dummies.

[Gesehen] Dark Shadows.

[Getrunken] Leitungswasser, Pfefferminz- und Schwarztee sowie irische Limetten-Limo.

[Gegessen] Chili sin carne. Tortiglioni mit einer extracremigen Tomaten-Wodka-Sauce. Zitronentarte. Vollkornbrot mit Cashew-Chili-Käse (“ist er zu scharf, bist Du zu schwach…muhahahar!”). Karottenrohkost. Nektarinen mit Sojasahne. Salat. Blaubeeren. Spinatquiche mit getrockneten Tomaten. Ich glaube, ich steh jedes Wochenende ungefähr 6 Stunden in der Küche. Und liebe es.

[Gedacht] Ich will immer noch Fisch. Und Grillhähnchen. Und Bergkäse. Mein Mann hat mir Reismilch-Mozzarella gekauft und Visch-Stäbchen. Hilft nicht :(

[Gefreut] Meine Friseurin ist in die Babypause gegangen und nachdem ich endlos eitel geworden bin, hatte ich etwas Sorge, meinen Haarschopf einem Fremden anzuvertrauen. War am Freitag bei einem jungen türkischen Friseur, der nur Männern die Haare schneidet (und sie rasiert), und hatte ein wenig Angst, daß er es ablehnen würde, mich zu bedienen. Und als er mich dann ganz selbstverständlich aufrief, begrüßte und mir die Haare schnitt, war ich einfach nur happy. Damit macht man Transmänner glücklich ♥ Die Haare? Einfach geil!

[Geärgert] Über Medikamenten-Tirallala.

[Gelernt] Ich kann trotz bestehender Ehe meinen Personenstand ändern. Yiiiiiiss!

[Gekauft] Einen neuen Besteckkasten. Wir machen das jetzt wie im Knast und zählen nach.

[Dankbarkeit] Für viele kreative Ideen. Ich habe gar nicht genug Kraft und Zeit, alles zu machen, was mir gerade so zuzwinkert.

[Spirituelles] Mir fällt immer noch schwer, das in Worte zu packen. Es passiert rasend viel, es tut gut, es tut weh, es befreit und klärt, es erheitert mich, es macht mich glücklich – und es paßt in keine Worte rein.

[Und sonst so?] Hilfe, ich bin ein Bücherschrank-Addict! Ich habe dieses Wochenende eine ganze Kiste Bücher hingebracht und eine halbe wieder mitgenommen. So wird das aber nix mit dem “Loslassen”, gell?

[Ausblick auf die nächste Woche] Termine, zuviele. Aber ich hoffe, ich kann mal endlich zwei lose Enden einfangen und Dinge zu einem Ende bringen.

Valo, 28.07.2014, 00:19 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: Personenstandsänderung bei bestehender Ehe ::

Ich habe mich mehrmals hier auf meinem Blog dazu geäußert, daß ich meinen Personenstand niemals werde auf “männlich” ändern lassen können, weil ich verheiratet bin und es auch bleiben möchte. Gestern habe ich rausgekriegt, daß das alte TSG von 1980 im Jahr 2008 in diesem Punkt redigiert wurde. Anders gesagt: ich kann auch dann verheiratet bleiben, wenn ich meinen Personenstand ändern lasse. Yay! :D

Tut mir leid, daß ich da möglicherweise Verwirrung gestiftet habe, aber ich muß gestehen, daß mich diese ganzen juristischen Kniffe und Fallstricke, die ein Transmensch durchlaufen muß, ziemlich durcheinanderbringen.

Laufe jedenfalls seit gestern mit einem Dauergrinsen rum :D

Valo, 26.07.2014, 12:29 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Meine verlorene Jugend ::

Jamie redet offen über die Trauer bezüglich einer niemals erfahrenen Kindheit als Junge. Als ich den Artikel das erste Mal las, war das ein für mich so typischer Transgender-Moment, in dem mir das Gesicht runterfällt und ich hemmungslos heule. Das Geheule fing bei mir übrigens mit dem inneren Coming Out an, vorher habe ich eigentlich nie geheult. Naja, vielleicht zweimal im Jahr. Da fühlte ich es auch immer kommen und konnte was dagegen machen, aber im Transkontext geht es rubbel-die-Katz und schon kullern Tränen.

Jamie schreibt “I refused to believe that body parts were destiny” (“ich habe mich geweigert, zu glauben, daß Körperteile ein Schicksal sind”). Mir ging es genauso. Ich mochte die Kleider und Röcke nicht, die meine Mama mir kaufte, aber manchmal zog ich sie an, um ihr eine Freude zu machen. Ich fand Sandalen furchtbar und hätte lieber klobige Stiefel getragen. Ganz schlimm waren Söckchen mit Rüschenrand. Aber insgesamt war es ok für mich, auch wenn ich spürte, daß irgendwas nicht stimmte, denn der Sommer dauerte ja nicht ewig und ab dem Herbst konnte ich wieder durchgängig neutrale Sachen tragen. Manchmal gab es besondere Kleidung, die ich innig liebte. Zum Beispiel mußte ich auf der Hochzeit meines einen Cousins ein blumiges Kleid mit riesigem Spitzenkragen tragen. Ich habe das wegimaginiert und boykottiert und bei der Hochzeit des zweiten Cousins einen feinen Hosenanzug bekommen. Jiha!

Mit 12 wuchsen mir Brüste. Ich erinnere mich noch an den Morgen, an dem ich aufwachte und dachte: “WTF?! Irgendwas hat sich verändert. Das ist nicht normal so!”. Ich sprach das offen an, meine Mama lächelte und sagte, ja, Du wirst eine Frau, Dir wachsen Brüste. Es hat mich schockiert. Ich dachte, ich werde auseinandergefetzt. Ich wollte keine Brüste, vielen Dank. Wenig später fingen sie an, mir beim Sport wehzutun. Das war der Moment, wo meine stolze Mama mit mir einen Bustier kaufen ging. Der erste Moment, in dem ich mich bis in die Tiefen meiner Seele hinein gedemütigt fühlte. Ich fühlte mich verkrüppelt, behindert, defekt. Und als wir durch die Unterwäscheabteilung gingen und sie mir quer durch den Laden zurief, ich solle mir doch dieses oder jenes Teil anschauen, da begriff ich, daß Mädchensein immer mit Scham verbunden sein würde. Bei der Anprobe kamen sie und eine Verkäuferin zu mir in die Kabine rein, um den Sitz zu überprüfen. Ich dachte, ich sterbe. Und ich starb danach jedesmal, wenn ich in der Sportumkleide mit diesem Bustier herumhantierte und versuchte, meine wachsende Oberweite zu verbergen. Andere Mädels waren stolz auf ihre Brüste, ich fand meine nur peinlich und unpraktisch.

Ungefähr zur selben Zeit fing ich an, selbst nach Kleidung zu schauen. Nicht in der Mädchenabteilung. Ich kaufte entweder in neutralen Läden ohne Herren- und Frauenabteilung (ja, sowas gab es Ende der Achtziger, Anfang der 90er noch^^) oder im Skaterladen. Sämtliche Airwalkpullis habe ich länger getragen als alle Pullis zuvor. In den Sachen fühlte ich zum ersten Mal “das bin ich!”.

Beim Wühlen in der Vergangenheit fügen sich für mich immer mehr Puzzleteile zusammen und im gleichen Maß wächst in mir die Trauer über eine Kindheit als Junge, die ich nie hatte. Zwar gab es in meinem Elternhaus durchaus Zugeständnisse an meine eher burschikose Art, aber es gab eben auch Kleider. Und bestimmte Sprüche. Und Anforderungen. Mir fehlt bis heute ein “Gespräch unter Männern” mit meinem Vater. Das erste Mal rasieren. Der Stimmbruch. Fachsimpeleien über Fußball, denn ja, ich liebte Fußball (auch Basketball und Volleyball), aber ich hörte auf, Spiele zu gucken, nachdem die WM 1990 rum war. Mir fehlt es, Teil einer Clique von Jungs gewesen zu sein. Teil dieser männlichen Welt gewesen zu sein. Mir fehlt mein Anzug bei meiner Konfirmation (ich trug Rock und Bluse und sehe auf den Bildern todunglücklich und verkrampft aus). Die Badehose beim Schwimmtraining. Und letztlich fehlt mir auch einfach der männliche Körper.

In den Kommentaren zu Jamies Artikel hat jemand geantwortet, daß man Teile der Jungenkindheit doch nachholen kann. In gewisser Weise wohl schon, aber niemals wäre das ein authentisches Erleben. Natürlich kann ich heute Klamotten tragen, die ich will, oder mir Fußball angucken, aber ich kann nicht nachholen, was für immer nicht passiert ist. Wer weiß, was passiert und wie es sich anfühlt, wenn ich endlich Hormone nehmen darf und die so lange vermißten Veränderungen endlich eintreten. Ich glaube, es wird nochmal mehr Trauer nach oben produzieren, aber vielleicht kann ich das dann auch endlich loslassen.

*     *     *

My Lost Boyhood

Jamie talks openly about the boyhood she never had which made me cry severely. Just like Jamie I refused to believe that the body that developed around me was meant to be my destiny. Until I was 13, I still hoped for one day I’d wake up as a boy. I was 12 when I realized my breats had started to grow. I was shocked. I didn’t want breasts, thank you. When they finally started to hurt in our sports lessons, my mum decided to take me to the underwear department to buy my first bra. I felt humiliated and exposed, which reoccurred everytime I was in the locker room. At about the same time I started to buy clothes for myself, mostly skater-style sweaters. For the first time I felt “this is me!”.

While digging in my past my sadness about the boyhood I never experienced increases. I still miss so many aspects of it: the first shave, my breaking of the voice, an earnest talk with my dad about “man’s business”. In some way I can catch up on some aspects: I can wear what I want, I can watch soccer on TV. But I can never catch up on what forever has not been. Perhaps taking testosterone might help me, when the long missed changes finally take place.

Valo, 24.07.2014, 13:52 | Abgelegt unter: Androzentrisches,Transgender | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: Ergänzungsausweis ::

Endlich ist er angekommen, mein Ergänzungsausweis. Das Dokument wird von der DGTI ausgestellt und ergänzt den Personalausweis, in dem ich noch mit meinem alten Vornamen und als weiblich drinstehe.

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Der Ergänzungsausweis soll helfen, eventuellen Mißverständnissen, die im Laufe der Transition vor allem im Kontakt mit Behörden, Ärzten u.a. zustande kommen könnten, vorzubeugen. In einem kurzen Text, der in Deutsch, Englisch und Französisch abgedruckt ist, wird erklärt, daß der Besitzer des Ausweises sich mitten in der Transition befindet und daß dazu auch das Auftreten als Mann gehört. Außerdem wird darum gebeten, ihn durch Verwendung seines männlichen Namens und entsprechender Pronomen zu unterstützen.

Der Ergänzungsausweis kann bei der DGTI beantragt werden und ist auch für Transfrauen erhältlich. Welche Dokumente man dafür einreichen muß, steht ebenfalls auf der Website. Das Ganze kostet 15 € und ich hatte den Ausweis jetzt nach gut drei Wochen im Kasten.

P.S.: Öhm, ja, die Nummer des Ausweises schimmert durch. Fuck it. Dafür bleibt mein dritter Vorname geheim, muhahaha!

Valo, 23.07.2014, 20:25 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Spätzchenbesuch ::

Neulich hatte ich ja schon vom kleinen Hausrotschwanz geschrieben, der in unserem Hinterhof hockte, weil er noch nicht so richtig fliegen konnte. Mein Mann und ich hatten hin und wieder nach ihm geguckt und ihm nachts auch ein Nestchen auf die Terrasse gestellt, weil einige Katzen hier unterwegs sind und wir nicht wollten, daß sie sich aus dem kleinen Federbällchen ein Sandwich machen. Nun, der kleine Rotschwanz hat es geschafft und fliegt jetzt über die Dächer. Manchmal kommt er uns besuchen und singt dann vom Dachfirst unserer Nachbarn runter :)

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Am vergangenen Wochenende waren die Männer im Hof, als sich ein junger Spatz zu ihnen gesellte. Er landete direkt auf der Schulter vom einen Mann und zupfte an dessen Bart und Ohren herum :) Als ich später auch noch raus ging, kam das Spätzchen zu mir geflattert, aber meine Ohren waren offenbar nicht so interessant wie meine Hände.

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Der Kleine kuschelte sich für eine ganze Weile an mich ran, nahm ein bißchen Reiki, und schlief ein. Nachdem er wieder erwacht war, nahm er gern ein paar Brotkrümel an, zwitscherte noch ein Liedchen und flog dann wieder davon. Sowas ist mir ja noch nie passiert… Hab mich schon gefragt, ob die Vogelkinder miteinander kommunizieren und unser Rotschwanz mitgeteilt hat, daß wir hier Vogelfreunde sind. Hach ♥

Valo, 22.07.2014, 13:57 | Abgelegt unter: FamilienLeben | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

:: P.S.: I Never Hated you ::

I just found this stunning video. Made me cry.

Valo, 21.07.2014, 14:19 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: WochenendRückblick ::

[Wetter] 37°C am Freitag und Samstag, dann kühlte es auf 28°C ab mit leichtem Wind. Herrlich. Ich mag die Hitze und ich mag die Entspannung danach.

[Gemacht] Ich war an einem tollen Ort in meiner Nachbarschaft und wollte aquarellieren, aber es war so heiß, daß es nicht funktioniert hat – die Farbe ist praktisch direkt am Pinsel getrocknet *lol* Habe meine Osteopathin besucht und war danach leicht “verkloppt” :mrgreen: Habe mich vor der Sonne versteckt und abends mit der Familie im Hof gegrillt. Und Sonntag hatte ich lieben Besuch (dazu morgen mehr^^) und war wieder bei den Bücherschränken schnöfern.

[Crafts 'n' Arts] Daheim :) aquarelliert. Sogar ziemlich viel.

[Bewegt] Geradelt und Agni Yam bei 37°C. Chchch.

[Gehört] Jiliane Hoffman: Vater unser. Drei Fragezeichen. Tool. Wovenhand.

[Gelesen] Erfolgreiches Streßmanagement für Dummies. Fand ich ganz gut und es stehen auch tatsächlich umsetzbare Tips drin.

[Gesehen] Ein paar Folgen Hannibal. Ich finde Mads Mikkelsen ist die perfekte Besetzung dafür. Hach. Und wenn ich mal groß bin, dann will ich so sein wie er (vielleicht ohne Menschenhäppchen) ♥

[Getrunken] Leitungswasser in rauhen Mengen. Ein bißchen Zitronenlimo. Eine Kreislaufrettungscola.

[Gegessen] Pasta mit Tomaten und Mango. Dekadent-fettige Pizza. Grillkram (Tomaten, Zucchini, Würschtel, Nudelsalat, Banane, …). Selbstgemachten veganen Käse (aber ich jabbere immer noch nach Bergkäse und so). Bavette mit Ruccola. Zucchini mit Kräutern. Nektarinentarte.

[Gedacht] Daß ich mich richtig glücklich fühle gerade.

[Gefreut] Über den Besuch. Über tolle Bücherschrankfindungen.

[Geärgert] Sehr. Auf mysteriöse Weise sind 8 Messer, 5 Gabeln und 2 Löffel unseres Besteckkastens verschwunden, der mal ein Geschenk meiner Mama war. Ich vermute, mein lieber Sohn hat sie nach und nach in den Müll geschmissen, und nachdem ich schon mal einen Teelöffel im Müll fand (mir aber nichts weiter Schlimmes dabei dachte), liegt die Vermutung nah. Da könnt ich schon in allen Regenbogenfarben kotzen. Konsequenz: ich habe das restliche Besteck meiner Mama eingesammelt und werde es erst wieder auflegen, wenn der Sohn aus dem Haus ist. Und mir demnächst schäbiges, billiges Besteck kaufen, bei dem es mir egal ist, wenn er es wieder wegwirft. Satansbraten.

[Gelernt] Was für ein Streßtyp ich bin. Aber eigentlich wußte ich das auch schon vorher.

[Gekauft] Nix.

[Dankbarkeit] Für so ziemlich alles. Außer Besteckschwund.

[Spirituelles] So ein Meditations-Aquarell-Ding :mrgreen:

[Und sonst so?] Dafür war es zu heiß.

[Ausblick auf die nächste Woche] Mal nicht so viele Termine und ich hoffe, daß ich endlich dazu komme, Konzertkarten zu kaufen. Wenn ich Wovenhand verpassen sollte, wäre ich sehr traurig.

Valo, 20.07.2014, 21:53 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare
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