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:: Mein Leben mit Bluthochdruck ::

Gleich vorweg: ich bin kein Arzt und besitze keinerlei medizinische Bildung. Alles, was ich hier schreibe, ist mein subjektives Erleben und Empfinden ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Falls Du mit Bluthochdruck Probleme hast, wende Dich bitte an einen Arzt.

2009 fing es aus heiterem Himmel an. Irgendwas stimmte nicht. Ich war ständig gereizt und nervös, fühlte mich getrieben und kurzatmig. Ich schlief schlecht, kam nur “irgendwie” durch meine Tage und bekam nichts mehr in meinem früheren Elan geschafft. Als dann noch Herzstolpern, ein ständiges Ohrensausen und das permanente Bedürfnis, meinen Körper anzuspannen, hinzukamen, bemühte ich ein Blutdruckmeßgerät. Was es mir zu sagen hatte, war nicht lustig.

Wer Bluthochdruck hat, kennt das: die Kontrolle des Blutdrucks gehört irgendwann zum Alltag dazu. Wenn man sensibel ist und seinen Körper gut kennt, merkt man sogar, wann es Blutdruckspitzen gibt. Nichtsdestotrotz empfand ich das Blutdruckmessen als angstbesetzt. Während das Gerät an meinem Handgelenk tickte, veränderte sich mein Atem, weil ich in banger Erwartung eines mehr oder weniger vernichtenden Urteils war. Und der Atem hat direkten Einfluß auf den Blutdruck. Wenn das Gerät mir ein Ergebnis lieferte, das ich als schlecht empfand, atmete ich eine Weile besonders tief und ruhig und maß dann nochmal, mit dem Effekt, daß der Blutdruck “gefallen” war. Reiner Selbstbetrug, aber durch meine familliäre Disposition empfand ich Bluthochdruck fast schon als Todesurteil.

Dennoch ging ich nicht zum Arzt. Ich dachte, ich gebe der Sache erstmal ein bißchen Zeit, frei nach dem Motto: was spontan entstanden ist, verschwindet wieder von selbst. Leider tat es das nicht. Bis in den November 2010 zog es sich hin. Dann erlitt ich einen blutdruckbedingten Zusammenklapper, mit Notaufnahme und allem. Erst als die Ärztin und ich da zusammensaßen und den Blutdruck und mein EKG beobachteten, wurde mir klar, wie krank ich war. Dagegen kam ich mit meiner reiß-Dich-am-Riemen-Philosophie nicht an. Nach der Entlassung wurde ich von Hausarzt und Kardiologe durchgenudelt, mit dem Ergebnis, daß mein Bluthohdruck keinerlei körperliche Ursachen hatte. Ich war zwar stark übergewichtig, aber mein Herz war groß und leistungsstark genug für mich. Auch das Stolpern, das ich besonders in stressigen Situationen empfand, konnte auf dem EKG nicht abgebildet werden. Ich bekam einen Angiotensin-II-Rezeptorblocker verschrieben, ein Präparat mit Telmisartan, welches die Stellen im Körper blockiert, an denen sich das für Gewebsspannung zuständige Angiotensin normalerweise andockt. Damit war das Thema für die Schulmedizin erledigt.

Für mich allerdings nicht. Zwar ging es mir mit dem Mittel besser und anders als Betablocker und Co. schlug es mir nicht auf den Magen und sorgte auch nicht dafür, daß ich dauernd neben den Puschen stand, aber ich wollte keinesfalls noch ein Medikament dauerhaft einnehmen. Mir war klar, daß ich Ursachenforschung betreiben mußte. Ich habe ja hier schon offen über die passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung, mit der mein Sohn zu kämpfen hat, geschrieben, und bin nach wie vor davon überzeugt, daß sie der größte Streßfaktor war (und ist), aber wenn ich mir mein Leben so angucke, dann wird mir deutlich, daß ich schon so manche Episode durchgemacht habe, die andere Menschen zerbrochen hätte. Ich bin gestärkt aus allem hervorgegangen. Zumindest psychisch. Denn mein Körper speichert und verarbeitet diese Dinge ganz anders als mein Geist. Mein Geist kann sich nur sehr diffus und bruchstückhaft an die meisten Traumata erinnern, mein Körper hingegen kann sofort auf diese Erinnerung zugreifen. Besonders eindrücklich wird das, wenn ich unvermittelt mit Düften konfrontiert bin, die ich in Trauma-Situationen wahrgenommen habe.

Was aber mache ich aus der Erkenntnis, daß ich eigentlich eine Menge Heilung bräuchte? Wo bekomme ich sie her? Was kann ich tun, um alte Verletzungen zu heilen? Ich glaube, daß es dazu unzählige Möglichkeiten gibt, aber daß jeder Mensch eine ganz eigene, individuelle braucht. Manchen hilft es, eine Therapie zu machen. Manchen hilft es, die Wut durch Sport oder Ballerspiele rauszulassen. Wieder andere bevorzugen Bachblüten, Homöopathie, Heilmassagen oder Arbeit mit Engeln. Mir hilft eine Mischung aus Bewegung, Entspannung, Kreativität und Regelmäßigkeit. Wie ich neulich schon schrieb: ich wäre gern jemand, der aus dem Rucksack lebt – heute hier, morgen da. Aber ich bin es nicht. Ich brauche mein Nest, dann erst kann ich fliegen. Für mich ging es also darum, mein Leben zu stabilisieren. Ich fing damit an, meinen Tagesablauf zu strukturieren. In dem Film “Der Tag der toten Ente” spricht die männliche Hauptfigur davon, daß sie den Tag in Einheiten à 30 Minuten unterteilt. Ich habe das ähnlich gemacht, nur in Stundeneinheiten. Mir war es wichtig, daß durch die Struktur nicht die Freiheit beeinträchtigt wird. Wenn ich spontan Lust habe, in den Biergarten zu gehen, dann soll das möglich bleiben. Wenn ich an einem Tag partout keine Lust auf Yoga habe, dann soll das nicht alles durcheinanderbringen. Also: Struktur ja, aber ohne Fanatismus.

Der zweite stabilisierende Faktor war für mich, mir genau anzugucken, wo meine Energie bleibt und was bzw. wer mich so richtig auf die Palme bringt. Natürlich war das zum einen mein Sohn, andererseits gab es aber einige Beziehungen, die mir mehr nahmen, als daß sie mir gaben. Klingt vielleicht egoistisch, aber ich bin es sehr müde, immer derjenige zu sein, der dafür sorgt, daß eine Beziehung am Laufen bleibt. Entweder ist das eine gegenseitige Sache oder wir lassen es. Ich habe also in meinen Beziehungen Tabula Rasa gemacht. Das war nicht leicht, aber es half.

Und der dritte Faktor war, mehr für meinen Körper zu tun. Als ich den Zusammenklapper hatte, war ich stark übergewichtig, aber da ich durch die Behinderung keinen “richtigen” Sport machen konnte, mußte etwas her, das ich im Sitzen tun konnte und das trotzdem für Bewegung sorgt und am besten auch noch meine Ausdauer trainiert. Meine Kasse genehmigte mir einen sog. Motomed, einen Heimtrainer, der auf die Bedürfnisse von Behinderten abgestimmt ist. So muß man nicht auf einen Sattel hoch, sondern kann mit Rolli oder Sessel vor das Gerät. Die Fußpedale sind so groß, daß die ganzen Füße draufpassen, und wer es braucht, kann sie auch festschnallen. Ich begann ganz klein, mit 1 km bei 1 Nm (Nm=Newtonmeter). Ich kam mir zwar blöd vor, als ehemaliger Leistunggsportler so schlaff anzufangen, aber ich sagte mir, das sei immerhin besser als nichts. Binnen ein paar Monaten konnte ich mich auf 10 Minuten bei 4 Nm steigern und heute radle ich bis zu 20 Minuten bei 5-6 Nm. Mehr Bewegung bekam ich aber noch nicht hin, denn der Alltag forderte mir viel meiner kaum vorhandenen Kraft ab. 2011 stieg ich auf vegane Ernährung um und nahm mal eben 5 kg ab, gewann aber an Lebensfreude und Genuß dazu. 2012 begann ich mit Kundalini Yoga. Anfangs schaffte mich bereits das bloße Geradesitzen, aber auch hier zahlte sich meine Beharrlichkeit aus. Seit etwa anderthalb Jahren mache ich nun täglich Yoga und es geht gar nicht mehr ohne. Insgesamt bin ich fitter, leistungsfähiger und schlanker geworden: fast 20 kg sind bereits gepurzelt. Ohne Hungern, nur mit veganer Kost und mehr Bewegung. Das kommt natürlich dem Herzen zugute.

Yoga – und das kann ich nur immer wieder schreiben – verändert alles. Seit ich Yoga mache, konnte ich die Dosis des Herzmedikaments halbieren. Das war für mich insofern wichtig, als daß das Mittel leider die blöde Angewohnheit hatte, meinen Blutzucker am frühen Nachmittag in den Keller zu jagen, dabei aber meinen Cholesterinwert anzuheben. Wichtig beim Reduzieren war, den Blutdruck regelmäßig zu kontrollieren. Ich habe erst dann behutsam, in 2 mg Schritten, runtergefahren, als sich zeigte, daß der Blutdruck dauerhaft etwas zu niedrig war. Inzwischen bin ich also bei der Häfte der vom Hersteller empfohlenen Minimalsdosis angelangt, die laut ihm und meiner Ärztin eigentlich gar nicht mehr wirksam sein kann. Doch sie ist es, denn wenn ich sie weglasse, krabbelt der Blutdruck wieder hoch. Mir hat das gezeigt, daß mein Körper einfach total sensibel reagiert und daß ich die richtige Dosis für mich selbst unabhängig von Medizinern finden muß. Meine Ärztin meinte, normalerweise würde sich ihr bei sowas das Nackenfell sträuben, aber da ich das Ganze sehr behutsam und kontrolliert gemacht habe und es vor allem funktioniert, sei sie damit einverstanden.

Yoga hat mir auch geholfen, Entspannung zu lernen. Dabei ist auch heute, nach 27 Monaten regelmäßiger Übung, die lange Entspannung, die zu jeder Kriya dazugehört, die anstrengendste und herausforderndste Übung für mich. Entspannung ist ein aktiver Prozeß und hat so gar nichts mit vor-den-Fernseher-quacken zu tun. Ich muß mich stark disziplinieren, um loszulassen. Klingt paradox, aber wenn ich mich nicht ständig dazu anhalte, loszulassen und zu entspannen, würde ich eher aufstehen und das Klo putzen, anstatt 11 Minuten reglos dazuliegen. Inzwischen glaube ich, daß diese recht schonungslose Haltung (keine Pausen, immer alles von mir selbst verlangen etc.) mit meiner Transidentität zusammenhängt. Ich hasse meinen Körper nicht, aber ich gehe auch nicht besonders liebevoll mit ihm um. Kann nur besser werden ;)

Ein ganz wichtiger Faktor war für mich, mir mit meinem Sohn Hilfe zu holen. Diese Hilfe kam nur sehr zäh in Gang (die ganze therapeutische Situation in Deutschland ist ein Witz) und noch immer reicht sie nicht so tief, wie ich gern hätte, aber in Kombination mit aktiver Entspannung geht es mir heute insgesamt besser. Streßfaktoren auszuschalten war für mich neben Struktur, Bewegung und Ernährung das Allerwichtigste. Um Hilfe zu bitten erachte ich überhaupt als wichtig. Vielleicht im Haushalt oder bei den Alltagsterminen oder wobei auch immer: Dinge abzugeben und mir Freiräume zu schaffen, beruhigte mein Herz.

Zuletzt möchte ich noch auf drei Faktoren hinweisen, die eher unbekannt sind, die aber für mich total wichtig sind.

  1. Wärme. Ich habe die Beobachtung gemacht, daß mein Blutdruck sich erhöhte, wenn mir kalt war oder wenn es stürmte. Das paßte nicht ganz zu einem Glaubensatz den ich hatte, nämlich ungefähr “je kälter und damit sauerstoffreicher die Luft, umso besser”. Dabei ist das ganz logisch, denn bei Kälte ziehen sich die Gefäße zusammen und das Herz muß stärker arbeiten. Wenn einem so kalt ist, daß man sogar kalte Hände und Füße hat, dann hat das Herz sogar noch mehr zu tun, denn das bedeutet, daß das Blut Richtung Rumpf und Kopf gepreßt wird, um die lebenswichtigen Organe zu schützen. Kälte sowie kalte Hände und Füße sind Gift für mich. Also achte ich immer darauf, warm genug angezogen zu sein und mich in Räumen aufzuhalten, die für mich angenehm temperiert sind. Beispielsweise lautet eine Empfehlung, bei einer Raumtemperatur von 17 bis 18°C zu schlafen – wenn ich das mache, rauscht mein Blutdruck nach oben. Besonders wichtig ist das für alle, die im Wasserbett schlafen. Wenn das Bett morgens also klamm und die Unterlage feucht ist und wenn dann sogar noch Hände und Füße kalt sind, gehört die Kerntemperatur etwas höher.
  2. Schärfe. Schärfe ist ja im Grunde die kulinarische Entsprechung der Wärme. Früher hieß es oft, Hypertoniker sollen scharfe Speisen meiden, weil sie den Blutdruck hochtreiben. Inzwischen weiß man, daß das Gegenteil der Fall ist. Capsaicin kann den Blutdruck senken, sofern man nicht übertreibt. Wer also scharfes Essen nicht gewohnt ist und sich direkt Scottish Bell Pepper antut, der wird gewiß Kreislaufprobleme bekommen. Wer aber langsam aufdosiert und dem Körper Zeit gibt, sich an den Schmerzreiz von Capsaicin zu gewöhnen, der kann damit seinen Blutdruck senken. Interessanterweise hat mein Körper ganz von selbst nach scharfem Essen verlangt, lange bevor ich von der blutdrucksenkenden Wirkung von Schärfe hörte.
  3. Ablenkung. Da die psychische Verfassung sich sofort auf den Blutdruck auswirken kann, brauche ich genug Ablenkung von diesem Thema. Leider neige ich nämlich dazu, mich auf ein Problem zu fokussieren, bis es wieder vorbei ist, nur daß das bei essentiellem Bluthochdruck nicht funktioniert. Es macht ihn eher noch schlimmer. Für mich sind Nähen, Malen, Lesen und Ausflüge in die Natur am besten, aber wahrscheinlich ist alles hilfreich, was man gern macht und wobei man aufblüht.

Mein Fazit: inzwischen kann ich mit der Diagnose “essentieller Bluthochdruck” leben. Ganz ohne Medikamente geht es (noch?) nicht, aber ich habe in dieser Zeit eine ganze Menge über mich selbst und meinen Körper gelernt. Mediziner kennen nicht alle Zusammenhänge und oft genug wird einem gesagt, man bilde sich Dinge nur ein (oder man bekommt die Standardantwort: “das ist alles rein psychosomatisch!”). Jeder Mensch ist anders und braucht einen individuellen Weg. Aber Bluthochdruck ist nicht das Ende der Welt. Und ganz sicher kein Todesurteil.

Valo, 22.04.2014, 15:17 | Abgelegt unter: Behinderung,Ernährung,Yoga | RSS 2.0 | TB | 5 Kommentare

:: WochenendRückblick ::

[Wetter] Richtiges Aprilwetter. Wir hatten Sonnenschein, Wolkenberge, Bindfadenregen und Hagel.

[Gemacht] Eine laaaaaange Phototour, zweiteilig. Ich glaube, ich habe jetzt den gesamten Kraichgau gesehen ;) In Speyer gewesen. Blumen gekauft und die Kästen für Terrasse bepflanzt. In Hauenstein (Pfalz) gewesen, dem Schuh-Dorado des Südens, und dort im Café rumgelümmelt und Pizza gefuttert. Viel geredet. Viel nachgedacht. Schoko-Eier versteckt. Chipstüten gefunden (der Osterhase kennt mich!).

[Crafts 'n' Arts] Photographiert, richtig viel. Das war die erste Phototour seit letztem Sommer und ich habe es total genossen, merke aber auch, daß ich noch eine Menge über die Technik lernen muß. Und ich werde mir wohl irgendwann überlegen müssen, wohin es damit gehen soll, denn ich schließe bestimmte Dinge wie z.B. eine große Blitzanlage eigentlich komplett aus. So rein von meinen Möglichkeiten mit der Gehbehinderung her.

[Bewegt] Leider nicht soviel, wie ich gern hätte, aber wenigstens ein Mindestmaß an Yoga.

[Gehört] A Perfect Circle. Elbow. Joseph Parsons. Röyksopp. Daughter. Chris Carter: Der Knochenbrecher.

[Gelesen] Ein bißchen in der Winq und in einer GEO. Ich habe so viele spannende Sachen auf Halde, aber ich hatte keine Zeit.

[Gesehen] Captain America – The First Avenger. Iron Man. Der Womanizer. Und Fernsehblabla.

[Getrunken] Leitungswasser. Schwarztee. Cola. Herrje, dieser Punkt ist immer derselbe, aber beim Trinken bin ich traditionell :)

[Gegessen] Eine großartige Rote-Linsen-Cremesuppe mit Steinpilz-Apfel-Einlage. Bunter Salat mit Birnenspalten. Das schlimmste Asia-Wok-Futter aller Zeiten (ich find’s echt eine Frechheit, in der Speisekarte zu schreiben, in einem Gericht sei Kokosmilch drin, und dann Vollmilch zu benutzen *wärgs*). Rühr-Tofu mit jeder Menge Gemüse drin. Eine tolle vegane Pizza. Den ersten Spargel der Saison mit Rösti und Hollandaise. Massaman-Curry (Kartoffeln, Ananas, Kokosmilch, eine Trillion Gewürze) mit Reis.

[Gedacht] Ich kapiere menschliche Kommunikation und menschliche Beziehungen nicht. Ich bin grottig in sowas.

[Gefreut] Über das tolle Photo-Wetter, viel Zeit unterwegs, gute Gespräche und noch ein paar gefallene Groschen.

[Geärgert] Eigentlich nur über die Vollmilchsache.

[Gelernt] Eine ganze Menge über Bluthochdruck. Ich glaube, das muß ich mal in einem Artikel zusammenfassen.

[Gekauft] Zwei Zeitschriften und ein Buch.

[Dankbarkeit] Für kleine Delights wie Tagebücher, Teetassen und Katzenfell.

[Spirituelles] Ich habe darüber nachgedacht, diesen Punkt aus meinem Rückblick rauszunehmen, denn im Grunde gibt es hierzu nichts zu sagen.

[Und sonst so?] Dafür war keine Zeit :)

[Ausblick auf die nächste Woche] Ein paar Termine. Ich hoffe, daß ich einen Knoten lösen kann, der mich schon viel zu lange begleitet.

Valo, 22.04.2014, 01:30 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: Gott & ich ::

Ash und Athena haben heute über das Christentum nachgedacht. Ich habe das auch schon mal gemacht (wen das interessiert, der sucht auf meinem Blog nach “Bedenke, woran Du glaubst”) und würde alles, was ich damals schrieb, heute noch genauso schreiben, wenngleich wohl nicht mehr mit dem glühenden feministischen Eifer, den ich damals hatte. Wie ich schon schrieb: Feminismus in seiner politischen und spirituellen Dimension halte ich für wichtig, aber ich konnte weite Teile dieses Systems für mich selbst nicht mit Inhalt füllen.

Gerade bei Ashs Artikel heute kam mir jedoch in den Sinn, daß das Christentum für all diejenigen keine befriedigende Lösung sein kann, die nach den Urgründen von Religion / Religiosität und Glauben suchen. Denn das Christentum ist nunmal eine Hybridreligion, die sich aus bereits Vorhandenem rausgepickt hat, was ihm zupass kam, wegließ, was es nicht brauchte, und dann noch ein bißchen was Neues dazugedichtet hat. Im Grunde ist das derselbe Prozeß, dem alle Religionen und philosophischen Strömungen entspringen. Für mich war und bleibt das Christentum ebenso wie alle anderen monotheistischen Religionen zweifelhaft, aber das will ich hier nicht weiter ausbreiten. Für mich war die Frage nach dem Ursprung eigentlich immer am spannendsten. Ich gehe gern zur Quelle und gucke sie mir möglichst unverfälscht an (wobei “unverfälscht” praktisch nicht möglich ist – man weiß ja, was für merkwürdige Botschaften selbst in einem Stuhlkreis mit 20 Mitspielern bei der “stillen Post” rauskommen, nicht?). Sämtliche jüngere Religionen, vor allem die verschriftlichten, bieten interessante Ansätze für die Forschung nach diesem Ursprung. Man findet in ihnen Mosaiksteinchen, eben weil sie auf Älterem aufbauen, aber diese Mosaiksteinchen sind durch Intepretation und Umformung verfälscht. An den “wahren” Ursprung zu gelangen, ist total schwierig. Und gerade das reizt mich.

Die beiden oben verlinkten Artikel waren für mich heute eine Einladung, mal über meinen eigenen Glauben nachzudenken. Ich habe ja seit Ewigkeiten mit dieser spirituellen Mattscheibe zu tun. Inzwischen könnte ich mir sogar vorstellen, daß meine sätmliche Spiritualität nur dazu da war, mich durch den akuten Prozeß meiner schweren Krankheit zu führen, denn sie fing etwa 3 Jahre davor an und dauerte bis etwa 3 Jahre nach der akuten Phase an. Mein Glauben heute? Praktisch nicht existent. Ich lebe sehr bewußt im Jahreskreis, was ich vor allem deswegen tu, weil ich mich meiner Region hier sehr verbunden fühle und weil ich gern saisonal koche. Der Grund für Zweiteres liegt darin, daß ich ein Genußmensch bin. Würden Erdbeeren, die im Dezember aus Südamerika eingeflogen werden, genauso gut schmecken wie die Erdbeeren, die es zur Saison aus heimischem Anbau gibt, würde ich sie kaufen – da bin ich ehrlich. Da sie das aber nicht tun, bin ich ein Verfechter der regionalen, saisonalen Küche. Abgesehen vom bewußten Erleben des Jahreskreises ist wohl nichts geblieben, das man “spirituell” nennen könnte. Sehr lange hat mich das extrem traurig gemacht, aber inzwischen bin ich damit einverstanden. Meinem Leben fehlt nichts ohne die Göttin darin. Tatsächlich ist die Göttin ein Konzept, das mir inzwischen total fremd ist. Faszinierend, aber fremd. Gerade der Muttergöttinnenkult könnte mir nicht ferner liegen, was natürlich mit der Erkenntnis zu tun hat, daß ich ein Mann bin. Ich konnte und wollte diese Art Mutterschaft niemals ausfüllen, und seit ich mir das eingestanden habe, ist der Druck weg. Ich bin eine grottige Mutter, weil ich keine Frau bin. Die Vaterrolle liegt mir hingegen total und ich fülle sie mit Freude aus.

Also eine Umorientierung Richtung männliche Spiritualität? Vielleicht, wer weiß. Irgendwann. Denn ich weiß erbärmlich wenig über männliche Spiritualität. Das, was ich über sie weiß oder zu wissen meine, kenne ich nur durch meine ehemalige feministische Brille – und das ist nicht besonders schmeichelhaft. Der Mann samt Manngott als Usurpator, Schwächling, Gewalttäter, Kindermörder, Erdverderber und Patriarch. Wie wir Gott wahrnehmen, hängt vermutlich nicht zuletzt daran, wie wir uns selbst wahrnehmen. Und ich nehme mich als nichts davon wahr, obwohl ich ein klares Bild von mir als Mann und von meiner Männlichkeit habe. Da befinde ich mich also auf absolutem Neuland, der mit einem gehörigen Schuß an Verfehlung, Mißinterpretation und Wut gedüngt wurde – das gebe ich ehrlich zu. Im Moment steht mir nicht der Sinn danach, mich mit männlicher Spiritualität zu befassen, obwohl mir Hari Har Ji einen interessanten Hinweis gegeben hat, wo ich ansetzen könnte.

Yoga und Meditation…joa, sind schon spirituell. Aber “Har” (also Gott) ist für mich etwas Abstraktes geworden. Nicht greifbar. Irgendwie irgendwo da, aber nicht hier, nicht jetzt, nicht direkt erfahrbar. Es tut mir nicht mehr weh, ich sehne mich nicht mehr danach. Ich bin ja ein Mensch, der die Dinge oft sehr rational angeht, und ich habe einfach auch keine Lust auf irgendwelche emotionalen Begegnungen mit dem Göttlichen. Dazu bin ich gerade zu faul. Zu bequem. Zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Wenn es passiert, passiert es. Wenn nicht, dann eben nicht. Ich brauche Gott im Moment nicht und er/sie/es mich offenbar auch nicht. Das ist ok, solange es Tee gibt.

:: Die Leere von der Kraft ::

Ich habe schon oft davon geschrieben, daß ich mit Leere kein Problem habe, weil ich sie als verlockenden Zustand empfinde. In der Leere liegen Kraft und Offenbarung. Das Loslassen liegt mir scheinbar mehr als das Festhalten, denn ich halte nur das fest, was sich als sturmsicher erwiesen hat – und das ist nicht besonders viel. In den letzten Monaten ist mir durch den Trouble mit meinem Bett auf brutale Weise klar gemacht worden, wie viel Zeug ich bloß aufgrund meiner Behinderung brauche. Im Kern meines Wesens bin ich jemand, der mit einem kleinen Rucksack voller Zeug auskommt, nur daß meine physische Realität da nicht mitmacht. Ich wäre gern jemand, der sich einfach auf den Boden hauen und schlafen kann, aber das bin ich nicht. Ohne die richtige Creme leiden meine Transplantate. Ohne Duschlifter bleibt mir nur der feuchte Waschlappen. Ich habe also einen Haufen Dinge in meinem Leben, die nur deswegen da sind, weil ich behindert bin. Sie sind praktisch, aber irgendwie sind sie mir im Weg. Wie überhaupt die ganze Behinderung im Weg ist. Ich hätte jetzt neun Jahre Zeit gehabt, mich daran zu gewöhnen, behindert zu sei, aber das habe ich nicht. Oder nur sehr oberflächlich. Jedesmal wieder kotzt es mich an, wenn ich mich selbst für recht kurze Strecken in den Rollstuhl setzen muß. Da drin zu sitzen, verändert die Perspektive auf die Welt, aber es verändert auch den Blick, den Dir die Welt zuwirft. Wenn Menschen besonders rüde zu mir sind, vermute ich dahinter Unsicherheit wegen der Behinderung. Sind sie besonders nett, denke ich, sie erwarten, daß ich gleich zu sabbern anfange. Ich bin also ein Behinderter mit lauter Vorurteilen über Behinderte und Nichtbehinderte. Ich bin nicht wütend darüber, daß Unsicherheiten existieren. Was mich wütend macht, ist die Ausweglosigkeit meiner Situation. Mir mangelt es an Akzeptanz für meine Behinderung. Wenn jemals wirklich gute künstliche Beine erfunden werden würden, würde ich nicht zögern, meine gegen sie auszutauschen. Es ist hart, wenn man für die kleinsten Freiheiten so schwer kämpfen muß. Mal eben in den Supermarkt rein. Mal eben Haare waschen. Und ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, nicht spazieren gehen zu können.

Am Wochenende war ich ja bei Hari Har Ji zum Handlesen. Sie hat einen Satz gesagt, der in mir nachklingt: “Testosterone will give you the physical strength you’ve been missing all of your life” (“Testosteron wird Dir die körperliche Kraft geben, die Dir Dein ganzes Leben lang gefehlt hat”). Ich habe sie gefragt, ob sie das sehen kann, daß ich mir immer zu schwach vorkam, rein körperlich. Ja, das konnte sie. Und dann mußte ich zurückdenken an meine Zeit als Leistungssportler. Mehrmals die Woche Training, dazu Kraft- und Ausdauersport. Objektiv betrachtet war ich damals nicht schwach, aber die Grenzen, die mein Körper mir gesteckt hat, haben mich rasend gemacht. Ich war nicht zufrieden damit, daß ich in der Frauenriege auf Platz 1 lag. Was ich wirklich wollte, war, auch in der Männerriege ganz oben zu stehen. Daß ich das nicht schaffte, kam mir wie entsetzliche Schwäche vor, aber egal, wie sehr ich mich peitschte, es klappte nicht. Und heute scheitere ich kläglich an so manchem Schraubverschluß. Oder an einem Lappen, den ich auswringen soll. Es geht einfach nicht, und wenn, dann nur unter Schmerzen. Ich bin gut in Disziplin, Durchhaltevermögen und Zähigkeit, aber Kraft ist ironischerweise mein schwächstes Fach.

Allmählich geht mir auf, daß viel Wut, die ich schon ewig in mir trage, nur mit meiner physischen Realität zusammenhängt. Ich wurde als Mädchen erzogen, ich werde noch immer als Frau wahrgenommen. Sämtliche Emanzipationsversuche gingen mir nicht weit genug und heute denke ich, sie hätten das auch gar nicht geschafft. Denn sie änderten nichts an meiner Realität. Ich wurde und werde immer noch “falsch” wahrgenommen und das macht mich – je nach Tageskondition – rasend oder traurig. Resignation und Wut wechseln sich ab. Vielleicht ist es da kein Wunder, daß mir die Leere so nahsteht. Leere ist doch eigentlich ein gnadenreicher Zustand, vollkommen druckfrei und losgelöst.

Valo, 17.04.2014, 12:41 | Abgelegt unter: Behinderung,Transgender | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: Gendersternchen, over & out ::

Mir hat noch nie eingeleuchtet, wieso es besonderer Erwähnung bedarf, daß es Menschen gibt, die angeblich “anders” sind wie zum Beispiel Homosexuelle, People of Color, Behinderte und so. Im Grunde sind wir alle anders oder können sehr schnell dazu werden, weswegen ich alles als Normvariante betrachte (reden wir nicht von Inklusion – auch wichtig, aber das führt mich jetzt vom Kern weg). Insofern hatte ich immer ein wenig Magengrimmen beim Gendersternchen. Ich finde den Gedanken, der dahintersteckt, total gut. Wir sind kommunikative Wesen und auch wenn unser Hirn im Verhältnis zu unserem restlichen Körper von beachtlicher Größe ist, fällt es doch schwer, sich präzise auszudrücken. Da spielt ja zudem noch diese Sende-Empfänger-Problematik mit rein. Das Gendersternchen verstehe ich als Bemühen um Unmißverständlichkeit. Es ist für mich Ausdruck einer toleranten, nicht-diskriminierenden Haltung. Der Punkt ist nur, daß ich das Gendersternchen beim Schreiben und Lesen lästig finde – und für mich persönlich auch überflüssig. Wenn ich “Frau” sage, dann meine ich alle, die sich damit angesprochen fühlen. Wenn ich “Mann” sage, ebenso. Und das trifft auf alle diese Begriffe zu, die neuerdings mit Sternchen markiert werden. Mir kommt es durchaus so vor, daß das Gendersternchen eher zum Aufrechterhalten der Klüfte beiträgt, anstatt sie zu überwinden, obwohl es aus genau dem gegenteiligen Grund eingeführt wurde. Ich habe es ausprobiert und fühle mich damit nicht wohl, also werde ich es wieder weglassen. Free your mind and the rest will follow (En Vogue).

Valo, 16.04.2014, 13:44 | Abgelegt unter: Blogkram,Transgender | RSS 2.0 | TB | 4 Kommentare

:: WochenendRückblick ::

[Wetter] Sonnig und warm. Bestes Terrassenwetter.

[Gemacht] Meine neue Brille abgeholt. Bei der Änderungsschneiderei gewesen. Samstag fing mit einem fünfstündigen Besuch in einem Wasserbettenladen an. “Wasserbett?! Hat der nicht erst seins abgeschafft?” – ja! Mit Genuß! Ich habe allerdings beim Abpumpen des Wassers festgestellt, daß das Vlies gerissen war. Wer weiß, wie lange schon. Und eine Verknubbelung führt zu den Problemen, die ich hatte. Also habe ich mich ein paar Stunden in ein Wasserbett reingelegt und war plötzlich wieder daheim. Im Nest. Juhu! Anschließend war ich mit dem Mann beim Schnell-Thailänder was essen und habe mich danach in das Trockensystem zuhause reingelegt. Oder es versucht. Geht gar nicht. Den Rest des Samstags habe ich lesend auf der Terrasse und fernglotzend auf dem Sofa verbracht. Sonntag war ich zuerst bei Hari Har Ji zum Handlesen und es war wieder absolut toll. Danach waren der eine Mann, mein Sohn und ich auf der Kirmes. Ich bin das erste Mal seit gefühlten 80 Jahren Geisterbahn gefahren :D Abends war ich mit dem anderen Mann Eis essen und meinen Berg besuchen. Ein volles, rundes Wochenende, richtig schön.

[Crafts 'n' Arts] Ich habe endlich meinen Batik-Sterne-Quilt geheftet. Die Tage beginne ich mit Quilten. Eigentlich würde ich gern ein Sternemuster in Freihandtechnik verwenden, aber ich bekomme diese Pentagrammzeichnung mit der Nähmaschine einfach nicht hin. Meine Sterne sehen immer eher wie gehbehinderte Seesterne aus – das lasse ich mal.

[Bewegt] Rein ins Bett, raus aus’m Bett. Bei einem Freeflow ist das schon Sport, doch, doch. Außerdem ein bißchen Yoga.

[Gehört] Elbow. Brendan Perry. A Perfect Circle. Chris Carter: Der Knochenbrecher. Puscifer. Nick Cave. The Love Keys.

[Gelesen] John Kelly: The Great Mortality – An Intimate History Of The Black Death. Habe neulich eine englische Reportage über die Pest im Mittelalter in Europa gesehen und beschlossen, daß ich darüber noch zu wenig weiß. Und ich steh ja so auf Medizingeschichte. Außerdem habe ich “Barrakuda” von Christos Tsiolkas gelesen, einen schwulen Roman.

[Gesehen] Ich habe angefangen, Sex And The City zu gucken. Habe ich früher manchmal mit meiner Mama geguckt und mach das aus Nostalgiegründen ;) Außerdem “Wir sind die Millers” – die erste Komödie seit Monaten, bei der ich echt unterm Tisch lag vor Lachen.

[Getrunken] Leitungswasser, Wachmachcola, Schwarztee, Yogitee und Cola.

[Gegessen] Falafel. Eine Miniportion Staudensellerie-Spitzkohl-Curry mit Reis. Thai-Tofu-Curry in Kokosmilch, mit extra viel Sambal Oelek. Kartoffelgratin mit Oliven, dazu Zucchinigratin unter Nußhaube. Einen Schokololli. Kirmespommes. Handlesebanane. Frühstücksdrachenfrucht. Oliven. Peperoni. Gemischter Salat mit einem furchtbaren Convenience-Dressing. Ofen-Ratatouille mit Spätzle. Veganes Pistazieneis ♥ Dinkelvollkornbrot mit Paprikabruschetta. Und fast überall Chilisauce dazu.

[Gedacht] Mein Altgriechischlehrer hat das Mittelalter immer als “die große Stinkezeit” bezeichnet. Damals hat mich das total genervt, weil Mediävistik einer der wenigen Studienzweige war, der mir echt Spaß gemacht hat, aber inzwischen glaube ich, daß er doch irgendwie recht hatte.

[Gefreut] Über die gute Beratung im Wasserbettenladen. Mir sind jetzt ganz viele Probleme, die ich hatte, erklärt worden, und ich weiß, was ich anders machen kann und werde.

[Geärgert] Festzustellen, daß mein ehemaliger Wasserbettenhändler mich absolut falsch beraten und sehr schlecht (also praktisch gar nicht) betreut hat, hat mich total sauer und auch traurig gemacht.

[Gelernt] Daß es durchaus schwierig sein kann, Geschenke anzunehmen und die Gründe dafür, daß man sie erhält, nicht totzudenken.

[Gekauft] Ein paar Billets auf der Kirmes.

[Dankbarkeit] Für die erneute Begegnung mit Hari Har Ji. Sie ist toll – falls Ihr je die Gelegenheit habt, Euch von ihr aus der Hand lesen zu lassen…tut es! :)

[Spirituelles] Hari Har Ji hat mir einen kleinen Fingerzeig gegeben, mit dem ich, glaube ich, ganz viel anfangen kann.

[Und sonst so?] Ich bin müde. Ich bin verspannt. Ich will schlafen. Schlaaaaaaafeeeeen. ZzzzzZzzzZzzzz…

[Ausblick auf die nächste Woche] Wenn die Götter es wollen, bekomme ich schon mein neues Wasserbett. Das hoffe ich mal stark. Ansonsten die üblichen Termine und hoffentlich viel Zeit, um in der Sonne zu sitzen und zu schmökern.

Valo, 14.04.2014, 00:10 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Scham-los ::

Die größte Veränderung seit meinem inneren Coming Out ist das Gefühl von Freiheit. Endlich zu verstehen, warum bestimmte Dinge mein Leben lang nicht funktioniert haben, nimmt eine Riesenlast von meinen Schultern. Ich bin gar kein Alien, es gibt einen Begriff für das, was ich fühle – besser noch, es ist ganz normal und ich bin nicht allein damit. Es gibt Hilfe in Form von anderen Betroffenen, mit denen ich mich austauschen kann, und Ärzten, die mich durch die Transition begleiten werden.

Für mich war die Zeit des inneren Coming Outs heftig. Ich habe mich nicht getraut, den Gedanken, der schon immer in mir war, zuende zu denken. Ich trans*? Echt jetzt? Reicht es nicht, behindert, polyamor, heidnisch und vegan zu sein? Warum in aller Welt habe ich es nach meinem letzten Leben wie Hermine gemacht und einfach alles angekreuzt auf dem Kurszettel für’s jetzige Leben? Ein bißchen weniger hätte es doch auch getan ;) Nachdem ich den Gedanken endlich zugelassen und zuende gedacht hatte, nachdem nach 36 Jahren des Merkwürdigfühlens endlich Klarheit herrschte, habe ich beschlossen, daß ich mit meiner Trans*identität offen umgehen würde. Zu oft hatte ich von Trans*menschen gelesen, deren Leben nach der Erkenntnis, trans* zu sein, zerbröselte, weil sie versuchten, es zu verheimlichen. Heimlichtuerei wäre auch deswegen keine Alternative für mich gewesen, weil ich es nicht mal schaffe, meinen Partnern zu verheimlichen, was sie zu Ostern kriegen. Ich bin ihnen gegenüber immer offen. Manchmal finden sie das, glaube ich, schonungslos, aber sie wissen, daß ich stets absolut ehrlich und aufrichtig bin. Auch anderen Menschen möchte ich so begegnen. Es ist mir lieber, wenn klare Worte gefunden werden, als daß gemauschelt und getratscht wird. Für manche ist diese Ehrlichkeit schwer zu ertragen – das ist mir bewußt. Ich gehe durch meinen offenen Umgang mit meiner Trans*identität das Risiko ein, daß Menschen sich von mir abwenden, aus welchem Grund auch immer. Natürlich tut das weh, aber Selbstverleugnung wäre noch schmerzhafter. Ich meine, ich habe 36 Jahre lang verleugnet, in mir eingeschlossen, was ich wirklich bin. Es geht jetzt nicht mehr. Abgesehen davon will ich das auch nicht mehr.

Ich schäme mich nicht dafür, trans* zu sein. Dabei scheinen bestimmte Gesellschaftsgruppen geradezu zu erwarten, daß man sich dafür schämt. Vielleicht liegt das an der unseligen Synapse, die “trans*” mit “Rotlicht” assoziiert? Raven Kaldera weist in seinem Buch “Hermaphrodeities” darauf hin, daß viele Trans*menschen nur deswegen als Sexarbeiter* tätig sind, weil sie in anderen Berufen schwer bis überhaupt nicht Fuß fassen können. In Deutschland, glaube ich zumindest, sieht es ein wenig besser aus als jenseits des großen Teiches, aber auch hier wird Trans*identität oft als etwas Anrüchiges verstanden. Vielleicht weil das Wort “Trans*sexualität” eben auch die Silbe Sex enthält. Und Menschen reagieren immer total seltsam auf diese Silbe. Jeder tut’s, die Swingerclubs und Kontaktbörsen laufen über, in Karlsruhe stehen an einem piefigen Mittwochabend 20 Sexarbeiterinnen* in einer Straße, aber wehe, dieses Wort fällt im öffentlichen Raum. Skandal! Schmuddel! Und genau das ist das Problem am Begriff der “Trans*sexualität”. Er suggeriert, Trans*sein habe etwas mit Sex zu tun. Dem ist aber gar nicht so. Es geht bei Trans*identität nicht um Begehren und Lust, also das, was sich zwischen den Beinen abspielt, sondern um Identität, also das, was zwischen den Ohren passiert. Nicht-trans*identen Menschen Trans*identität zu erklären, ist ein bißchen prekär. Bisher mache ich das, indem ich Frauen* frage, woher sie wissen, daß sie eine Frau* sind (bei Männern* entsprechend, woher sie wissen, daß sie ein Mann* sind). Meist lautet die verblüfte Antwort: na, weil ich das eben weiß – ich spüre das! Eben. So ist es auch bei Trans*identen. Ganz einfach. Völlig scham- und schmuddellos.

Ich habe mir gründlich überlegt, ob ich auch offen über das Thema Trans*identität bloggen möchte. Es ist immer noch ein Tabuthema und genau das macht es so wichtig, daß darüber geredet wird. Es geht nicht um Schockeffekte, sondern um Aufklärung, um den Abbau von Vorbehalten und darum, anderen trans*identen Menschen zu helfen. Denn mir selbst hat es wahnsinnig geholfen, daß andere den Mut hatten, offen über ihren Weg, ihre Transition zu reden. Die Erkenntnis, trans* zu sein, ist heftig. Sie rührt an das Essentiellste überhaupt, unsere Geschlechteridentität Da ist es schon hilfreich, wenn man merkt, daß man damit nicht allein ist, daß andere den Weg gegangen sind, daß Zweifel und Ängst dazugehören, daß es Hilfe gibt. Ja, vor allem daß es Hilfe gibt. Immer noch töten sich trans*idente Menschen, weil sie verzweifeln und das Gefühl haben, ihr Leben, sich selbst nicht aushalten zu können.

Der Weg der Transition ist lang und steinig. Selbst wenn man rausgefunden hat, daß man trans* ist, braucht es immer noch eine Menge Zeit und Geduld. Warten auf Therapieplätze, warten auf Gutachten, warten auf Gerichtsbescheide, warten auf Arzt- und OP-Termine. Die Krankenkasse verlangen den Nachweis über 18 Monate Begleittherapie, bevor sie überhaupt die Kosten für geschlechtsangleichende OPs übernehmen. Für die Kassen macht das Sinn: sie möchten, daß Trans*idente sich absolut sicher sind, denn der Weg zum biologischen Geschlecht zurück, falls man merkt, daß die Transition doch nicht das Richtige war, ist praktisch unmöglich. Aber diese Warterei kann einen kirre machen. Wenn man im Prozeß drinsteckt, dann scheint es, als würde sich nichts regen. Dabei nicht in Mut- und Hoffnungslosigkeit zu versinken, ist eine Leistung. Auch deswegen möchte ich frei über den Weg bloggen, den ich gehen werde. Es hilft, wenn man liest, wie andere damit umgehen, womit sie sich selbst motivieren, wie sie es schaffen, Mut zu bewahren.

Im Moment rekrutieren sich meine Geduld und mein Mut aus den Gedanken, daß sich auch dann etwas bewegt, wenn ich es nicht sehe, und daß es jeden Abend immer noch Tee gibt. Mein Leben ist nicht aus den Fugen geraten, weil ich mir eingestanden habe, trans* zu sein, und mich geoutet habe. Ich bin hier, im vertrauten Zuhause, meine Katze schnurrt noch immer auf meinem Schoß und Chips schmecken immer noch toll. Alles ist gut. Ich schäme mich nicht.

Valo, 10.04.2014, 00:59 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare

:: 15 persönliche Fragen ::

Noch ein Stöckchen, das ich mir bei Athena mitgenommen habe :)

  1. Gibt es einen Spitznamen, den nur Deine Familie benutzt? Eigentlich nicht. Im Moment machen wir uns aber einen Spaß daraus, daß die Männer mich mit “ey Du!” anreden, weil sie sich noch nicht an Valo gewöhnt haben :)
  2. Hast Du eine seltsame Angewohnheit? Vermutlich sogar mehr als eine. Beispielsweise kippe ich mir fast überall 70%ige Chilisauce drauf, bin davon überzeugt, daß der Tee aus manchen Tassen besser schmeckt als aus anderen, und fange nachts um 1 mit Hausarbeit an.
  3. Hast Du irgendwelche seltsamen Phobien? Nein.
  4. Welchen Song drehst Du heimlich voll auf und singst laut mit, wenn Du allein bist? Ich frage mich die ganze Zeit, wie heimlich es sein kann, wenn ich einen Song voll aufdrehe, aber ok :) Am liebsten singe ich bei “Wings For Marie Pt. 2″ von Tool mit. Oder bei “Make me believe” von Godsmack.
  5. Über welche Kleinigkeit ärgerst Du Dich immer am meisten? Wenn sich Menschen nicht an Verabredungen und Absprachen halten. Dazu gehört für mich auch Unpünktlichkeit.
  6. Was tust Du, wenn Du nervös bist? Yogisch tief atmen und wenn es ganz schlimm ist, Valeriana-Globuli einwerfen.
  7. Auf welcher Seite des Bettes schläfst Du? Ich vertrete die Ansicht, daß man nicht alles teilen sollte, und das Bett gehört dazu :) Ich habe also viel Platz für mich allein.
  8. Was war Dein erstes Kuscheltier und sein Name? An mein erstes Kuscheltier erinnere ich mich leider nicht, aber mein wichtigstes Kuscheltier, das mich über 20 Jahre lang beim Einschlafen begleitet hat, war ein Stoffhund namens Nadienchen. Und Nadienchen war ein ganzer Kerl! ;)
  9. Welches Getränk bestellst Du Dir immer bei Starbucks? Gar keins. Aber in anderen Cafés trinke ich z.B. gern alkoholfreie Cocktails oder Getreidekaffee mit Sojamilchschaum.
  10. Gibt es eine Regel, die Du immer predigst, aber selbst nie einhältst? Nein, das käme mir unaufrichtig vor.
  11. In welche Richtung schaust Du beim Duschen? Öhm…geradeaus? Ich dusche im Sitzen auf einem Lifter und ohne Duschvorhang, weil ich den gar nicht brauche. Da sind die Blickrichtungen beschränkt.
  12. Hast Du irgendwelche seltsamen Körperfähigkeiten? Ich mache Yoga, alles klar? ;)
  13. Gibt es ein eigentlich “schlechtes” Essen, das Du trotzdem liebend gern ißt? [Ich mag das Wort "schlecht" in dem Zusammenhang nicht!] Fast Food wie Pommes, Falafel, Pizza und Co. Und Chips.
  14. Gibt es eine Redewendung, die Du ständig sagst? Ich glaube nicht.
  15. Zeit zum Schlafen – was hast Du wirklich an? Mein Adamskostüm.
Valo, 08.04.2014, 12:46 | Abgelegt unter: Blogkram | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: “Die Frau in mir” zu tauschen ::

Ich habe das Buch “Die Frau in mir” von Christian Seidel beendet. Wie ich schon öfter in meinen WochenendRückblicken anmerkte, hat mich die Lektüre genervt und aggressiv gemacht, weil Seidel meiner Meinung nach seinem Selbstanspruch nicht genügt und sexistische Klischees einfach ausreitet, anstatt irgendwelche Gendergaps zu überbrücken. Ich werde das Buch nie wieder zur Hand nehmen und wollte es deswegen hier zum Tausch anbieten. Da das Buch einen ziemlichen Hype ausgelöst hat, findet man im Netz eine Menge Infos und Rezensionen. Vielleicht kann jemand anders Seidels Selbstexperiment als Frau mehr abgewinnen als ich.

Ich würde gern gegen ein anderes Buch tauschen. Ich mag Sachbücher zu diversen Themen (Soziologie, Phytologie, Paläoanthropologie, Kosmologie, Meeresbiologie u.v.a.), vegane Kochbücher, Yogabücher, expressionistische Gedichtbände, DIY-Bücher, Biographien, Reiseberichte, Spiri-Bücher, schwule und queere Romane, Photobücher und Wissenschaftsthriller. Mag jemand?

Valo, 08.04.2014, 00:41 | Abgelegt unter: Täusche | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare

:: WochenendRückblick ::

[Wetter] Freitag und Sonntag hatten wir ein Bombenwetter und Samstag hat’s geregnet. Aber ich glaube, gerade diese Kombination sorgt dafür, daß es hier schon total grün ist.

[Gemacht] Irgendwie war ich jeden Tag mit dem einen Mann in der City in Karlsruhe. Freitag, weil ich eine neue Brille brauche, Samstag wegen dem Stoffmarkt und Sonntag beim verkaufsoffenen Sonntag (örks, ja, wirklich). Ich hab den KIT-Campus besucht, war im Schloßpark und in einem netten Café. Mit dem anderen Mann war ich immerhin Eis essen und wir hatten ein gutes Gespräch über ein Thema, das ich demnächst mal in einem Artikel aufarbeiten möchte, den “guten” Transmann. Mit dem Kind Rummykub gespielt.

[Crafts 'n' Arts] Ich habe begonnen, das Border an meine Batiksterne zu nähen.

[Bewegt] Radeln und Yoga, aber nicht soviel, wie ich gern gehabt hätte.

[Gehört] Elbow, die mich immer noch absolut begeistern. Steven Seagal. U2.

[Gelesen] Dazu bin ich leider nicht wirklich gekommen. Habe nur ein bißchen in eine Geo kompakt zum Thema Pflanzen reingeschmökert.

[Gesehen] Robot & Frank. Ein leiser, lustiger, trauriger Film. Und eine unsäglich geschnittene Fassung von From Dusk Till Dawn. Eigentlich einer meiner Lieblingsfilme, aber das war Schrott.

[Getrunken] Leitungswasser, Schwarztee, Cola.

[Gegessen] Zu viele Pommes. Gerösteten Blumenkohl mit Schweizer Rösti und Cashewsauce. Salzkartoffeln mit Bärlauchrahm. Gemüse und Tofu in scharfer Kokosmilchsauce, dazu Reis. Rucola. Dinkelbrot. Pappige Weißmehlbrötchen. Weinblätter mit Reisfüllung.

[Gedacht] An manchen Tagen bin ich aus Papier. Sehr dünnhäutig und leicht zu zerreißen.

[Gefreut] Über das tolle Wetter, den langen Spaziergang quer durch Karlsruhe und über ein Video von einer sehr bewegenden Walrettung.

[Geärgert] Über ein paar Unsensiblitäten.

[Gelernt] Herrenhosengröße 33 steht von der Weite her zwischen den Größen 64 und 66, ist aber kürzer. Für mich zu kurz.

[Gekauft] Auf dem Stoffmarkt 2 Meter Batikstoff. Eigentlich mehr, als ich wollte, aber er war so schön und überhaupt… Eine neue Brille. Eine Hose und ein Hemd.

[Dankbarkeit] Ich gebe zu, daß es trotz des schönen Wochenendes schwer für mich war, Dankbarkeit zu fühlen. Mir geht’s im Moment nicht so gut und da richtet sich der Fokus schnell auf das, was nicht so gut läuft.

[Spirituelles] Nope.

[Und sonst so?] Ich wünschte, manche losen Enden würden sich endlich mal einfangen lassen.

[Ausblick auf die nächste Woche] Termine, jeden Tag. Die meisten sind ok, aber eine “Perle” ist dabei, die ich am liebsten absagen würde. Geht aber nicht.

Valo, 06.04.2014, 23:50 | Abgelegt unter: Allgemein | RSS 2.0 | TB | Keine Kommentare
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