spiraltaenzer.de

:: Testo-Log, Woche 15 bis 17 ::

In der 15. Woche entdecke ich, daß das alkoholhaltige Testogel mir ein paar wunde Stellen verursacht hat. Mist! Dabei creme ich die Stelle, auf die ich es auftrage, gewissenhaft jeden Abend ein. Aber wahrscheinlich war es keine gute Idee, es immer auf dieselbe Stelle zu applizieren, und ich sollte mehr wechseln.

Ich telefoniere mit meinem Arzt wegen der neusten Blutergebnisse und wir beide freuen uns darüber, daß mein Testo-Spiegel endlich da ist, wo er sein soll. Er sagt, jetzt müßten die Veränderungen schneller passieren. Darauf freue ich mich, denn obwohl es mir wichtig war, behutsam einzusteigen, regt sich doch der positive Neid, wenn ich von meinen Mit-Startern Stimmaufnahmen höre. Ich spreche an, daß ich drei Kilo zugenommen habe, und mein Arzt lacht und bittet mich, mich nicht mehr auf die Waage zu stellen. Er sagt, ich werde noch mehr an Gewicht zulegen, soll aber meinen Bauchumfang messen – wenn der abnimmt, passiert das, was wir wollen. Nach dem Telefonat schnappe ich mir direkt mein Maßband (Himmel, wann habe ich eigentlich das letzte Mal genäht?) und stelle befriedigt fest, daß ganze 7 cm fehlen. Yay! Den ärztlichen Rat, mich weiterhin soviel zu bewegen, wie ich kann, werde ich beherzigen, zumal das Mehr an Muckis offenbar auch beschäftigt werden will und ich mehr Bewegungsdrang habe.

In Woche 16 muß ich nochmal zum Amt. Der Amtsleiter hat mit einem Computerspezialisten rausgeknobelt, wie er mich als männlich listen und mich trotzdem als verheiratet führen kann. Das ist ja ein Sonderfall bei Transsexuellen. Ich beantrage auch noch ein paar andere Papiere neu.

Meine neue EC-Karte trudelt ein. Es ist nur ein Plastikding, aber meinen männlichen Namen darauf zu finden, ist einer dieser Weihnachtsmomente. Ich krakele meine neue Unterschrift drunter und nehme mir fest vor, bei nächster Gelegenheit einfach mit meinem guten Namen zu bezahlen :P

Mir fällt auf, daß ich an den Armen, den Beinen und am Bauch ein dichteres Fell bekommen habe. Die (noch?) blonden Härchen an den Extremitäten stehen allerdings im krassen Gegensatz zu den ziemlich dunklen Flusen am Bauch. Der Flaum auf meinen Wangen ist immer noch ein Flaum, aber er wird deutlicher wahrnehmbar. Auch am Kinn regt sich was. Ich scherze, daß ich bereits einen Vollbart trage – incognito!

An den Armen bemerke ich größere, gewölbtere Muckis, denen es wahrscheinlich guttäte, wenn ich Gewichte stemmen könnte. Da meine Sehnen das aber überhaupt nicht witzig finden, ignoriere ich diesen Impuls und versuche einfach, täglich Yoga zu machen und zu radeln. Daß ich mehr Energie habe, merke ich aber auch in allen anderen Lebensbereichen, außer in einem: ich bin dauermüde. Egal, ob ich lang oder kurz schlafe, egal, wie voll der Tag war. ZzzZzz!

In der 16. Woche habe ich das erste Mal Passing. Ein älterer Mann erklärt seiner Frau, daß er den “jungen Mann” durchlassen muß, bevor sie weitergehen können. Ich freue mich tierisch darüber, frage mich aber gleichzeitig, ob der Gute vielleicht nicht mehr so richtig sieht, denn ich finde, daß sich an meinem Äußeren nichts verändert hat und ich nach wie vor als Frau wirke.

In der 17. Woche kommt meine neue Krankenkassenkarte an und da ich sie überall neu einchecken lassen muß, bin ich ziemlich oft damit beschäftigt, mich als trans zu outen. “Nein, ich bin noch derselbe Mensch, aber mein Vorname und mein Personenstand haben sich geändert. Genau, transsexuell!”. Die meisten gehen nett bis lustig damit um, aber ich denke, daß ich es allmählich echt leid bin, immer noch als Frau wahrgenommen zu werden. Jaja, es braucht nur Zeit, aber es gibt auch Tage, an denen ich nicht mehr mag. Muffel!

So allmählich trudeln auch andere offizielle Dokumente ein, die ich ändern lassen mußte. Schon irre, an was man alles denken muß. Vieles kann ich zudem erst in Angriff nehmen, wenn der neue Perso da ist.

In der 17. Woche bemerke ich auch, daß meine Stimme sich verändert. Ich klinge öfter belegt, als hätte ich einen Frosch im Hals. Da meine gesamte Familie gerade krank ist, kann ich nicht ausschließen, daß die andere Tonhöhe bei mir ebenfalls erkältungsbedingt ist. Aber halt mal – wieso bin ich nicht auch krank? Ich vermute, mein “Steroid-Doping” begünstigt meine Immunität. Super! :D

Und jetzt noch zwei Mitteilungen von der intimeren Front. Erstens: Testo macht Möpse schlaff. Wirklich schlaff. Leider schrumpfen sie nicht, aber immerhin sind sie nicht mehr ständig im Weg. Zweitens: Testo läßt die Klitoris wachsen und macht praktisch dauer-rattig, aber aus irgendeinem Grund erreicht man den Höhepunkt schwer bis gar nicht. Da viele Transmänner davon berichten, wollte ich das mal erwähnt haben.

Valo, 21.03.2015, 00:52 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

:: Einzelhandelswüste ::

Ich nutze Amazon total gern. In den letzten Jahren gab es dazu immer wieder ganz viele, total politische Diskussionen, weil Amazon ja so ein Monopolist ist und das die lokalen Märkte angeblich kaputt macht. Hier in Karlsruhe gibt es jetzt auch eine Aktion, die heißt “Laß den Klick in Deiner Stadt“. Diese Aktion will das Bewußtsein für den lokalen Markt heben und die Konsumenten dazu bringen, wieder vermehrt in den Einzelhandel zu gehen, anstatt online zu shoppen.

Normalerweise bin ich solchen Forderungen gegenüber resistent, weil meine Erfahrungen mit dem Einzelhandel eher unterirdisch sind. Ich habe es nicht so mit Menschen und es nervt mich, der “Beratung” durch “Fachpersonal” ausgesetzt zu sein. Die Leute, deren Job es ist, mir Kram anzudrehen, werden in den letzten Jahren immer mehr auf Verkauf und weniger auf Beratung geschult, was dazu führt, daß alle dieselben hanebüchenen Parolen skandieren. Ich habe mich aber für ein relativ werbearmes Leben entschieden, will sagen: ich glotz kein TV, ich lese keine Zeitungen, an meinem Gartentor steht, daß ich keine Werbung wünsche, ich kriege keine Newsletter und ich höre auch keine Werbung im Radio. Das mache ich seit Jahren so, denn die meisten Dinge, die beworben werden, finde ich absolut überflüssig, und ich mache keine Kaufentscheidungen von der Werbung abhängig. Werbung, die mich dann doch mal erreicht, analysiere ich gern. So hat sie wenigstens noch einen Nutzen. In Verkaufsgesprächen sehe ich mich dann aber genau der Form von aggressiver Werbung und Lifestylediktatur ausgesetzt, die ich nicht will. Insofern bin ich immer total froh, wenn das Verkaufspersonal sich lethargisch mit dem Sortieren von Styroporflocken befaßt oder an der Kaffeetasse festklammert und mich einfach in Ruhe läßt.

Das letzte echte Verkaufsgespräch hatte ich im letzten Sommer, wo ich mir eine neue Bettdecke kaufen wollte. Das lief ungefähr so:

ich: hallo. Ich suche eine dünne Sommerdecke aus Naturfaser, also Seide oder Wolle oder sowas. Kein Polyester. 

Verkäufer: aber Naturfaser ist doch gar nicht gut! Gucken Sie mal, hier habe ich eine ganz tolle Decke aus 100% Polyester, die ist atmungsaktiv und -

Leider führen solche Begegnungen nicht dazu, daß meine Shoppinglust, was den lokalen Einzelhandel angeht, angeregt wird. Das ist genau der Grund dafür, wieso ich Amazon liebe. Die haben zwar nicht alles, aber vieles. Die liefern über Nacht. Wenn mal was nicht funktioniert, wenn es defekt ist oder nicht gefällt, nehmen die das zurück. Ich brauche dafür nicht mal menschlichen Kontakt. Das lästige Verkaufsgespräch wird durch Rezensionen ersetzt. Mit der Zeit lernt man, das Wichtige rauszulesen. Funktioniert super.

So.

Nun gab es heute tatsächlich mal eine Situation, in der ich nach Monaten der Einzelhandelsabstinenz (abgesehen von Supermärkten und C&A, wo man “Beratung” hervorragend ausweichen kann) dachte, es wäre schlau, in den lokalen Einzelhandel zu gehen. Ich wollte mir einen bluetoothfähigen Kopfhörer angucken, ihn gern mal ausprobieren und schauen, ob er für mich paßt. Auch vom Tragekomfort und der Bedienbarkeit her.

Auf dem Parkplatz angekommen, werde ich erstmal zugequalmt. Behindertenparkplätze direkt neben der Raucherecke – lecker! Rein in den Markt. Großes Teil, null übersichtlich. Nach einigen Minuten finde ich, was ich suche, aber nicht da, wo es Sinn machen würde. Also nicht bei HiFi, sondern zwischen Fußbällen und Lockenstäben. Ich gucke zehn Minuten die Kopfhörer durch, die sie ausgestellt haben. Mitten in der Auslage ist ein Bildschirm angebracht. Der sagt, ich soll die Kopfhörer gern ausprobieren. Einfach aufsetzen, Gerät auswählen, Song auswählen und genießen. Ich probiere das mit mehreren Geräten. Es passiert nichts. Schon etwas genervt schaue ich weiter, finde einen Kopfhörer, der mich interessieren könnte. Leider gibt es nur ein einziges Exemplar, das verpackt ist. Ich nehme den Karton und suche einen Mitarbeiter. Keiner da. Finde erst einen in der angrenzenden Abteilung. Der sagt, er hat keinen Schimmer, ob man die Packung öffnen darf, aber er ruft mir einen Kollegen. Zwei Minuten und zwei Telefonate später lächelt er entschuldigend: der Kollege sei “auf dem Topf” und müsse “bald” da sein. Too much information, buddy. Ich gehe zurück in die Kopfhörerabteilung und warte. Von einem anderen Hersteller gibt es Kopfhörer zum Ausprobieren. Halt nicht mit Musik, sondern mit Werbegeschwafel. Ich höre mir das zweimal an, also sind weitere 10 Minuten vergangen. Nach nochmal 7 Minuten ist der Typ vom Klo zurück und widmet sich anderen Kunden. Die wollen auch gern einen eingepackten Kopfhörer angucken, weil es offenbar auf die richtige Farbe ankommt. Der Typ hat keinen Schimmer, was es in seiner Abteilung alles gibt. Verwechselt Preise und Modelle, muß dann nach nebenan, weil es da eventuell dieses und jenes Modell nochmal anders geben könnte. Erst als die Kundin nochmal sagt, sie will den Kopfhörer mal ausgepackt angucken, sagt er: “ich darf keine Verpackung öffnen!”. Wunderbar. Für diese Erkenntnis habe ich gerade insgesamt 40 Minuten meiner Lebenszeit und übrigens auch der Sonne draußen verschwendet. Lächelnd flöte ich die magischen Worte “Internet-Versandhandel” und verlasse den Laden, nicht ohne am Eingang nochmal zugequalmt zu werden.

Lieber lokaler Einzelhandel, während Du noch schläfst, liefert Amazon schon meine neuen Kopfhörer. Gute Nacht.

Valo, 17.03.2015, 01:22 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

Was mir an Fat Acceptance auf den Keks geht

Im Moment liest man überall von Fat Acceptance und ich will dazu mal was aus meiner übergewichtigen Perspektive schreiben. Das hier ist also – wie übrigens alles, was ich hier blogge – rein subjektiv und es muß Dir nicht gefallen.

Fat Acceptance (“Fettakzeptanz” oder “Akzeptanz von Fetten”) ist ein Stichwort des 3rd-Wave-Feminism. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, daß Fat Shaming (“Fettbeschämung” oder “Beschämung von Fetten”) ein Hate Crime (“Haßverbrechen” oder “Verbrechen aus Haß”) sei. So, ich hoffe, daß ich jetzt mal wieder normalere Sätze zustande kriege – vielleicht wär’s auch schlicht einfacher, das alles hier auf Englisch zu bloggen -.-

In meinen Augen ist Acceptance insgesamt ein wichtiges Anliegen. Mit Menschen akzeptierend und höflich umzugehen, finde ich eine grundlegende Eigenschaft. Dazu habe ich eigentlich auch nicht mehr zu sagen.

Aaaaber. Ich finde es zum Kotzen, fett zu sein. Wir reden hier nicht von einem liebenswerten Röllchen, sondern von krankhafter Fettsucht, wobei mir hier der englische Begriff – morbidly obese – nähersteht, weil da nix von “Sucht” drin vorkommt. Ich bin nicht süchtig nach Fett, schon gar nicht nach meinem, dankeschön. Ab einem bestimmten Punkt ist es in meinen Augen tatsächlich einfach nur krank, fett zu sein. Wie gesagt, ich rede hier nicht von einem Röllchen, sondern von Kilos über Kilos Gewicht, das man mit sich rumschleppt. Das das Herz-Kreislauf-System belastet. Das zu Diabetes führen kann. Das die skeletalen und viszeralen Systeme überfordert. Diese Tatsachen gehen in der Fat-Acceptance-Bewegung irgendwie unter. Diese Bewegung will fetten Menschen vermitteln, daß es ok ist, fett zu sein. Aber ich als fetter Mensch finde das gar nicht ok. Ich finde es nicht ok, hohen Blutdruck zu haben. Ich finde es nicht ok, daß ich Gelenkschmerzen bekomme. Ich finde es nicht ok, daß ich ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes habe. Ich finde es nicht ok, daß ich vermutlich früher sterben werde, bloß weil ich fett bin.

Es läßt sich einfach nicht weg-akzeptieren, daß fette Menschen für bestimmte Krankheiten sehr viel anfälliger sind und dann entsprechend mehr Medikamente brauchen, die wiederum zu ganz wunderbaren Nebenwirkungen für sie selbst, aber auch für die Umwelt führen. Die Lösung für das Fettproblem, auf das wir weltweit zurudern, liegt nicht darin, einfach breitere Türstöcke, breitere Betten, belastbarere Fahrstühle und größere Särge zu bauen oder mehr Klamottenlabels für Fette zu gründen. Oder fetten Leuten, die aufgrund ihres Übergewichts Diabetes entwickelt haben, die Hand zu halten und pathetisch zu verkünden, daß sie aber trotzdem total liebenswert und ok sind. An Übergewicht kann man sterben. An Diabetes kann man sterben (oder erblinden oder ein paar Zehen oder gleich ein Bein verlieren – aber egal, Du bist toll, wie Du bist!).

Ich finde es befremdlich, welche Blüten das Fat Acceptance Movement teilweise so treibt. Leuten, die sich mit ihrem Gewicht krankmachen, nicht mehr sagen zu dürfen, daß sie zuviel wiegen, per se als “Hatecrime” zu deklarieren, halte ich für Schwachsinn. Für mich definiert sich “Hatecrime” definitiv anders. Natürlich ist es eine unbequeme Wahrheit, zu fett zu sein. Natürlich steckt hinter jedem Gewichtsproblem – auch hinter Untergewicht – eine Geschichte. Natürlich hilft es, Menschen akzeptierend und respektvoll zu begegnen, ggf. im Rahmen einer begleitenden Therapie. Aber mei, Menschen mit deutlichem Übergewicht hilft es überhaupt nichts, wenn sie darin verharren und durch das Fat Acceptance Movement auch noch das Gefühl vermittelt bekommen, daß sie ruhig einfach fett sein können und sich – leider nur zu oft damit verbunden – ruhig weiter alles reinstopfen können.

Ich als Übergewichtiger würde mir wünschen, daß Fat Acceptance bedeutet, nicht länger für einen unreflektierten Fettklops gehalten zu werden, der sowieso den ganzen Tag nur Fastfood in sich reinstopft und sich nie bewegt. Ich würde mir wünschen, daß Fat Acceptance eine Umgebung schafft, in der es fetten Menschen durch positive Erfahrungen und zwischenmenschliche Erlebnisse einfacher gemacht wird, hinter den Grund für ihr Übergewicht zu kommen, und daß es dann Menschen gibt (Ärzte, Ernährungsberater, Physiotherapeuten, Trainer, …), die sie auf dem Weg zu weniger Gewicht und einer besseren Gesundheit begleiten, ohne sie zu verurteilen oder zu bevormunden. Ich würde mir aber auch wünschen, daß Fat Acceptance es denen, die klar ansprechen, daß wir Gewichtsprobleme haben, nicht schwer bis unmöglich macht, diese Wahrheit und Warnung auszusprechen. Hand auf’s Herz…in den meisten Fällen wissen wir fetten Leute selbst, daß wir ein Problem haben.

Valo, 06.03.2015, 15:12 | Abgelegt unter: Nach(t)denken | RSS 2.0 | TB | 5 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 12 bis 14 ::

Woche 12 zeichnet sich dadurch aus, daß nix passiert. N*I*X. Während die anderen Transmänner, die mit mir im November begonnen haben, von Stimmbruch und Bartwuchs reden, übe ich mich in Geduld. Das Gefühl, daß diese wichtigen Dinge nur so zäh passieren, läßt mich nochmal in epischer Breite begreifen, was ich da tu. Bestimmte Dinge kann ich mir auch mit großer Anstrengung nicht vorstellen, z.B. mein männliches Gesicht oder mich mit Bart, den ich ggf. täglich rasieren muß, falls er mich nervt. Habe viele gute Gespräche mit meinen Partnern, die mir von ihrer Pubertät erzählen.

Ich denke darüber nach, was ich mit 12 oder 13 mochte. Was ich gern gemacht habe. Es ist schön, so ein bißchen in der Vergangenheit zu wühlen. Aber mir wird auch klar, wieso meine erste Pubertät so schwierig war. Meine zweite Pubertät erlebe ich bisher als anstrengend, aber nicht so schwierig. Sie holt Zeug nach oben, das ich gern vergessen hätte. Jetzt ist aber etwas anders: ich bin erwachsen, obwohl ich in der Pubertät bin. Ich habe heute ganz andere Skills und Mittel, mir selbst zu helfen und mich zu stabilisieren.

Passend zu Imbolc steht mir da also eine große Reinigung ins Haus, auf allen Ebenen. Ich ertrage gerade kein Geschwindel, kein Geheuchel, keine Halbwahrheiten. Abstufungen und Nuancen, schön und gut, aber Wischiwaschi brauche ich nicht. Just in dieser Zeit melden sich Menschen bei mir, zu denen ich länger keinen Kontakt hatte, um zu zeigen, daß sie noch da sind. Das finde ich unfaßbar schön und dafür bin ich mehr als dankbar ♥

Ende Februar, in der 14. Woche auf Testo, kommt endlich der rechtskräftige Beschluß vom Gericht. Ich bin nun offiziell männlich und das kann niemand mehr anfechten. Cool! Etwas skurril ist dann aber der Besuch auf dem Amt, wo ich meinen Perso und meinen Führerschein ändern lassen will. Der Amtsleiter schließlich führt ein paar Telefonate, bei denen er mich als “die Person” bezeichnet, obwohl ich direkt vor ihm sitze. Irgendwie ist das verletzend und es nervt, immer noch als Frau wahrgenommen zu werden.

Sehe ich den Mann in mir? Die Frage stelle ich mir plötzlich wirklich. Allerdings nicht nur wegen des Besuchs auf dem Amt. Woher weiß man, daß man sich männlich oder weiblich fühlt? Vieles ist doch einfach nur Prägung. Welche Geburtstagsgeschenke habe ich bekommen, die mich einem bestimmten Gender zugeordnet haben? Wie oft wurde ich weiblich angeredet? Wie oft wurde von mir erwartet, daß ich mich auf eine bestimmte Art verhalte, weil das als weiblich gilt? Doch bei aller philosophischer Betrachtung weiß ich doch auch, daß ich mich dennoch als Mann wahrnehme. Und so wahrgenommen werden will.

Ich erhalte erste offizielle Post an meinen männlichen Namen. Starre den Brief einige Sekunden an, weil ich es gar nicht fassen kann, und habe den Rest des Tages ein Strahlen im Gesicht, mit dem ich jeden Keller erhellen könnte. Mir geht auf, daß ich jetzt auch mal meine neue Unterschrift üben sollte. Meine alte war ein kunstvolles Geschnörkel und es wäre mir zu langweilig, einfach meinen Namen hinzuschreiben. Also schwinge ich den Kugelschreiber und übe.

Als ich nach Wochen mal wieder auf die Waage steige, kriege ich fast einen Schlag: 3 Kilo zugenommen! Dabei esse ich nicht mehr, obwohl ich das erwartet hätte. Ich weiß, daß die meisten erstmal rund 10 kg zulegen, um dann allmählich Gewicht zu verlieren. Die meisten sind nach zwei, drei Jahren auf Testo sogar leichter als ohne. Da meine Hosen allerdings immer noch passen, vermute ich, daß das vor allem Muskelmasse ist. Ich merke nämlich auch beim Yoga und bei anderen Sachen, daß ich mehr schaffe. Zum Beispiel 10 km radeln statt bisher 5. Das ist cool. Denke viel über meine Möglichkeiten nach, derzeit Gewicht zu reduzieren, aber am Ende steht immer die Erkenntnis, daß ich gerade einfach nichts dagegen machen kann, schwerer zu werden. Vielleicht werde ich mir eine Waage kaufen, die auch das Körperfett mißt. Dann ist es vielleicht weniger frustig…

Valo, 02.03.2015, 11:02 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 2 Kommentare

:: Kindermund ::

Das Kind ist zum Geburtstag eines Klassenkameraden eingeladen. Dieser wünscht sich ein Buch.

Ich: “Was für ein Buch soll es denn sein?”

Kind: “Was Mittelbrutales!”

*gacker*

Valo, 24.02.2015, 18:30 | Abgelegt unter: FamilienLeben | RSS 2.0 | TB | 3 Kommentare

:: Testo-Log, Woche 9 bis 11 ::

In der neunten Woche glaube ich erst, ich gucke nicht richtig, aber doch, ich habe Bauchfell bekommen! Rund um den Nabel haben sich feine, dunkle Härchen entwickelt. Vermutlich unterscheidet es mich von anderen Transmännern, aber ich nehme die Haare erstmal mit Befremden wahr. Ich hatte noch nie sichtbare Haare am Bauch und finde das erstmal etwas merkwürdig, aber nach ein paar Tagen finde ich den Gedanken, daß ich vielleicht zu einem Bären transitioniere, längst nicht mehr so schlimm, sondern eher…nun ja, auf irgendeine Weise schön.

In der neunten Woche läßt auch diese überbordende Dauergeilheit endlich etwas nach. Gott sei Dank! Das war ja nicht zum Aushalten. Ich vermute, das war die Erstlingsreaktion auf die höhere Dosis Testosteron. Auch die Aggression läßt deutlich nach und ich bin wieder mehr ich selbst. Finde ich gut.

Der Flaum an meinen Wangen prosperiert und ist sehr flauschig. Ich mag ihn jetzt nicht abrasieren, sondern lasse ihn wachsen. Mir geht auf, daß ich mich demnächst irgendwann damit befassen muß, wie ich mich rasieren möchte. Ich habe mich bisher immer nur naß rasiert und fand das an sich auch sehr angenehm, aber vielleicht wäre ein Trockenrasierer praktischer? Na, kommt Zeit, kommt Bart, kommt Rasierer.

In der zehnten Woche merke ich zum ersten Mal, daß meine Kondition sich verändert hat. Es gibt eine Yoga-Übung, bei der ich normalerweise maximal 30 Sekunden schaffe – diesmal schaffe ich 2 x 1 Minute mit nur einer kurzen Pause. Wow, das habe ich noch nie zuvor geschafft, in drei Jahren Yoga nicht!

Trotzdem habe ich plötzlich das Gefühl, daß es nicht mehr vorwärts geht. Im Grunde, denke ich, ist das ja Quatsch, aber das Gefühl bleibt. In der elften Woche erfahre ich auch, wieso: ich war immer noch unterdosiert. Tatsächlich hat sich ein Testo-Wert um ein Drittel reduziert, seit ich die doppelte Dosis nehme *lol* Jetzt soll ich nochmal aufdosieren. Was ich so von anderen hören, die mit mir im November begonnen haben, hinke ich ganz schön hinterher. Aber ok.

Plötzlich (oder vielleicht auch nicht gar so plötzlich) passiert etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe: ich werde brutal in vergangene Traumata zurückgeworfen. Es ist so krass, daß ich Panikattacken habe wie seit meiner Jugend nicht mehr, und blöderweise erinnert mein Körper dieses Gefühl so genau, daß ich mich genau wie damals fühle. Übel :( Diesmal ist aber etwas anders: ich habe Partner, die an meiner Seite stehen und mir notfalls auch morgens um 3 Geschichten vorlesen. Ich habe Ärzte, zu denen ich auch hingehe. Ich habe eine Therapeutin, die mich toll unterstützt und die offenbar darauf gefaßt war, daß das passiert. Ich hoffe, ich kriege mich wieder in den Griff, denn die körperlichen und psychischen Symptome sind gerade kein Zuckerlecken. Ich darf ja auch nicht vergessen, daß ich komplett umbaue.

Dann kommt auch noch ein Brief von meinem Vater. Er schreibt, ich soll mich nie wieder bei ihm melden. Spontan muß ich heulen, aber irgendwie habe ich nichts anderes erwartet. Ich habe das gemacht, was mir alle geraten haben: ihn von meiner Vornamens- und Personenstandsänderung unterrichtet. Now fuck that.

In dieser echt schweren Zeit erhalte ich aber doch noch ein Bonbon für meine Seele: meine Mens bleibt aus. Und Migräne hatte ich diesen Monat auch keine. Es geht voran.

Ein Teil in mir fragt, ob es das wert ist. Ist ein Leben als Mann es wert, daß 90% meiner Freundinnen gegangen sind? Daß ich mir von einem Menschen, der die letzten 20 Jahren nicht für mich da war, noch einen Arschtritt hole? Daß ich mich immer wieder und merkwürdigerweise immer stärker dysphorisch fühle, weil ich befürchte, niemals als Mann erkannt zu werden? Daß die ganzen alten, verquasten Traumata wieder hochkochen und mich so stark körperlich und psychisch reagieren lassen? Es wäre doch so viel bequemer, wenn das alles nicht passieren würde, right? Nein. Verharren würde heißen, daß es niemals heilt. Es würde heißen, vor mir selbst wegzurennen und nie wirklich zu leben. Transitioning is about surviving.

Valo, 08.02.2015, 20:59 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 8 Kommentare

:: Anhörung bei Gericht und letztes Coming Out ::

Neulich hatte ich die Anhörung bei Gericht für meine Vornamens- und Personenstandsänderung. Aus irgendeinem Grund war ich diesmal viel aufgeregter als bei den Gutachterterminen im November – vielleicht weil das Ganze nun offiziell werden würde. Ich habe trotzdem an dem Tag keine Krawatte getragen, hahaha :)

Vor dem Richterzimmer mußte ich erstmal eine Weile warten, bis ich aufgerufen wurde. Sehr merkwürdige Situation im Raum: der Richter hinter seinem Tisch und ich ein paar Meter von ihm weg hinter einem anderen Tisch. Nun ja.

Er fragte, ob es korrekt sei, daß ich mich wegen der Anhörung bezüglich der Vornamens- und Personenstandsänderung gemäß §1 und 8 TSG eingefunden hätte. Jawoll. Er sagte, er habe die Gutachten gelesen und da er kein Psychiater sei, sei er gehalten, sich nach ihnen zu richten – und beide seien ja positiv ausgefallen. Dennoch hätte er, wenn es mir recht wäre, ein paar Fragen.

Vor allem wollte er wissen, wie meine Mitmenschen mit meinem Coming Out umgehen. Ich antwortete, daß meine Familie incl. meinem Sohn sehr entspannt damit umgeht, daß sich aber rund 90% meiner sonstigen Kontakte erledigt haben. Der Richter war nicht überrascht – sowas hört er wohl öfter. Ich sei mir aber trotzdem sicher? Ja, absolut. Er fragte außerdem noch nach hormonellen und operativen Maßnahmen.

Und dann sagte er den Satz, auf den ich nun schon 37 Jahre warte: “Das Gericht stellt fest, daß der Antragsteller als dem männlichen Geschlecht angehörig anzusehen ist und daß seine Vornamen künftig Valo Thóralf … lauten”.

Keine Big Band. Kein Chor. Nur ein Kribbeln die Wirbelsäule runter. Dankbarkeit. Das gute Gefühl, daß es jetzt so ist, wie es schon immer hätte sein sollen.

Insgesamt war ich vielleicht 20 Minuten beim Richter drin. Das Gespräch war freundlich, zugewandt und fair.

Die schriftliche Mitteilung über den Beschluß habe ich auch schon bekommen. Nun warte ich nur noch darauf, daß der Beschluß rechtskräftig wird, was vielleicht nochmal sechs bis acht Wochen dauern mag. Und dann geht der Änderungsmarathon los, denn ich muß restlos alles, was bisher auf meinen weiblichen Namen lief, umschreiben lassen.

Für mich bedeutet das nun, daß ich – vermutlich – für dieses Jahr mit allem durch bin, was ich anpacken wollte. Die Hormontherapie und die Begleittherapie laufen und die NUPS ist durch. Jetzt kann ich mich eigentlich gemütlich zurücklehnen und darauf warten, daß mir ein Bart wächst :)

Nachdem ich den Beschluß in Händen hielt, hatte ich allerdings noch ein letztes Coming Out vor mir. Mein Vater hat bisher nichts von meiner Transidentität gewußt. Da unser Kontakt schwierig bzw. nicht vorhanden ist, habe ich mich entschlossen, ihm einen Brief zu schreiben. Nach diversen Entwürfen, von knapper Mitteilung bis hin zu fürchterlich emotionalem Geheule, ist mir, glaube ich, ein eher neutrales Mittelding geglückt. Diesen Brief zu schreiben, fand ich entsetzlich schwer – welche Worte sollen schon möglichst knapp und doch präzise und für einen Menschen, der davon scheinbar nie was mitbekommen hat, darlegen, welchen Weg ich hinter und welchen ich noch vor mir habe? Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Am Ende habe ich den Brief zugeklebt und abgeschickt und gedacht, ich gebe das jetzt aus den Händen. Er muß darüber informiert werden (sagen alle Therapeuten, Gutachter und auch der Richter), also ab damit. Ich versuche im Moment, gar nichts zu erwarten – nicht mal eine Reaktion. Das ist schwierig, eben weil es so emotional ist. Ich würde wenigstens einmal in meinem Leben gern hören wollen, daß mich jemand seinen Sohn nennt. Ich hätte eigentlich noch so viele Fragen über meine Kindheit und Jugend…aber ob er sie mir beantworten könnte? Whatever, ich habe mich mitgeteilt und eine Hand gereicht, jetzt muß ich abwarten.

Emotional geht es mir jetzt gerade ein wenig merkwürdig. Ich bin froh und dankbar, daß dieser ganze Prozeß so schnell abgewickelt werden konnte. Gerade mal auf den Tag genau vier Monate vom Stellen des Antrags bis zum Beschluß, das ist schon rekordverdächtig. Ich kann es allerdings noch nicht recht glauben und habe Angst vor irgendwelchen Komplikationen oder davor, daß mir das Erreichte doch wieder aberkannt werden könnte – total irrational, aber mei, so ist das halt.

In der kommenden Zeit werde ich hier nochmal ein paar Dinge zum Kauf anbieten, um ein bißchen Geld für die NUPS zu sammeln. Die Rechnung kommt übrigens ganz am Schluß, nachdem der Beschluß rechtskräftig geworden ist. Ich habe immer noch keine Ahnung, was da auf mich zukommen wird…

Valo, 30.01.2015, 13:53 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 14 Kommentare

:: Schwul? Wäre es da nicht einfacher gewesen, eine Frau zu bleiben? ::

Nachdem ich diese Reaktion schon relativ oft auf mein Coming Out bekommen habe, dachte ich, ich lege das mal auseinander. Vielleicht hilft das ja beim Verständnis.

Der Satz in meiner Überschrift weist darauf hin, daß der Fragesteller folgende Rechnung aufmacht:

Schwule sind auf Männerfang. Ein schwuler Transmann auch. Es gibt aber nicht so viele Schwule wie Hetero- oder Bi-Männer, ergo hätte es eine Frau einfacher, einen Mann zu finden, rein von der Quote her. Und da ein Transmann ja eigentlich eine Frau ist, kann sie dann ja direkt eine Frau bleiben, dann kriegt sie die meisten Männer.

Mäp! Falsch! An dieser Theorie stimmt so ziemlich gar nichts.

Zunächst mal ist natürlich nicht jeder Schwule auf Männerfang. Ich finde dieses Vorurteil eigentlich sehr interessant, weil es so “wunderbar” direkt auf den 50ern zu kommen scheint, wo man sich auch bei einer Atombombenzündung unterm Küchentisch sicher wähnte. Herrlich. Sexuelle/romantische Orientierung ist kein Indikator für das Promiskuitätslevel. Oder wie immer Du das nennen willst. Es ist einfach nur ein tradiertes, verzerrtes, sexistisches Klischee.

Der Gedanke, daß ein Transmann ja eigentlich eine Frau ist, ist genauso grundlegend falsch. Ein Transmann ist eine männliche Seele, ein männliches Gehirn in einem weiblichen Körper. Ich würde also zustimmen, wenn jemand die Aussage treffen würde, daß Transmänner in einem weiblichen Körper zur Welt kommen und demnach ständig für eine Frau gehalten werden, aber das ist eben nur die Verpackung – in unserem Fall eine Mogelpackung, die uns selbst und alle anderen an der Nase herumführt. Dinge bleiben für gewöhnlich sie selbst, auch wenn Du noch so steif und fest behauptest, daß sie etwas anderes sind. Da spielen natürlich eine Menge Erfahrungen, Vorurteile, Ängste und Unwissenheiten rein (nichts, was man nicht beseitigen könnte).

Wenn ich vermutlich eins mit Sicherheit sagen kann, dann daß ich noch nie jemanden kennengelernt habe, dem so langweilig wäre, daß er den Transweg bloß deswegen geht, weil er nichts Besseres mit seiner Zeit anzufangen wußte. Dieser Weg ist nix für Luschen. Die Menschen, die ihn gehen, können nicht anders. Für viele gibt es tatsächlich nur zwei Möglichkeiten: transitionieren oder sterben. Trans zu sein, ist keine Entscheidung, die man trifft. Kein Hobby. Trans zu sein ist angeboren, und man hat darauf genauso viel Einfluß wie auf seine Augenfarbe: keinen. Insofern hat ein Transmensch keine Wahl, ob er nicht doch lieber nicht trans sein möchte, weil er in seinem biologischen Geschlecht vielleicht bessere Chancen hätte, jemanden “abzukriegen”. Die sexuelle/romantische Orientierung kann sich im Laufe der Zeit verändern. Trans zu sein, verändert sich nicht. Ich würde sagen, es durchläuft lediglich unterschiedliche Stadien des (Nicht-)Bewußtseins. Die These, daß ein schwuler Transmann es als augenscheinliche Hetero-Frau leichter gehabt hätte, ist nicht haltbar – es ist vielmehr fraglich, ob er das überhaupt überlebt bzw. sein Leben zur vollen Entfaltung gebracht hätte.

Um also auf die Frage aus der Überschrift zu antworten: wenn menschliches Leben lediglich ein technischer Prozeß wäre, bei dem es darum geht, möglichst oft flachgelegt zu werden, dann wäre es möglicherweise einfacher, wenn ein schwuler Transmann eine augenscheinliche Hetero-Frau “geblieben” wäre. Da menschliches Leben aber alles andere als das ist, ist es das nicht. Es ist keine Option. Und die meisten schwulen Transmänner reagieren sehr verletzt darauf, wenn Du sie mit so einer Aussage konfrontierst.

Valo, 25.01.2015, 11:15 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 6 Kommentare

Geschützt: :: Knochenklappern ::

Dieser Inhalt ist passwortgeschützt. Um ihn anzuschauen, gib bitte dein Passwort unten ein:

Valo, 21.01.2015, 21:35 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | Auch die Kommentare sind durch das Passwort geschützt.

:: Trans, (nicht) krank ::

In Deutschland läuft Transsexualität unter dem Etikett einer psychischen Störung (ICD-Schlüssel F64.0). Der Nachteil liegt auf der Hand: offiziell bekloppt. Konfuserweise liegt darin aber auch der Vorteil, denn durch die offiziell anerkannte psychische Störung haben Transmenschen ein Recht auf Behandlung – und die ist in Deutschland (in weiten Teilen) kostenlos, im Gegensatz zum (europäischen) Ausland, wo Transmenschen ihre Hormone und OPs selbst bezahlen müssen.

Und genau diese Ambiguität nehme ich eigentlich ständig wahr. Ich glaube, noch nie haben sich Ärzte und Therapeuten so sehr für mich interessiert wie jetzt. In meiner aktuellen Situation ist das großartig, denn ich bekomme wirklich Hilfe und fühle mich gut betreut. Rückblickend auf nicht so leichte Zeiten ist das allerdings ätzend. Damals hatte ich keine offizielle Diagnose und mir ging es hundeelend, wurde aber allein gelassen. Es ist schon sehr merkwürdig, was sich verändert, bloß weil man ein Etikett aufgeklebt kriegt.

Im Umgang mit Ärzten und Therapeuten hat mir noch niemand das Gefühl gegeben, ich sei krank, weil ich trans bin. Die Reaktionen auf mein Coming Out waren durchweg positiv, wenn auch teilweise überrascht. Ich wurde von allen Ärzten respektvoll und “normal” behandelt – sie haben meine Fragen neutral beantwortet, ohne irgendwie zu werten, und sie begleiten mich beratend, aber nicht lenkend. Ich habe Kontrolle über den gesamten Prozeß, was ich als absolut essentiell empfinde (vielleicht ist das so ein Transding: nach einem Leben in der Fremdbestimmung durch Mißgendern und Co. ist es wichtig und heilsam, den Weg nun selbstbestimmt zu finden und zu gehen). Es gab, wie ich schon schrieb, einen Arzt, der versucht hat, seine Machtposition auszuspielen, aber den habe ich direkt abgesägt – ich bin echt zu alt für so einen Scheiß.

Ich selbst empfinde mich interessanterweise seit dem inneren Coming Out, also seit dem Moment, in dem mir klar wurde, daß ich trans bin, als weniger “krank” oder “bekloppt” als zuvor. Ich habe natürlich mein Leben lang schon erfahren, daß der Umgang mit anderen Menschen für mich entsetzlich kompliziert ist, aber da ich nicht wußte, woran es liegt, hatte ich mich einfach mit diesem Zustand arrangiert und andere Erklärungen dafür gefunden. Seit dem inneren Coming Out ergeben die Probleme und Dysphorien einen Sinn und ich begreife, warum es nie funktioniert hat. Für mich ist das ein Schritt Richtung Heilung, wobei sich diese noch nicht wirklich vollziehen kann, da ich ja immer noch mißgendert werde.

Als ich die Entscheidung getroffen habe, zu transitionieren, war das mit dem Wissen verknüpft, daß ich möglicherweise nicht nur während dieses Prozesses, sondern für immer als psychisch gestört oder krank gelten würde – zumindest offiziell, denn Diagnosen kleben an einem wie Schlamm. Ich habe dazu bewußt ja gesagt, denn ich wollte die Transition mehr als daß dieses Etikett jemals hätte wehtun können. Meine innere Realität bleibt außerdem von sämtlichen Etiketten und Diagnosen unberührt – ich fühle mich pudelwohl auf dem Weg in die richtige Identität. Es kratzt überhaupt nicht an meinem Selbstwertgefühl, offiziell als gestört zu gelten. Für mich bedeutet die Diagnose F64.0 eigentlich nur, daß ich die Hilfe bekommen, die ich schon vor 25 Jahren gebraucht hätte.

Valo, 20.01.2015, 15:20 | Abgelegt unter: Transgender | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar
spiraltaenzer.de läuft unter Wordpress 4.1.1
Anpassung und Design: Weazel