Grumpy Old Man

Bin ich eigentlich der Einzige, dem die ganzen milchbärtigen Mittzwanziger, die mir auf YT ihr ultimatives Geschäftskonzept, mit dem ich locker 8 Milliarden Dollar im Monat von zuhause aus machen kann, verkaufen wollen, während sie mit ihren fetten Uhren und Autos rumprotzen, aber kaum einen geraden, langen Satz herausbringen, auf den Keks gehen?

Gewichtsdecken und eigenes Gewicht

Als ich vor 15 Jahren in einer Reha-Klinik war, gab es dort einen Snoezelraum, also ein Zimmer, in dem diverse Möglichkeiten zur Stimulierung der unterschiedlichen Sinne zur Verfügung standen: Lichtspiele, Klänge/Musik, Kuscheltiere, Tücher, Seile, Spielzeuge – und eben auch eine Gewichtsdecke. Im Grunde ist das eine Art Quilt, dessen einzelne Abschnitte oder Kammern mit Sand oder Glaskügelchen gefüllt sind, und der dadurch etwa zwischen 5 und 12 kg wiegt (es wird empfohlen, daß eine solche Decke 10% des Körpergewichts des Menschen haben soll, für den sie gekauft wird). Ich fand die Decke damals ganz angenehm, hatte sie allerdings nur auf den Beinen liegen. Es heißt, daß solche Decken gerade für Autisten gut geeignet sind, weil sie einen beruhigenden Effekt haben.

In den letzten zwei Jahren habe ich immer mal wieder an so eine Decke gedacht, und neulich, zu meinem Geburstag, habe ich mir eine gewünscht. Wenige Tage später kam sie an und zwei Minuten später wußte ich, daß das nix mit uns wird. Ich fühlte mich unter der Decke leider wie festgekettet, was vielleicht auch daran liegt, daß ich nicht allzu viel Kraft oder Beweglichkeit in den Beinen habe. Wir haben sie also wieder zurückgeschickt (und ich habe bis heute keine Ahnung, was ich mir stattdessen zum Geburstag wünschen soll^^). Schade.

Als Kind und Jugendlicher habe ich mir oft diverse Decken oder auch Bücher, Spielzeuge etc. ins Bett geholt und mich darunter verbuddelt. Es gab mir ein angenehmes Körperempfinden, was es heute eben nicht mehr tut. Ich frage mich, ob das mit meinem Eigengewicht zusammenhängen könnte. Ich habe seit 15 Jahren Übergewicht (das setzte direkt nach Erwerb meiner Behinderung ein) und es ist wirklich schnuppe, was ich tu (oder lasse), ich kann absolut nicht abnehmen. Ich bin eine Weile lang wöchentlich zwei- bis dreimal schwimmen gegangen und habe dann jeweils 1500-2000 m geschwommen und dabei eine kalorienreduzierte Ernährung betrieben, aber unter ein bestimmtes Gewicht bin ich nie gekommen. Seit anderthalb Jahren läßt mein Gesundheitszustand das Schwimmen nicht mehr zu und da ich seit einem Jahr gehunfähig bin und im Grunde nur noch rumhocke, habe ich wieder zugenommen. Interessant ist, daß es dabei auch niemals ein bestimmtes Gewicht überschreitet, so daß ich denke, einer meiner Ärzte hatte mit seiner Set-Point-Theorie schon recht und das ist eben das Normalgewicht für meinen Körper, wie er jetzt ist.

Ich bemerke allerdings einen starken Unterschied darin, wie ich mich heute psychisch und auch physisch im Vergleich zu vorher fühle – nämlich besser. Ich führe das zum einen darauf zurück, daß das ständige Kaloriensparen eine psychische Belastung war, und zum anderen darauf, daß ich es mag, mehr Gewicht zu besitzen. Wie gesagt, solange es nicht eine bestimmte Grenze überschreitet. Es ist herrlich befreiend, nicht mehr über Kalorien oder Kleidergrößen nachzudenken. Das alles hat bei mir großen Streß ausgelöst, den ich als Aspie ja eh schon wegen tausend Dingen habe. Und tatsächlich fühle ich mich nicht nur allgemein besser, sondern auch „schöner“. Das Schönheitsideal schlank teile ich einfach nicht.

Ich frage mich zudem, ob mein höheres Eigengewicht mir bereits dieses Gefühl von Druck, Begrenzung und damit auch Sicherheit und Stabilität gibt. Dann hätte es ja eine echte Funktion für mich.

Kommunikationsschwierigkeiten

Ich hasse telefonieren, aber manchmal ist das unumgänglich, z.B. wenn man einen Arzttermin verschieben muß. Heute habe ich dafür 12 Minuten gebraucht, denn die Arzthelferin sprach nur sehr gebrochenes Deutsch. Ich meine, ich liebe es, Sprachen zu lernen und ich habe echt viel Geduld mit Menschen, die Deutsch lernen, aber wieso in aller Welt setzt man jemanden, der „Dritten“ nicht von „Mittwoch“ unterscheiden kann, ans Telefon, um mit den Patienten zu reden, Termine zu vereinbaren und Rezeptbestellungen entgegenzunehmen? Ich halte es für möglich, daß mir gerade ein Einhorn rezeptiert wurde.

Idiokratie

Ich habe heute das erste Mal seit ein paar Wochen den Instagram-Account einer Frau aufgerufen, deren Blog und Insta-Beiträge ich jahrelang gelesen habe, bis ich gemerkt habe, daß mich das, was sie von sich gibt, immer mehr auf die Palme bringt.  Sie hatte in ihrer Story einen Link zu einem Beitrag eines anderen Instagrammers, der behauptete, Linksextremismus sei eine Erfindung der bürgerlichen Mitte. Weiterhin hieß es, daß die sog. Mitte sich für die rechte Seite entschieden habe, wenn sie empörter über zerschlagene Fensterscheiben als über die Toten von Hanau sei.

Ich denke, als ich das gelesen habe, ist mir mit einem Schlag klar geworden, was ich seit Monaten (seit ich mich wieder auf Nachrichten und Instagramm eingelinkt hatte) nicht so richtig formuliert bekommen habe. Wir haben nicht nur ein massives Wahrnehmungsproblem (es ist nämlich einfach nur unwahr und schäbig, der politischen Mitte unterzuschieben, die Randaleaktionen in Leipzig würden sie mehr beschäftigen als die Toten von Hanau – beides löst meiner Ansicht nach sehr zu Recht Empörung und Betroffenheit aus und diese Darstellung ist in meinen Augen nichts weiter als manipulativer, linksfaschistischer Scheißdreck), sondern auch ein ganz tiefgreifendes Bildungsproblem. Die Leute, die heute ungefiltert ihre Meinung auf allen Kanälen rausposauen können und die fatalerweise auch noch als superaufgeklärte Helden ihrer Zeit wahrgenommen werden, sind oft einfach ungebildet, desinformiert und dumm.

Mit manipulativer Kackscheiße und mit Dummheit kann ich nicht gut umgehen. Beides macht mich einfach unfaßbar aggressiv. Da wir aber gerade in einer Zeit leben, in der die meisten Dummheit von Weisheit nicht mehr unterscheiden können, weil sie selbst zu ungebildet und kritikunfähig sind, findet noch nicht einmal ein aufgeklärter, offener Diskurs statt, weil der nämlich gleich zum Scheitern verurteilt ist oder es nur darum geht, wer mehr Follower, mehr Likes und damit die größere Plattform hat. Heute geht es mehr darum, sich zu produzieren, sich darzustellen und angesagt zu sein, als eine handfeste politische Diskussion bestreiten zu können, im alten Stil. So mit Argumenten und Fakten. Meinungen haben Argumente und Tatsachen in weiten Bereichen ersetzt. Ich für meinen Teil finde die gegenwärtige Entwicklung, die demokratische durch idiokratische Strukturen schleichend ersetzt, ziemlich gruselig.

Sammlungen, Kits und eine Eigenheit

Ein Diagnosekriterium für Asperger Autismus ist das Sammeln von Dingen, meist solche, die mit den Spezialinteressen verbunden sind. In meiner Kindheit war mein größter Schatz eine ausrangierte, zerbeulte Keksdose mit lauter Gummitierchen, die ich über Jahre hinweg angesammelt hatte. Ich erinnere mich noch heute an viele Einzelstücke dieser Sammlung: ein kleiner schwarzer Gorilla aus der Apotheke, drei Hunde auf „Sitzkissen“, einen „Goldi“ aus der Commerzbank, eine blaue Wasserschlange vom Trödel und anderes. Mein Vater hat mit diese Dose weggenommen und sie meiner kleinen Cousine geschenkt, als ich zwölf war. Als ich völlig aufgelöst forderte, daß ich meine Sammlung zurückhaben will, meinte er, ich solle mich nicht so anstellen. Ja, danke. Vermissen tue ich sie heute noch und mehrere Versuche, mir nochmal so eine Sammlung aufzubauen, haben nicht funktioniert. Es ist einfach nicht dasselbe.

Nach dieser Erfahrung, also nach der Entwendung und dem damit verbundenen Verlust meiner ersten Sammlung, habe ich nichts mehr so leidenschaftlich gesammelt, weil mich das Gefühl, jederzeit wieder um etwas so Wichtiges gebracht werden zu können, mutlos gemacht hat. Ich glaube, daß ich heute an so wenigen materiellen Dinge hänge, hat dort seinen Anfang genommen. Es gibt natürlich Besitztümer, die ich mag, meist aber nur deswegen, weil sie funktionieren. Die Funktionalität von Gegenständen steht heute weit über ihrem ideellen Wert für mich. Eigentlich ein bißchen schade.

Als ich Anfang 30 war, hat mich das Sammeln von Halbedelsteinen gepackt. Ich habe eine große Kiste voll und liebe die immer noch sehr, allerdings stelle ich sie mir nicht mehr hin und ich trage sie auch nicht mehr als Schmuck. Vor ein paar Jahren brachte mir mein Mitbewohner aus Schottland ein illustriertes Kartenspiel zum Thema Pilze mit. Es war leider unvollständig und als ich mich beim Hersteller meldete, schickte er mir einen Ersatz und zudem ein weiteres Deck mit Gewürzen. Seither habe ich mir immer mal wieder ein Spiel gekauft und habe heute etwa 50 davon, und sie werden auch benutzt 🙂 Beides, die Steine und die Karten, mag ich wirklich sehr, aber es gibt da keine so emotionale Bindung dran.

Aus praktischen Gründen habe ich inzwischen auch einige Lehrbücher für diverse Sprachen erworben. Ein richtiger Sammeltick ist das nicht, es ist eher so, daß ich nicht gut mit aus der Bibliothek geliehenen Büchern arbeiten kann, denn selbst wenn man sie verlängert (sofern das überhaupt möglich ist und es keine Vormerkungen gibt), muß man sie spätestens nach drei Monaten wieder zurückgeben und normalerweise bin ich nicht gar so schnell, vor allem am Anfang nicht. Bücher habe ich allgemein schon sehr viele in meinem Leben gehabt und über die Jahre wirklich tausende wieder weggegeben. Sie zu sammeln, bereitet mir an sich erstmal keine Freude. Ich finde auch nicht, daß ein Raum ohne Bücher ungemütlich wäre oder so. Sie haben schon eine sehr chaotische Energie, finde ich, und meine Bücher befinden sich heute alle hinter Türen in geschlossenen Schränken verstaut.

Es gibt auch Dinge, die ich früher mal gesammelt, aber nie benutzt habe. Ausgefallene Stifte und Aufkleber zum Beispiel. Diese Affinitäten habe ich immer noch, aber heute versuche ich, das, was ich mir kaufe, auch zu benutzen, weil es irgendwie nicht so richtig Sinn macht, solche Gebrauchsgegenstände nur zu horten. Das hängt wohl auch damit zusammen, daß mich Besitz schnell unruhig macht, vor allem wenn er viel Platz wegnimmt oder wie die Bücher eher chaotisch ist.

Neulich, beim Stöbern im Internet, bin ich auf Polly Pocket aufmerksam geworden. Dieses Spielzeug gibt es seit meiner Kindheit und ich finde die Idee total faszinierend und cool. Also, dieses kleinformatige Spielzeug, das so vielfältige Funktionen hat und so platzsparend verräumt werden kann. Im Laufe meines Lebens hatte ich mir schon mehrere Kits für alles Mögliche gebastelt, von einem Survival Kit über einen tragbaren Altar und eine Notapotheke für unterwegs bis hin zu einem Räucher Kit und einer Gewürzdose mit diversen Gewürzen und Kräutern drin. Polly Pocket erinnert mich auch ein wenig als meine Gummitierdose, wenngleich die natürlich keine vorgegebene Landschaft dabei hatte. Jedenfalls habe ich überlegt, ob ich Freude an einer Polly Pocket Dose hätte, aber ich nehme an, das wäre bloß aus nostalgischen Gründen und nicht, weil ich damit spielen würde. Ich habe auch überlegt, ob ich mir zu irgendeinem Thema mal wieder so ein Kit basteln will – es wäre einfach ein netter Zeitvertreib und wer weiß, vielleicht wäre es sogar irgendwann mal nützlich, wenn ich wieder das Haus verlassen kann.

Als erstes dachte ich an ein Sprachlern-Kit, z.B. für Spanisch oder Norwegisch. Ich könnte mir kleine Aufgaben auf Karteikarten schreiben wie „beschreibe, was Du siehst“, „benenne zehn blaue Dinge in Deiner Umgebung“ oder „erzähle von Deinem Lieblingsfilm“ etc. Wenn ich dann irgendwo Wartezeit habe, könnte ich eine Karte ziehen und die Aufgabe entweder sprechend oder schreibend oder auch – im Beisein von anderen – in Gedanken erledigen. Das Konzept ist noch nicht ausgefeilt, aber die Idee gefällt mir schonmal.

Zum Thema Stifte habe ich noch eine kleine Anekdote. Neulich ist mir von einem meiner Druckbleistifte der Clip abgebrochen. Ich trage den nie in einem Hemd oder so und brauche den Clip überhaupt nicht, aber daß es da jetzt eine Bruchkante gibt und der Stift defekt ist, hat mir derart genervt, daß ich mir einen neuen bestellt habe. Die Funktionalität ist übrigens noch gegeben, aber ich kann diesen Defekt nicht ertragen. Das ist auch etwas sehr Aspergeriges, also daß Dinge nur auf eine bestimmte Weise in einer bestimmten Form funktionieren. Chips kann ich nur essen, wenn die Tüte oben aufgerissen wurde – dabei schmecken sie doch genauso, wenn man sie unten aufreißt. So stimmt es aber nicht und darum funktioniert es nicht. Mein Opa hat übrigens früher immer Konserven umgedreht und an der Unterseite geöffnet. Begründung: „Damit ich weiß, wo oben ist“. Hat mich schon als Kind herrlich verrückt gemacht, lol 😀

erste Gedanken zur Hochbegabung

Ich finde es sehr schwer, über Hochbegabung zu schreiben. X-mal habe ich schon damit angefangen und dann doch wieder abgebrochen, manchmal weil ich zu sehr abgeschweift bin, manchmal weil mir alles, was ich geschrieben hatte, arrogant vorkam. Daß ich arrogant sei, habe ich mir in meinem Leben schon oft vorwerfen lassen müssen, und ich glaube rückblickend, daß ich ab einem gewissen Punkt z.B. in meiner Schulzeit dann tatsächlich arrogant getan habe, um mir die „Meute“ vom Hals zu halten (was auch geklappt hat). Als Aspie habe ich ohnehin keinen allzu großen Wunsch nach einem Sozialleben, das den Kontakt zu Menschen inkludiert, aber gerade in einem Umfeld wie der Schule, dem man sich ja auf legale Weise nicht entziehen kann, ist es schwer, Menschen aus dem Weg zu gehen, und da wirkt Arroganz als ganz taugliches Schutzschild. Ich muß allerdings auch anfügen, daß ich in gewissen Bereichen (nämlich bei meinen Spezialbegabungen im sprachlichen Bereich und beim organisierten/strukturierten Denken) de facto gefühlt habe, daß ich den anderen haushoch überlegen bin, und aus dem Gefühl heraus, mich mental immer zu den anderen „hinabbeugen“ zu müssen, tatsächlich eine gewisse Arroganz und Genervtheit entwickelt habe. Scheint aber ganz normal zu sein.

Mitgefühl für mein hochbegabtes jüngeres Ich zu entwickeln, ist ganz schön schmerzhaft, auch deswegen, weil die Wunden, die durch das Unverständnis meines Umfelds und Mobbing zum Teil dadurch wieder aufgerissen werden, daß wir heute in einer hysterisch „awaren“ Gesellschaft leben. Wo man in den 80ern noch sein Kind dazu verdonnert hat, die Hausaufgaben zu machen, weil das gottsverdammich einfach dazugehört, wenn man in die Schule geht, bekommen die Kids heute, die Hausaufgaben verweigern, Händchen gehalten und Köpfchen getätschelt. Das rührt deswegen was in mir an, weil ich mich an vielen Stellen vollkommen unter- und dafür an anderen Stellen vollkommen überfordert gefühlt habe und es dann kein Entgegenkommen oder Händchenhalten gab. Bin ich sauer deswegen? Fuck ja. Die Gedanken, was denn wohl gewesen wäre, wenn man früher erkannt hätte, daß ich ein hochbegabter Autist bin, sind zwar überhaupt nicht zielführend, aber ich kann sie auch noch nicht vermeiden oder sie einfach überspringen.

Mitgefühl für mich als erwachsenen HB-Aspie zu entwickeln, gelingt mir aber auch nur sehr mühsam. Immerhin fange ich jetzt an, zu durchsteigen, warum mir viele Dinge – darunter Essentielles wie am Straßenverkehr teilnehmen oder in einem Supermarkt einkaufen gehen – so schwer fallen, und warum andere Dinge wie Nachrichtenlesen oder sozialen Medien folgen, überhaupt nicht möglich sind.

Derzeit bemühe ich mich um eine neue Perspektive und frage mich bei allen möglichen Sachen, wie ich sie tatsächlich finde und bewerte. Üben sie Druck aus? Spüre ich eine Anspannung in mir drin (physisch und mental)? Entspannen sie mich? Erfreuen sie mich? Woran merke ich das und wie kann ich das aufrechterhalten/verlängern? Welche Dinge sollte ich meiden, von welchen brauche ich mehr in meinem Leben? Wo kann ich meine Spezialinteressen ausleben, allein und ggf. in einem geschützten Umfeld? Kann ich für mich selbst einstehen/mich selbst „beeltern“ in Situationen, die Druck ausüben? Wo kann ich mir Dinge erleichtern (z.B. bei Arztgesprächen, beim Einkaufen etc.)? Welche Faktoren beeinflussen, wie es mir geht (Schlaf? Nahrung? Wasser? Spielen? Lernen?)? Welches Themen/Leute/Musikarten/… regen mich auf und welche beruhigen mich? Wie reagiere ich auf verschiedene Reize? Wie gehe ich mit Aggression um? Wie mit Freude? Ja, so ungefähr.

Obwohl ich noch am Anfang stehe, habe ich schon begriffen, daß meine Hochbegabung und mein Autismus miteinander verbacken sind. Ich kann sie nicht voneinander trennen. Und was ich auch schon rausgefunden habe, ist, daß ich es verdammt gern mag, wie mein Gehirn funktioniert und wie ich denke. Es wäre cool, wenn ich mir das durch die Zeit zurückschicken könnte, aber es ist auch cool, das jetzt zu verstehen.

Schräge Begegnungen

Diese Woche hatte ich eine richtig bescheuerte Online-Begegnung. Auf einem internationalen Portal für Brieffreunde hat mich ein älterer Deutscher angequatscht und wir haben ungefähr eine Stunde miteinander gechattet. Das mache ich eigentlich nie, weil es mich nicht interessiert, aber er schien gebildet und das Gespräch war echt nett. Nachdem ich mich verabschiedet hatte, kamen am selben Abend weitere sechs Nachrichten, am kommenden Tag dann nochmal 13. Als ich mich einloggte, wurde ich sofort mit weiteren Nachrichten befeuert, in denen er immer wieder fragte, ob wir wieder chatten wollten. Ich antwortete nur kurz und sagte, daß ich keine Zeit hätte, während ich nach der Möglichkeit suchte, meinen Status auf privat zu stellen. Leider bietet das Portal diese Option nicht. Super Sache. Er textete also weiter. Ich sei ja so nett und das Gespräch wäre so toll gewesen und er wolle gern wieder reden, blablabla. Ich ging grußlos offline.

Später am Abend ging ich wieder auf das Portal, weil mir ein Brieffreund eine Nachricht geschickt hatte, und entdeckte weitere Nachrichten von besagtem Typen. Und als er mich sah, quatschte er sofort weiter und fragte erneut mehrmals, ob wir nicht chatten wollten. Als ich sagte, daß ich dazu keine Lust habe und ich seine Nachrichten im Übrigen etwas lästig finde, verfiel er in eine Laune, die eine seltsame Mischung zwischen Weinerlichkeit und Vorwürfen war. Ich sagte ihm nach einigen Nachrichten seinerseits („warum hast Du denn keine Lust, mit mir zu reden? Es war doch total nett, zu quatschen, oder? Oder? ODER?“), daß ich allgemein nicht besonders an Menschen interessiert bin, weil ich Autist bin. Ich gab diese brüske Erklärung, weil ich hoffte, das würde ihn auf Abstand halten. Stattdessen zog er ernsthaft in Erwägung, daß er mich ja mit seiner fabelhaft-verständnisvollen Art heilen könnte. Ich machte den Fehler, es noch einmal vernünftig zu versuchen, und erklärte, daß ich nicht „geheilt“ werden müsse, weil ich nunmal so sei, woraufhin er mir schrieb „Du bist ja krank“. Und wer so nett darum bittet, blockiert zu werden, bekommt diesen Wunsch natürlich auch erfüllt.

Warum schreibe ich jetzt darüber?

Weil mich diese absolut beknackten zwischenmenschlichen Erfahrungen, die ich immer wieder mache, so ankotzen. Ich bin mir meiner eigenen „Defizite“ ja durchaus bewußt und gebe mir im Umgang mit Menschen wirklich Mühe, indem ich höflich und vorsichtig bin, klare Botschaften abschicke (also ich-Botschaften und klare, direkte Worte) und nie etwas verspreche, von dem ich nicht absolut weiß, daß ich es auch halten kann. Aber trotz aller meiner Vorsicht gerate ich immer wieder in unverhältnismäßig dämliche Kommunikationen oder „Beziehungen“ rein. Dabei zeichnen sich zwei Muster ab. Entweder wollen Leute am liebsten sofort meine besten Freunde sein und hätten gern ganz viel Aufmerksamkeit, was ich dann aber schnell als klettig und damit lästig empfinde und daher ausweiche oder gar nicht mehr reagiere. Oder ich setze dem Gegenüber direkt und meist von ihm unbemerkt ganz klare Grenzen, deren Überschreitung ich in keinster Weise dulde (auch nicht von mir selbst), um damit direkt einen fetten Abstand einzuhalten, was dazu führt, daß ich unverbindlich und unnahbar wirke – was ich gar nicht immer will, was mir aber in jedem Fall am vernünftigsten erscheint. Besser Abstand halten als wieder „verschlungen“ werden.

Was ich richtig mies finde, ist, daß sich dieses Muster auch mit einer Freundin ausprägte, die selbst Aspie ist. Darum ist sie jetzt nicht mehr meine Freundin btw. Wenn ein Aspie einem anderen in der Hinsicht nicht vertrauen kann – wem denn dann?

Ich glaube ja inzwischen, daß Aspies ein paar ziemlich attraktive Wesensmerkmale haben müssen, denn sonst gäbe es wohl nicht so viele Leute, die gern sofort Aspies bester Freund sein möchten, allerdings glaube ich auch, daß dieser Tanz zwischen Nähe und Distanz sich für Aspies ganz anders darstellt als für neurotypische Menschen (sogar neurotypische Introverts). Vielleicht ist es auch gerade die Selbstgenügsamkeit und die Unabhängigkeit, die Aspies für andere so anziehend macht. Ich weiß es nicht genau.

Ich merke nur, daß ich es mit zunehmendem Alter immer schwieriger finde, Menschen überhaupt zu ertragen, und daß ich immer weniger Lust dazu habe, mich auf Menschen einzulassen. Hier spielt sicherlich auch die Hochbegabung stark mit rein – das ist ein Thema, das ich mir sehr gern nochmal genauer angucken möchte. Jedenfalls ist es einfach frustrierend, daß sogar sowas wie ein Portal für Brieffreunde, wo ich dachte, daß ich da einen gepflegten long-distance-Kontakt finden würde, so ein Minenfeld sein kann. Fühle mich eigentlich nirgendwo relaxed und sicher, wo es Menschen gibt. Menschen sind wie Bomben, die jederzeit hochgehen können. Und auch wenn sie nur so vor sich hinticken, sind sie sehr laut…

 

Meine persönliche Klimakrise und ihr (hoffentliches) Ende

Als ich vor elf Jahren aus NRW hier runter nach Baden gezogen bin, dachte ich, die krassen Sommer hier unten wären eine Ausnahme, bis ich feststellte, daß sie das nicht sind. In NRW ist ein krasser Sommertag einer, wo man ungefähr 33°C hat (jedenfalls war das so, bis ich da 2009 wegging). Hier hat man an einem durchschnittlichen Sommertag 36°C, an einem krassen bis zu 42°C, allerdings bei einer recht hohen Luftfeuchtigkeit. Für mich heißt das, daß ich mich seit elf Jahren durch die Sommer leide und hasse. Ich kann nicht pennen, weil ich im Bett festklebe. Ich kann nicht denken oder lernen, weil ich am Sofa festklebe. Man klebt im Rolli fest, in den Strümpfen (ich kann keine Schuhe ohne Strümpfe tragen und Sandalen leider auch nicht, sondern nur Stiefel), sogar am Klo. Die Haut wird nie trocken. Ständig rieselt einem der Schweiß die Kopfhaut runter. Meist kühlt es auch nachts überhaupt nicht ab. Da ist es dann nur dunkel, aber nicht kühler. Kurz, es ist die reinste Gluthölle.

Bis mein Auto im letzten Dezember verreckt ist, hatte ich im Auto keine Klimaanlage. Eigentlich mag ich klimatisierte Luft nicht, weil sie meine Schleimhäute so stark austrocknet, und da ich eh mit trockenen Augen zu tun habe und befeuchtende Augentropfen brauche, ist das kein echtes Vergnügen. Aber als wir uns jetzt ein neues Auto kaufen mußten, haben wir eins mit Klimaanlage gewählt, eben weil wir dachten, dann trocknet man vielleicht wenigstens mal im Auto ab und kann mit weniger Streßentwicklung einkaufen gehen oder Termine wahrnehmen.

Hitze und Kälte sind für mich gleichermaßen nicht erträglich, wobei ich finde, daß man sich gegen Kälte besser schützen kann. Mein Antikälteplan im Winter besteht in Heizungen mit Zeitschaltuhren, einem Holzofen, warmen Pullis, warmem Tee und anderen Dingen. Ich gehe im Winter auch nie lange raus und wenn, dann nur mit mehreren Schichten Klamotten, Handschuhen und Mütze. Aber wie schützt man sich gegen so eine krasse Gluthitze? Ich verrate direkt die Antwort: gar nicht, weil alle üblichen Strategien bei wochenlangen Hitze- und Dürreperioden ohne Wind und Regen einfach versagen. Daß ich so klimasensibel bin, ist Symptom meines Autismus‘, und ich habe ganz lange gedacht, es wäre eine Frage der Einstellung. So nach dem Motto: wenn ich es nicht so wichtig nehme, dann geht das schon. Pustekuchen. Geht nicht.

Wir haben dann in diesem Frühjahr entschlossen, daß wir uns zwei Klimaanlagen ins Haus einbauen lassen. Lohnen tut sich das erst jetzt, weil wir bereits neue Fenster, ein neues Dach und eine neue Eingangstür haben, weil also die größten „Löcher“ im Haus, wo Wärme eindringen (bzw. wo im Winter Wärme flöten gehen) kann, gestopft sind. Aufgrund der Corona-Hysterie haben wir diese Woche bescheid bekommen, daß die Firma die Anlagen bereits Mitte April statt Ende Mai installieren wird. Ich bin absolut happy! Mein Plan für den kommenden Sommer ist Folgender: ich schlafe in einem klimatisierten Raum und schlafe auch wirklich, weil ich nicht festklebe. Dann halte ich mich in meinem klimatisierten Haus auf, bis ich es zum Einkaufen oder für einen Termin verlassen muß. In meinem Auto schmeiße ich die Klimaanlage an und gehe dann im klimatisierten Supermarkt einkaufen. Später daheim werde ich fortan auch im Sommer meinen abendlichen Tee genießen. Yeah.

Zum Thema Stromverbrauch und Klimawandel haben wir uns natürlich auch Gedanken gemacht. Die neuen Klimaanlagen sind Effizienzklasse A++ bis A+++. Kurz gesagt: wenn ich für ein Frühstück für vier Personen entsprechend oft meinen 2000-Watt-Toaster laufen lasse, brauche ich mehr Energie als für zwei Klimaanlagen, die ein paar Stunden laufen. Finde ich vertretbar. Nicht vertretbar finde ich, jedes Jahr etwa drei Monate nicht zu funktionieren, ständig im Overload zu stecken und mein Leben einfach nur zu hassen. Ich bin jedenfalls mal sehr gespannt darauf, wie das Klima dann hier im Haus sein wird und wie sich mein Leben damit verändert.

Margarineverarschung

Beim Frühstück fiel mir auf, daß unsere Margarine gerade in einem Sonderformat mit 10% mehr Inhalt verkauft wird. Der Grund dafür ist laut Aufdruck eine neue Rezeptur mit 70% Fettgehalt. Da wir noch eine alte Packung offen hatten, habe ich die Becher miteinander verglichen. Es stellte sich heraus, daß sowohl die Zutatenliste als auch die Nährwertangaben bei beiden Packung exakt gleich sind.

Nein, natürlich erwarte ich keine ehrlichen Werbeaussagen. Aber irgendwie bin ich das manchmal ganz schön satt, in einer Gesellschaft zu leben, in der man von vorn bis hinten nur verarscht wird.

YouTube-Schätzchen

In einem Video behauptet jemand etwas und behauptet dazu, es sei wissenschaftlich erwiesen und es gäbe Studien dazu. Da mich das Thema interessiert, frage ich nach und bitte um Quellenangaben, weil ich das alles gern nachlesen würde (und gern wüßte, ob die Quellen vertrauenswürdig sind, weil mir die Sache absurd vorkommt). Ich bekomme zur Antwort, daß man mir keine Quellen nennen könnte, aber daß das alles total wissenschaftlich sei. Ich bitte also erneut um Quellen und weise darauf hin, daß die videomachende Person mir ja einfach die Quellen und Studien nennen kann, die sie selbst verwendet hat. Antwort: da müsse ich schon selber gucken.

Ich gucke also, finde aber nichts zu dem Thema. Nur verschwurbelte Hinweise auf einer Seite, die auch gern Lungenentzündung mit Weizengrassaft kurieren möchte. Okay.

Ich schreibe also, daß ich keine wissenschaftlichen Quellen finde und bitte nochmal um die Nennung der Studien, auf die sich die videodrehende Person bezogen hat. Diese ignoriert mich, dafür springen aber andere Zuschauer ein: der videoerstellende Mensch müsse mir gar nichts mitteilen, ich solle selber suchen (was ich ja schon getan habe). Und es sei doch schon superfabelhaft, daß überhaupt so ein Video gemacht würde, um uns aufzuklären.

Hä? Hat die Generation der weltrettenden Hipster vergessen, wie man wissenschaftlich arbeitet und was objektive Fakten sind? „Jemand auf YouTube behauptet das und darum muß es wahr sein“?

*facepalm*