Ich mag, wer ich bin

Ich habe mir ein Leben gewählt, in dem ich nicht viel Kontakt zu Menschen habe. Das war eine bewußte Entscheidung, die ich niemals bedauert habe. Manchmal, wenn ich zum Beispiel eine Verletzung auskurieren muß (ich bin sehr verletzungsanfällig), habe ich noch weniger Kontakt zu Leuten außerhalb meiner Familie als sonst, weil ich dann nicht einkaufen gehe oder so. Diese „Eremitenphasen“ sind für mich zweischneidige Schwerter. Einerseits wird es mir mit mir selbst praktisch nie langweilig, andererseits fällt mir irgendwann einfach die Decke auf den Kopf, vor allem wenn ich nicht selbst Auto fahren kann. Eremitenphasen habe ich manchmal auch klimabedingt. Ich ertrage die krasse Hitze in meiner Region nur bedingt und verbringe daher den Sommer meist daheim, abgesehen von sporadischen Ausflügen zum Supermarkt oder abendlicher Kurztrips gegen den Haus-Blues. Klingen Verletzung und/oder Gluthitze ab, habe ich auch wieder mehr Lust, rauszugehen.

Manchmal gehört zu Eremitenphasen auch eine Abkehr von Online-Kontakten. Ich bin relativ aktiv beim Sprachaustausch über Skype und poste hin und wieder bei Video-Plattformen – das alles stelle ich in so einer Zeit des Rückzugs ein, weil mir einfach nicht danach ist.

Aktuell habe ich nun eine Verletzungsphase hinter mir, in der ich mich auch aus den üblichen Online-Kontakten zurückgezogen habe. Gestern dann postete ich bei einem Video über einen Autisten ein Kommentar, in dem ich u.a. schrieb, daß ich ebenfalls Autist sei. Daraufhin schrieb ein anderer User miese Dinge – er deutete an, daß Autisten euthanasiert gehören, beschimpfte mich als „Autistenscheiße“ und zog meine Intelligenz in Zweifel. Was bei genauer Betrachtung ein bißchen lustig weil absurd ist – ich habe einen hohen IQ und kann den ja auch beziffern.

Daß mir ein Mensch solche Dinge schreibt, ohne mich zu kennen, bloß wegen des Etiketts „Autist“, finde ich irgendwie verwirrend – es ist so unlogisch und sinnlos. Andererseits weiß ich natürlich, daß menschliches Verhalten ziemlich oft einfach so ist.

Ich selbst finde es ziemlich geil, Asperger Autist zu sein. Ich will gar nicht neurotypisch sein. Ich bin gern, wie und wer ich bin. Aspies haben eine Menge supergute Charaktereigenschaften und ich bin stolz darauf. Und diese Erkenntnis ist eigentlich das Allerbeste, was ich mir wünschen könnte.

Bequemlichkeit ist keine Behinderung

Derzeit besuche ich einen VHS-Kurs für eine Fremdsprache. Dieser findet an einer Schule hat. Auf dem Hof dort gibt es drei Behindertenparkplätze, die mit den entsprechenden Schildern gekennzeichnet sind. Bereits im letzten Wintersemester stellte ich fest, daß immer zwei und manchmal sogar alle drei von Leuten belegt werden, die den dafür benötigten blauen Parkausweis nicht haben. Bereits im Winter hatte ich diesen Menschen kleine Zettel mit der Nachricht „Bequemlichkeit ist keine Behinderung“ und einer kurzen Erklärung, daß man für das Parken auf diesen Plätzen den blauen Parkausweis für sog. außergewöhnlich Gehbehinderte braucht, unter die Scheibenwischer geklemmt. Der Effekt war gleich Null. Die Autos parkten weiterhin dort. Und als ich nun den Sommerkurs besuchte, standen genau dieselben Autos wieder da.

Das Problem auf diesem Hof ist, daß der Bereich direkt neben den Behindertenparkplätzen mit absolutem Halteverbot ausgewiesen ist. Und das war es dann auch schon mit der Beschilderung des gesamten Bereichs. Da sind also keine anderen Parkplätze ausgewiesen. Mir ist ja auch klar, daß Rettungswege freibleiben müssen, und darum bin ich kein „Wildwestparker“.

Da es mich unfaßbar ärgerte, daß dieselben Nasen schon wieder/immer noch unberechtigterweise auf den Behindertenplätzen standen, machte ich davon Photos und mailte diese dem Ordnungsamt mit der Anfrage, wie das Verfahren bei einer Anzeige sei und ob es ggf. eine Nummer gebe, unter der man anrufen und die Falschparker direkt entfernen lassen könne. Zur Erklärung: selbst das Halten auf Behindertenparkplätzen ist ein Strafbestand und laut StVO kann da sofort abgeschleppt werden. Außerdem mailte ich dem Sekretariat, daß die Behindertenparkplätze dauerhaft von Unbefugten genutzt werden und ich das zur Anzeige bringen werde.

Am nächsten Tag zwei Überraschungen. Erstens teilte das Ordnungsamt mir mit, daß man da nichts machen könne – abgesehen von einer Privatanzeige. Weil das Ordnungsamt sich dafür nicht zuständig fühle. Es sei ja ein Privatgrundstück. Aber wenn ich vor Gericht ziehen wollte, dann wäre das Verfahren so und so und so. Zweitens mailte mir der Schulleiter, der mir sagte, es sei mit dem Ordnungsamt abgesprochen, daß die Schulleitung samt Stellvertretung zwei der drei Behindertenplätze dauerhaft belegen dürfe, weil es ja sonst keine Parkplätze für die Schulleitung gäbe. Es wäre doch sehr schade, daß ich nicht den Dialog gesucht hätte, weil man dann ja eine Lösung hätte finden können.

Ja, und hier setzt nun der Teil ein, den ich für sehr aspergerig halte (weswegen ich das alles hier überhaupt schreibe).

  1. ein Schulgrundstück ist städtische und nicht private Fläche. Selbstverständlich ist das Ordnungsamt dafür zuständig.
  2. eine Absprache seitens der Schulleitung mit dem Ordnungsamt für die widerrechtliche Nutzung und Dauerbelegung der ausgewiesenen Behindertenplätze halte ich für nicht legal, zumal es sich bei der Beschilderung um die offiziellen Schilder für Behindertenplätze und keine handgepinselten Schilder handelt, die vorschlagen, daß da vielleicht Behinderte parken können sollten.
  3. ich habe sehr wohl einen Dialog gesucht, nämlich durch mehrmaliges Hinterlassen von Hinweisen an den Autos. Wie viele Hinweise braucht es denn noch?
  4. was soll heißen, man hätte eine Lösung finden können? Die einzig vernünftige und rationale Lösung wäre: die Schulleitung parkt nicht auf Behindertenparkplätzen.

Da ich insistierte, sicherte mir der Schulleiter zu, er werde dafür sorgen, daß künftig wenigstens einer der drei Parkplätze frei sei. Einmal klappte das sogar. Beim zweiten Mal waren dann wieder alle drei Behindertenparkplätze von Nichtbehinderten besetzt. In dem Moment platzte mir der Kragen und ich beschloß, mich einfach kackfrech vor den Haupteingang zu stellen.

Kaum stand ich dort, kam der Hausmeister angestiefelt. Wer ich denn sei? Ob ich die Schulleitung angezeigt habe? Ich bestätigte das und wies darauf hin, daß die Anzeige nicht zustande kam, weil es mir zu aufwendig war, deswegen vor Gericht zu gehen (Menschenkontakt ist für mich immer Streß und ich muß damit nicht auch noch meine Freizeit belasten). Er erzählte mir nun auch von der Absprache zwischen Ordnungsamt und Schulleitung und ich wies auch ihn darauf hin, daß es sich mitnichten um ein Privatgrundstück handelt und daß obendrein offizielle Schilder die Plätze auswiesen. Um diese sinnlose Diskussion aber nicht unnötig zu verlängern, fragte ich dann direkt, ob ich da nun stehen bleiben könne. Er sagte, eigentlich müsse ich ganz vorn an der Straße parken. Ich erwiderte, daß ich das gern machen kann, daß er dann aber stets dafür Sorge tragen müsse, daß der Seiteneingang, der eine Rampe hat, offen sei, weil ich dann nämlich nicht zu Fuße gehen kann, sondern den Rollstuhl benutzen muß. Da ihm das sichtlich lästig war, einigten wir uns darauf, daß ich fortan direkt vorm Eingang stehen kann. Also da, wo in der Realität keine Parkplätze sind. Weil die Behindertenparkplätze von Nichtbehinderten belegt werden und das Ordnungsamt die Augen zukneift.

Diese ganze Chose ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie unlogisch und beliebig die (Gedanken)Welt von neurotypischen Menschen ist. Diese nicht vorhandene Logik und das Brechen von Regeln führen bei mir zu einem Overload. Es macht mich rasend vor Zorn, wenn solche Dinge passieren. Wofür gibt es Regeln? Wofür eine StVO, wenn am Ende doch jeder machen kann, was ihm gerade durch den Kopf spukt?

Ich habe nun vom Hausmeister die Erlaubnis, nah beim Eingang zu stehen. Das ist zwar ganz nett, auch weil der Weg von den Behindertenparkplätzen zum Eingang relativ weit ist, aber mir wäre wohler, wenn ich einfach einen der vorhandenen Parkplätze nutzen könnte. Daß erwachsene und vermutlich nicht ganz ungebildete Leute darauf beharren, daß Behindertenplätze Schulleiterparkplätze sein sollen, finde ich absurd und vollkommen schräg. Alles in allem ein Paradebeispiel für alles, was ich in der NT-Welt nicht verstehe.

Weltuntergang für Aspies

Gelegentlich schaue ich mir den Content von Leuten, die ich aus meiner Spiri-Blogger-Zeit noch kenne auf Instagram an. Einige Frauen, die ich von damals kenne, posten heute weniger Spiri- als vielmehr Öko-Lifestyle-Content und werden nicht müde, zu betonen, daß die Welt in ungefähr elf Jahren untergeht. Basis für diese Aussage ist der verschwenderische Umgang mit Ressourcen und die Klimaerwärmung und alle mit ihr verbundenen Folgen. Diesen Szenarien zufolge müssen in elf Jahren rund 2 bis 3 Milliarden Menschen umgesiedelt werden, die subtropische Landwirtschaft kommt zum Erliegen und Arktis und Tropenwald hören im Grunde zu existieren auf, was die Klimasituation auf der Erde noch verschärft. Darum plädieren diese Frauen für Zerowaste und Fahrrad statt Auto und weniger Konsum.

Halte ich grundsätzlich für richtig. Aber ich merke auch, daß ich in einigen Aspekten total auf Distanz zu der in ihren Posting mitschwingenden Panik und Hysterie gehe. Stell Dir vor, die Menschheit stirbt aus. Und? Ich denke, das juckt niemanden außer der Menschheit selbst. Ist das nun zynisch oder nur realistisch? Verglichen mit Dinos, die immerhin ein paar Millionen Jährchen hier waren, oder mit Insekten, die sowieso die ungekrönten Könige des Überlebens sind, wären wir dann nun ziemlich kurz hier gewesen. Aber spielt das eine Rolle? Realistisch betrachtet überhaupt nicht.

Für mich heißt das nun im Umkehrschluß nicht, daß man zum Klimaschutz nichts beitragen sollte. Wenn jeder das tut, was ihm möglich ist, wird schon vieles bewegt. Das Problem, daß Menschen eine sehr miese Reaktionszeit haben, ist mir bewußt, und auch, daß die Zeit knapp werden könnte. Es ist nur so, daß ich die Existenz des Menschen bzw. aller Arten von Leben für etwas Zyklisches halte. Selbst die Erde als solche wird nicht ewig existieren – in zwei Milliarden Jahren kracht sie in die Sonne und bis dahin wird zumindest menschliches Leben hier sowieso nicht möglich sein (weil die Sonnenannäherung einfach zu heiß ist).

Hochbegabung

Mit der Asperger-Diagnose kam auch die Bestätigung einer Hochbegabung. Bereits mit 17 war mein IQ getestet worden und hatte eine HB ergeben, doch über die Jahre verändert sich der IQ ja (und die Vergleichswerte anderer Personen demzufolge auch). Nun kenne ich also meinen IQ und habe schriftlich, daß ich in Teilgebieten „weit überdurchschnittlich“ bin.

Und nun?

Ich glaube, Menschen stellen sich eine HB völlig falsch vor. Gerade in Kombination mit dem Asperger führt sie bei mir dazu, daß ich mich einfach nur wie ein Alien fühle, sobald ich Kontakt mit Menschen habe. Die HB macht auch nicht, daß ich in allen Dingen voll der Überflieger wäre. Ich habe im Gegenteil eine relativ beschränkte Inselbegabung für Sprache und logisches und organisiertes Denken. Da ich mich aber ständig in einer total unlogischen und unorganisierten Welt bewege, führt das schnell zu Frust und Überforderung (weil ich versuche, mich anzupassen, was immer nur begrenzt geht, weil sich Regeln ständig zu ändern scheinen und mir unlogisch vorkommen).

Die HB und die damit einhergehende Spezialisierung führt dazu, daß man nur wenige Gesprächspartner hat, die einem auf Augenhöhe begegnen. Das klingt jetzt vielleicht arrogant und abfällig, aber ehrlich gesagt ist das jetzt nicht mein Problem, weil ich eben darstellen will, wie ich empfinde und nicht wie andere Leute empfinden könnten, wenn ich das nun so schreibe 🙂 Dieses Gefühl bedeutet nicht, daß es nicht auch viele Leute gäbe, die ich interessant finde (denn die gibt es – aber dann gibt es da auch wieder Probleme mit der Konnektivität), und diese müssen definitiv nicht auch hochbegabt sein. Kurz gesagt finde ich Leute interessant, die sich ihre eigenen Gedanken machen, die eine große Lebenserfahrung besitzen und praktische Klugheit haben. Es ist für mich völlig irrelevant, wie hoch der IQ meines Gegenübers ist, weil das für mich nicht der „Andockpunkt“ ist. Dennoch ist die HB eine Barriere, beispielsweise schreckt es Menschen oft schon ab, wenn sie mitbekommen, daß meine Lieblingsbeschäftigung Lernen ist. Klischee, aber wahr.

Ich bin im Arbeitermilieu im Ruhrgebiet aufgewachsen und obwohl meine Eltern wirklich sehr viel taten, um mich zu fördern, gibt es Unterschiede zu HBs, die in Akademikerfamilien heranwachsen. Diese reichen vom Unverständnis für die Eigenheiten des hochbegabten (und in meinem Fall: asperigen) Kindes bis hin zu Spott (weil man zwar schon als Kind eine eher professorale Ausdrucksweise hat, aber keinen Nagel in die Wand schlagen kann, mal überspitzt gesagt (ich kann sehr wohl einen Nagel in die Wand schlagen btw)). Im Arbeitermilieu, in dem ich aufwuchs, war hohe Intelligenz zum Teil auch deswegen schlecht angesehen, weil es das Vorurteil gab, daß intelligente Menschen realitätsfern und hochnäsig sind. Und der Vorwurf, daß ich arrogant sei, ist ungefähr so alt wie ich selbst – das ist leider der Preis dafür, daß man z.B. lieber seine Nase in ein Buch steckt anstatt mit den anderen Kindern zu spielen oder später mit den anderen Halbwüchsigen Bier zu trinken und Party zu machen. Dazu kommt, daß ich – typisch Aspie – eine andere Prosodie habe als neurotypische Menschen. Damit scheine ich per se arrogant zu klingen (was mir selbst aber nicht bewußt ist, weil ich mich nicht für diese Prosodie entschieden habe, sondern sie einfach existiert, und ich damit eben auch keine Metabotschaft vermitteln will, sondern lediglich so spreche, wie ich eben spreche).

Mit der HB ist auch eine Menge Frust in all jenen Bereichen verbunden, in denen ich ein absoluter Nichtskönner und Nichtsversteher bin. Mathe zum Beispiel. Ich habe keine echte Dyskalkulie, aber für mich sind Zahlen und Formeln allenfalls lückenhafte und sehr schrullige kleine Dinge, die ständig durcheinanderpurzeln und keinen Sinn ergeben. Für mich ist es dabei übrigens ziemlich erstaunlich und auch lustig, daß ich zwar sehr logisch denken, aber mit Zahlen nichts anfangen kann. Abgesehen davon, daß ich einen Faible für Daten und Telefonnummern habe – aber das ist eben der Autismus und hat nichts mit der HB zu tun. Ich bin einfach gut in der Mustererkennung, mehr nicht.

Technische Geräte sind für mich der absolute Horror und ich habe überhaupt keinen Spaß daran, mich mit ihren Funktionen auseinanderzusetzen. So kommt es, daß ich immer nur die Grundfunktionen verwende und dann regelrecht kindlich begeistert bin, wenn mein Mann mir zeigt, was z.B. mein Handy alles so drauf hat. Was aber nie dazu führt, daß ich diese Funktionen auch selbst nutze. Es macht mir überhaupt keine Freude, mir neue Geräte zu kaufen, und ich mache das nur, wenn die alten kaputt sind. Auch Dinge, die ich eigentlich gern können würde, passen einfach nicht in meinen Kopf rein. Videos schneiden z.B. geht einfach nicht. Es macht mich rappelig und treibt meinen Blutdruck hoch, wenn ich mich mit sowas auseinandersetze.

Die Diagnostik

Ich habe in den letzten Wochen bewußt eine Schreibpause hier eingelegt, weil ich erstmal den Prozeß der Diagnostik hinter mich bringen wollte. Nachdem er nun abgeschlossen ist, folgt hier eine Zusammenfassung.

Die Gespräche fanden in einer Klinik statt. Im Vorfeld hatte ich mehrere Fragebögen zugeschickt bekommen, die ich ausgefüllt mitbringen sollte. Im ersten Gespräch wurde mit mir der typische Asperger-Test gemacht und ich bekam ergänzende Fragen zu den Bögen gestellt. Nach knapp zwei Stunden war ich fertig und konnte gehen. Ich muß gestehen, daß ich das Gespräch zwar anstrengend, aber nicht völlig auslaugend fand. Als herausfordernd und sehr störend empfand ich eher die Lichtreize (ich mußte gegenüber einem großen Fenster sitzen, dessen dünne Gardinen das Licht nur unzureichend milderten) und Geräusche auf dem Flur.

Dann hatte ich erstmal eine Woche Pause, in der mir das Gespräch durchaus öfter durch den Kopf ging. Ich fragte mich, ob ich alles korrekt dargestellt hatte, ob wichtige Infos fehlen würden und die Unterlagen, die ich mitgebracht hatte (u.a. meine Zeugnisse der Grundschule) aufschlußreich genug wären, um die Fragen zu beantworten, die normalerweise den Eltern gestellt werden.

Bei dem folgenden Termin wurden diverse Tests durchgeführt. Um Menschen, die die Diagnostik noch machen lassen möchten, keine Nachteile durch eine ausführliche Schilderung entstehen zu lassen, werde ich das nicht groß ausführen. Alles in allem ging es darum, festzustellen, wie hoch mein EQ ist, wie hoch mein IQ ist, ob ich Mimik lesen kann, ob ich planvoll und logisch denken kann, ob ich mich in Menschen einfühlen kann, wie gut ich menschliches Handeln verstehen kann und wie gut mein Abstraktionsvermögen ist. Nach diesem Termin war ich völlig platt und habe sage und schreibe vier bis fünf Tage gebraucht, um mich wieder zu erholen. Besonders zu kämpfen hatte ich mit der krassen, fast überwältigenden Frustration, die einige der Tests ausgelöst hatten. Daß dem so ist, ist natürlich klar, weil diese Tests genau diese Asperger-Schwachstellen berühren, aber auch mit diesem Wissen brauchte ich wirklich lange, um diesen Frust zu überwinden.

Nun folgte eine lange Wartezeit, die entstand, weil die Klinik noch einen Bericht von und ein Gespräch mit meiner Therapeutin wollte. Und dann flatterte mir ein langer Brief ins Haus, der alle Dinge zusammenfaßte und die Diagnose mitteilte. Nun ist es also offiziell: ich bin Asperger-Autist.

Was diese Diagnose auslöst, kann ich noch nicht abschätzen. Ich habe nun die Möglichkeit, speziell für meine Bedürfnisse abgestimmte Hilfen zu erhalten, wie etwa eine Verhaltenstherapie mit Fokus auf Asperger-Autismus-bedingte Probleme (auch bekannt als Menschen^^). Welche Möglichkeiten genau es gibt und was davon ich auch in Anspruch nehmen möchte, muß sich noch erweisen.

Mit der Diagnose sind zwiespältige Gefühle verknüpft. Asperger-Autist ist man von Geburt an, nur daß ich zu einem Zeitpunkt geboren wurde, wo es dafür keinerlei Bewußtsein gab (und für andere Dinge auch nicht). Ich wurde nie gefördert, war immer der Außenseiter usw. – absolut klassisch. Es wirft die Frage auf, wo und wie ich heute wäre, wenn das alles schon damals bekannt gewesen wäre. Aber ok, es hilft natürlich nicht, über vergossene Milch zu klagen. Und so bin ich auf der anderen Seite froh darüber, daß mir die Diagnose zumindest rückblickend viele Probleme erklärt, die ich immer hatte, und mir die Möglichkeit gibt, mir nun Hilfen zu suchen.

Luck prefers the prepared mind

Morgen werde ich meinen ersten Diagnosetermin in einer Klinik haben. Als ich mich das erste Mal um die Asperger-Diagnostik bemüht habe, teilte man mir mit, daß dies grundsätzlich nur stationär ginge, in meinem Fall in Mannheim oder Freiburg. Eine stationäre Aufnahme liegt für mich aus mehreren Gründen außerhalb dessen, was ich für eine Diagnostik zu tun bereit bin. Jedenfalls stellte sich später heraus, daß diese Information falsch war. Genervt hat mich daran, daß die Information von einer Beratungsstelle für Menschen mit Autismus kam, aber ok…

Die Klinik, in der ich mich morgen vorstellen muß, kenne ich nicht. Orte, die ich nicht kenne, machen mir genau wie neue Situationen ein schlechtes Gefühl. Ich würde dieses Gefühl nicht als Angst beschreiben, sondern als Streß. Es streßt mich, neuen Orten, neuen Leuten und neuen Situationen ausgesetzt zu sein, allerdings brauche ich sehr lange, bis ich etwas (oder jemanden) nicht mehr als „neu“ betrachte. Als Richtwert würde ich da ca. zwei Jahre angeben, aber das differiert ein wenig, je nachdem. Wenn ich jemanden einmal sehe und ihn dann erst wieder nach zwei Jahren sehe, ist er immer noch neu für mich 🙂

Diesen Streß konnte ich mir nie erklären. Ich hätte eine Streßreaktion logisch gefunden, wenn Angst im Spiel gewesen wäre, tatsächlich habe ich aber vor nur sehr wenigen Dingen Angst. Also habe ich mein Leben lang „mind over matter“ gespielt und mich mit purer Willenskraft in neue Situationen rein- und auch durch sie hindurchgezwungen. Natürlich härtet man dabei in gewisser Weise ab, aber eben nur oberflächlich. Nur weil ich es beispielsweise schaffe, jede Woche einkaufen zu gehen, heißt das nicht, daß der tatsächlich gefühlte Streß dadurch weniger wäre. Je voller es ist, desto mehr Streß habe ich. Asperger wäre dafür eine absolut passende Erklärung.

Um einer neuen Situation den Streß-Giftzahn zu ziehen, ist für mich eine gute Planung und Vorbereitung entscheidend. Ich zitiere dabei gern aus Alarmstufe Rot 2: „Luck prefers the prepared mind“ – Das Glück bevorzugt den, der vorbereitet ist. Konkret heißt das, daß ich mir im Vorfeld soviele Informationen sammle, wie eben möglich. Um halbwegs entspannt in die Diagnostik reinzugehen, bin ich am Wochenende zur Klinik gefahren, habe mir den Weg bzw. markante Wegpunkte eingeprägt (falls das Navi ausfallen sollte), habe geguckt, wo ich parken kann, und bin dann mit dem Rolli den Weg abgefahren, bis ich vor dem Büro stand, wo ich morgen hinmuß. Klingt für NTs wahrscheinlich etwas überdreht, aber ohne diese Vorbereitung wäre der Tag morgen für mich unfaßbar stressig geworden.

Zu meiner Vorbereitung gehört auch, daß ich meine Tasche für alle Eventualitäten ausrüste. Neben den üblichen Dingen wie Wasserflasche, Augentropfen und Tempos werde ich einen Snack, Aspirin, Bonbons, eine Taschenlampe, Stifte, einen Block und noch ein paar andere Dinge einstecken. Meine Tasche ist sowas wie mein Notfall-Kit. Im Notfall könnte ich mit ihr die Zombie-Apokalypse überstehen. Locker.

Unnötig zu erwähnen, daß ich mich nun sechs Wochen mit den Fragebögen beschäftigt habe, die sie mir im Vorfeld zugeschickt hatten. Nicht, daß es so lange gedauert hätte, die Kreuzchen zu machen, aber ein recht ausführlicher Fragebogen erforderte ausformulierte Antworten. Und diese habe ich erst handschriftlich auf dem Fragebogen selbst erledigt, um sie später in mehreren Varianten nochmal am PC zu tippen. Wieso? Weil leider nicht klar drinsteht, in welcher Form sie die Antworten gern hätten: ganze Sätze? Stichpunkte? Und wie präzise sollen die Antworten sein? Soll man nur Tendenzen angeben? Oder alles, an das man sich erinnern kann? Ja, solche Angaben wären echt hilfreich.

Alles in allem bekommen diese ganzen „Schrullen“, die ich so habe, unter dem Vorzeichen Asperger-Autismus einen Sinn.

Der Weg bis hierher

Ich reihe mich nahtlos in die Riege der ganzen Spät-Diagnostizierten ein, die sagen: „Daß ich anders war als die anderen, wußte ich schon mein ganzes Leben lang. Ich wußte nur nicht, warum“. Natürlich habe ich für das Anderssein eine Menge Erklärungen gesucht und gefunden. Ich bin anders, weil ich eben so bin. Ich bin anders, und das ist auch gut so. Ich bin anders, weil ich anders denke. Ich bin anders, weil das eine Laune der Natur war. Ich bin anders, weil [whatever]. Und natürlich habe ich auch schon alle Stadien der Selbstbewertung durchlaufen, von „ich bin cool“ über „ich bin ganz ok“ und „ich bin irgendwie merkwürdig“ zu „ich bin ein totaler Freak“ und „ich hasse mich“. Absolut klassisch.

2014 begann ich eher unfreiwillig eine Psychotherapie. Grund dafür ist meine Trans*Identität, um die es in der Therapie dann schon sehr bald gar nicht mehr ging. So nach 3 Wochen. Auch die damit verbundenen menschlichen Verluste waren kein Thema. Stattdessen kam eine andere Diagnose zum Vorschein, die mich zwar nicht überrascht, mir aber wohl gebührenden Respekt eingeflößt hat: komplexe posttraumatische Belastungsstörung. Ich dachte damals, endlich den Grund für mein Anderssein gefunden haben.

Nach etwa zwei Jahren Therapie zeigte sich allmählich, daß mehr unter der Oberfläche verborgen war. In der Therapie ging es oft um die Bewältigung des Alltags, wobei mein Therapeut und ich gemeinsam feststellten, daß ich praktisch keinerlei Wissen über die ungeschriebenen Gesetze im sozialen Miteinander habe. Er mußte mir menschliches Zusammensein von A bis Z erklären, z.B. warum Leute vorm Pastaregal im Supermarkt einen Small Talk anfangen, warum Leute keine Gegenstände sind (und es nicht mögen, wie welche behandelt zu werden) und warum Blickkontakt und Mimik wichtig sind. Mir ging während dieser Sitzungen auf, daß ich das wirklich noch nie verstanden hatte. In Verbindung mit anderen typisch aspergerigen Traits stand für meinen Therapeuten bald fest, daß ich Asperger-Autist bin.

Die letzten Jahre habe ich versucht, mich mit seiner Diagnose auseinanderzusetzen. Nun ist es aber so, daß er keine „echte“ Asperger-Diagnose machen kann, weil das einfach nicht sein Fachgebiet ist. Und jetzt, nach mehr als zwei Jahren, in denen ich mit der inoffiziellen Diagnose gelebt habe, möchte ich es gern wirklich wissen. Die Gründe dafür sind vielschichtig, aber alles in allem geht es mir vor allem darum, mehr Verständnis für mich selbst zu entwickeln und mögliche Hilfen in Anspruch nehmen zu können.

Hello again

Ich habe hier an dieser Stelle schon mal gebloggt. Angefangen hatte ich 2008 und nach fast sieben Jahren dann irgendwann den Stecker gezogen, weil es mir zuviel geworden war. Hätte ich damals über mich gewußt, was ich heute weiß, hätte ich vieles anders gemacht und vor allem anders bewertet. Aber gut, so ein Lebensweg verläuft selten gradlinig. Ich habe die Jahre dazwischen gebraucht, um mich besser verstehen zu lernen.

Hallo. Mein Name ist William, ich bin aktuell 41 Jahre alt und vermutlich bin ich Asperger-Autist. Ich schreibe vermutlich, weil ich die offizielle Diagnostik bisher nicht durchlaufen habe, jedoch kurz davor stehe. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum ich den Faden hier wiederaufnehme.

Schauen wir mal, wohin die Reise geht…