YouTube-Schätzchen

In einem Video behauptet jemand etwas und behauptet dazu, es sei wissenschaftlich erwiesen und es gäbe Studien dazu. Da mich das Thema interessiert, frage ich nach und bitte um Quellenangaben, weil ich das alles gern nachlesen würde (und gern wüßte, ob die Quellen vertrauenswürdig sind, weil mir die Sache absurd vorkommt). Ich bekomme zur Antwort, daß man mir keine Quellen nennen könnte, aber daß das alles total wissenschaftlich sei. Ich bitte also erneut um Quellen und weise darauf hin, daß die videomachende Person mir ja einfach die Quellen und Studien nennen kann, die sie selbst verwendet hat. Antwort: da müsse ich schon selber gucken.

Ich gucke also, finde aber nichts zu dem Thema. Nur verschwurbelte Hinweise auf einer Seite, die auch gern Lungenentzündung mit Weizengrassaft kurieren möchte. Okay.

Ich schreibe also, daß ich keine wissenschaftlichen Quellen finde und bitte nochmal um die Nennung der Studien, auf die sich die videodrehende Person bezogen hat. Diese ignoriert mich, dafür springen aber andere Zuschauer ein: der videoerstellende Mensch müsse mir gar nichts mitteilen, ich solle selber suchen (was ich ja schon getan habe). Und es sei doch schon superfabelhaft, daß überhaupt so ein Video gemacht würde, um uns aufzuklären.

Hä? Hat die Generation der weltrettenden Hipster vergessen, wie man wissenschaftlich arbeitet und was objektive Fakten sind? „Jemand auf YouTube behauptet das und darum muß es wahr sein“?

*facepalm*

Sag, was Du meinst…

Im Juni habe ich mich aus einem Forum verabschiedet, in dem ich einige Jahre aktiv war, zuletzt auch als Moderator. Ich hatte in diesem Forum eine Frau kennengelernt, die manchmal mit psychotischen Episoden zu kämpfen hatte, und scheinbar hat ihr meine rationale Art oft ein wenig geholfen. Zwischen uns hatte sich keine Freundschaft entwickelt, aber wir hatten sehr konstruktive Gespräche. Mit ihr hatte ich nach meinem Abschied vom Forum noch ein paar Wochen Kontakt, bis sich eine ihrer psychotischen Episoden gegen mich richtete. Konkret vermutete sie, ich sei jemand anders. Ich habe darauf so rational und unemotional reagiert, wie ich das immer getan hatte, und sie darauf hingewiesen, daß sie gerade wieder in so eine Phase entglitt. Sie jedoch war der felsenfesten Überzeugung, ich würde sie ausspionieren (das ist nicht die ganze Story, aber ich will das hier nicht auswalzen). Jedenfalls zeigte sich, daß diese Befürchtungen wohl davon ausgelöst worden waren, daß ich eben nicht mehr im Forum verfügbar war, und da sich das nicht wieder ändern würde, war es für mich dann auch folgerichtig, daß wir den Kontakt einstellten.

Heute bekam ich die erste Mail seit Juli von ihr. Sie wünschte mir ein gutes neues Jahr und fragte mich, ob sie mir etwas per Post zuschicken dürfe, das für eine Frau aus besagtem Forum gedacht ist, der sie selbst aber nichts direkt zusenden wollte, weil sie nicht wisse, ob sie dieser Frau vertrauen könne (wegen der Bekanntgabe ihrer Adresse). Sie wolle mir dieses Ding also schicken und ich sollte es bitte umtüten und an die Frau weitersenden. Ich wünschte ihr ebenfalls ein gutes neues Jahr und antwortete auf ihre Frage, daß ich ihr nicht helfen werde, weil ich es nicht anständig finde, daß sie sich nach so langer Zeit nur deswegen bei mir meldet, weil sie meine Hilfe in Anspruch nehmen möchte. Sie schrieb zurück, daß es ihr leidtäte, daß mich die Sache so verletzt habe, aber daß es ja nicht darum geht, daß sie meine Hilfe für sich wolle, sondern lediglich für die andere Frau. Ich antwortete ihr daraufhin nur noch ganz knapp und erwarte bzw. hoffe eigentlich, daß sich das damit erledigt hat.

Warum erzähle ich davon? Weil das ein NT-Verhalten ist, das mir schon immer sehr auf die Nerven gegangen ist. Mir ist es schon oft passiert, daß NTs, mit denen ich entweder noch nie was zu tun hatte (wie z.B. entfernte Bekannte, mit denen man vielleicht drei Worte gewechselt hat) oder mit denen der Kontakt schon lange eingeschlafen oder abgebrochen war, plötzlich wie der Teufel aus der Kiste hopsen und wieder in meinem Leben auftauchen – sobald sie etwas von mir wollen. Ich glaube ja eigentlich, daß Aspies im Sozialverhalten nicht so wahnsinnig geschickt sind, aber dieses Muster im Verhalten von NTs finde ich schon sehr abgefahren. Ist mir tatsächlich noch nie mit Aspies passiert.

Ich finde es auch total abgefahren, daß sie meine klare Zurückweisung ihrer unanständigen Bitte so umdeutet, als habe ich das Problem, weil ich verletzt sei (was ich nicht einmal bin, weil sie mir eben nicht wichtig war) und nicht einmal über meinen eigenen Schatten springe könne, wenn es um Hilfe für eine dritte Person geht.

Ich frage mich in diesem Kontext, wo in meinem Leben ich in früheren Jahren in solche geschickt gestellten rhetorischen „Fallen“ reingelaufen bin, also, wo ich mit Rechtfertigungsversuchen, Schuldgefühlen oder auch Zugeständnissen auf Manipulationen oder reine Arschigkeit reagierte, weil ich nicht so klar sehen konnte wie heute, wie NTs gegen mich kommuniziert haben. Schon ein bißchen gruselig.

Weihnachten bei den Aspergers

Ich lese in diesen Tagen sehr viel darüber, daß an Weihnachten die Arbeit der Eltern Mütter unsichtbar gemacht wird, indem man den Kindern sagt, der Weihnachtsmann habe die Geschenke gebracht und den Baum dekoriert etc. Das löst bei mir sehr zwiespältige Empfindungen aus. Einerseits habe auch ich jahrelang das Gefühl gehabt, diese Feiertagslast allein zu tragen, indem ich dafür sorgte, daß Geschenke gekauft, Adventskalender befüllt und Dekorationen angebracht wurden. Ich habe das Weihnachtsessen geplant und mit meinem Mann zusammen gekocht. Andererseits habe ich schon vor einigen Jahren einfach damit aufgehört, die Verantwortung für ein „gelungenes Weihnachtsfest“ allein tragen zu wollen und meiner Familie gegenüber kommuniziert, daß das so ist. Der Effekt war sehr interessant, denn seither scheint es so, daß die gesamte Familie die Weihnachtsfeiertage sehr viel entspannter erlebt. Ich glaube also, daß diese druckmachende Erwartungshaltung nicht nur auf Müttern, sondern auf der ganzen Familie liegt – jedenfalls war das in unserem Fall so. Erst als ich selbst loslassen konnte, konnten sich die Feiertage entspannen.

Heute plane ich für Weihnachten nur das ein, was ich a) leisten kann und b) leisten will. Das heißt konkret: ich investiere ungefähr 2 Stunden, um die Adventskalendersachen für den Sohn einzukaufen (tatsächlich ist davon der Großteil reine Fahrtzeit, denn ich fahre einfach in die Stadt in ein großes Kaufhaus, parke da, hole mir den Rolli raus, fahre in die Süßwarenabteilung und stecke da 24 Kleinigkeiten in eine Tüte). Daheim investiere ich nochmal 20 Minuten, um zwölf Sachen davon einzupacken – den Rest muß der Mann machen. Fertig. Das Aufhängen des vor Jahren genähten Kalenders nimmt 5 Minuten in Anspruch. Kalender done. Mit dem Mann zusammen besorge ich 2 Wochen vor Weihnachten hier im Dorf einen Baum. Der Mann stellt ihn zusammen mit dem Sohn auf und dekoriert ihn. Am selben Tag dekorieren wir auch das Haus ein wenig: Girlande an die Tür (Mann), ein paar Kleinigkeiten woanders (alle). Deko done. Bereits Anfang Dezember frage ich in der Familie, wer sich was wünscht. Jeder weiß, wie viel er ausgeben darf und in der Regel wird das Meiste online bestellt. Bei unserem schmalen Weihnachtsbudget sind das pro Nase ein bis zwei Dinge, die eingepackt werden können, aber nicht müssen (dem Großteil meiner Familie leuchtet wie mir selbst auch nicht ein, warum ich etwas verpacken soll, wenn eh schon klar ist, was drin ist…spart ja auch Müll). Geschenke done. Anfang Dezember mache ich auch einen Speiseplan für die Weihnachtsfeiertage. Zwei Wochen vorm Fest kaufe ich davon alle Dinge ein, die sich bevorraten lassen, und zwar während eines normalen Wocheneinkaufs, um nicht extra loszumüssen. Am regulären Einkaufstermin vor Weihnachten erfolgt dann der Frischkram. Ich gehe also auch wenn Weihnachten ist nicht öfter einkaufen als sonst, nämlich einmal die Woche. Und ja, das heißt, daß es am 2. Feiertag keinen frischen Salat gibt, sondern schlicht Linsenbolognese aus Zutaten, die man gut bevorraten kann. Einkauf done. Am 24.12. essen wir immer Raclette und da hat jeder so seine Lieblingszutaten. Am Tag vorher kocht der Mitbewohner Kartoffeln ab und spült den Raclettegrill und die Pfännchen. Am 24. selbst bereiten der Mann und ich direkt nach dem Frühstück alles zu, was es sonst noch braucht: Gemüse schneiden, Saucen mixen, Rohkost reiben, Fleisch parieren. Eine Stunde vorm Raclette setzt der Mann einen Pizzateig an. Essen done. Auf diese Weise habe ich all die Dinge, die für mich persönlich (und scheinbar wohl auch für meine Familie) an Weihnachten angenehm sind, in effektiver Weise erledigt: Adventskalender, Geschenke, Deko, Einkauf und Essen. Jeder übernimmt seinen Teil (aber das ist in einem Haushalt mit zwei Körperbehinderten absolut normal, auch im Alltag). Wenn jemand ein Extra möchte oder braucht, muß er selbst dafür Sorge tragen (Beispiel: dieses Jahr hatte ich Lust, ein Weihnachtsquiz zu erstellen, und habe dafür Fragen überlegt und einen Preis für den Sieger zusammengestellt. Außerdem hatten Mann, Kind und ich Lust, gemeinsam zu backen, was hier eben auch nicht zum Standardweihnachtsprogramm dazugehört). Auch die ganzen Stressoren wie Einladungen zu Weihnachtsfeiern, Glühweinsaufen oder Weihnachtsmarktbesuche fallen hier unter Extras und sind nicht obligatorisch, sondern finden statt, falls dafür Kraft, Lust und Zeit existieren.

Vielleicht ist Weihnachten bei den Aspergers aber auch ein bißchen schrullig, das weiß ich nicht recht 😉

Ich finde allgemein, daß es helfen würde, bestimmte Weihnachtsstreßtrigger zu vermeiden, wenn mehr Eltern ihren Kindern wieder mal ein wenig Erziehung zuteil werden ließen. Mit meinem Sohn habe ich auch die Erfahrung gemacht, daß er das Mosern anfing, weil er der Ansicht war, er habe zu wenig bekommen (da war er acht Jahre alt). Darauf reagierte ich, indem ich ihm erklärte, daß jeder in der Familie ein bestimmtes Weihnachtsbudget habe, welches nicht überschritten wird. Und ich reagierte darauf, indem ich konsequent dabei blieb, dieses Budget einzuhalten. Es gab niemals eine Konsumorgie an Weihnachten, also erwartet er die heute (mit fast 16) auch nicht mehr. An dieser Stelle werden dann gern die anderen Verwandten wie Großeltern etc. angeführt, die sich nicht an bestimmte Vorgaben halten wollen, und ich muß gestehen, daß ich das nicht nachvollziehen kann. Erstens weil ich mich frage, warum es für Eltern so schwer zu sein scheint, anderen Leuten, die dem Kind etwas schenken wollen, mitzuteilen, daß es ein bestimmtes Budget nicht überschreiten soll, und zweitens weil ich nicht verstehe, warum Eltern es nicht schaffen, ihrem Kind zu vermitteln, daß das, was Großeltern und andere Leute schenken (selbst wenn kein Budget vereinbart oder es nicht eingehalten wurde), ja, daß jedes Geschenk eine Liebesgabe ist – und nichts, das man verlangen oder einfordern kann. Tut mir leid, aber das Gejammere der Eltern Mütter darüber, wie schwer es doch sei, mit der Undankbarkeit der Kinder den Weihnachtsgeschenken gegenüber umzugehen, ist hausgemacht. Das liegt nicht an der böse Konsumgesellschaft oder an der Werbung oder so – das liegt einfach an der Erziehung.

Überzogene Erwartungen in Hinblick auf Harmonie, Besinnlichkeit und Co. sparen wir uns übrigens auch. Das geht damit einher, daß ich sehr klar sage, daß ich nicht weiß, ob ich nach einem zweistündige Raclette-Gelage und einer Bescherung noch Kraft und Lust habe, weitere Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Es kommt darauf an. Nun kann die Familie sich überlegen, ob sie aufdreht, was garantiert darin mündet, daß ich meine Ruhe will, oder ob alles ein wenig ruhiger und dezenter abläuft, was meine Bereitschaft, nach der Bescherung noch gemeinsam einen Film zu gucken, erhöht. Dieses Jahr kam mir meine Familie sogar so stark entgegen, daß ich nach dem Film noch genug Kraft hatte, zu lernen – das war erstmalig so und dafür bin ich sehr dankbar. Aber vielleicht ist es ja auch so, daß diese Wahrung der eigenen Grenzen für Nicht-Autisten megarüde ist und sie es daher nicht machen. Weiß ich nicht. Ich bin halt nicht so sentimental, was Weihnachten angeht, aber ich denke, das hilft mir wohl auch.

Mein Rat an von Weihnachten gestreßte Eltern wäre: laßt es doch einfach. Holt Euch Eure Familie ins Boot. Das hat nichts damit zu tun, Weihnachten zu entzaubern, sondern kann im Gegenteil eine ganz eigene Tradition begründen. Es braucht keinen scheinheiligen Zuckerguß auf den familiären Konflikten, die es vielleicht gibt, denn das strengt einfach nur an. Sucht stattdessen nach Kompromissen, bei denen niemand auf der Strecke bleibt oder die alleinige Verantwortung tragen muß. Schmeißt raus, was Euch nicht guttut, und macht mehr von dem, was Euch gefällt. Gerade mit etwas größeren Kindern kann das richtig lustig und cool werden. Und wenn Ihr selbst etwas haben wollt (wie mehr Deko oder Glühwein mit den Kollegen), dann entscheidet Euch bewußt dafür und macht es auch bewußt – und zwar für Euch. Drückt die Verantwortung dafür nicht einer imaginären Weihnachtspolizei auf, denn die gibt es nicht. Es gibt kein perfektes, zuckerharmonisches Weihnachtsfest, wenn Euer normaler Familienalltag das nicht auch ist.

Joschi hat die Hosen an

Neulich beim Einkaufen stand ich an der Kasse neben einer Mutter, die mit einem etwa achtjährigen Jungen unterwegs war. Der Junge – Joschi – fegte flugs die Shampoo-Miniaturen aus dem Regal neben sich auf den Boden. Seine Mutti forderte ihn dreimal dazu auf, sie wieder aufzuheben, was Joschi jedesmal mit einem souveränen „Nein“ abschmetterte, das keine Widerrede duldete. Seine Mutti widersprach auch nicht mehr und hob die Shampoos selbst wieder auf. Weil – „ist ja egal, wer sie aufhebt“.

Joschi hat halt die Hosen an.

Selber Tag, im Laden gegenüber: ein Kind sitzt in der Kühltheke auf den Joghurts und quengelt herum, daß ihm langweilig ist. Zwei Kinder spielen Kriegen und rennen Leute über den Haufen. Ein Kind rollt Kürbisse durch den Laden, weil es Kegeln spielen will. Die Erwachsenen tun so, als wäre das alles völlig normal. Ich kaufe ein und verstehe die Welt nicht mehr.

 

Arztfail

Als ich Anfang des Jahres die Diagnose Asperger bekam, riet mir meine bisherige Therapeutin dazu, einen Beratungstermin bei einem Autismusspezialisten in meiner Region zu machen mit dem Zweck, für mich Klarheit darüber zu erlangen, ob ich eine Therapie oder lieber Ergotherapie oder beides oder nichts davon machen wolle. Ich rief also in der Praxis dieses Menschen an – im April. Man teilte mir mit, daß es eine sechsmonatige Wartefrist gebe, wozu ich mein OK gab. Ich erhielt einen Termin für diese Woche, also im Oktober.

Nun bin ich gerade verletzt und kann nicht das Haus verlassen, geschweige denn Auto fahren. Also rief ich heute in der Praxis an, um den Termin zu verlegen. Die Arzthelferin konnte aber weder meinen Termin noch meine Person im System finden. Ich erklärte, daß ich diesen Termin bereits im April ausgemacht habe, worauf sie mir ins Wort fiel und sagte, das sei ja ganz und gar unmöglich, weil sie doch nur vier und nicht sechs Monate Wartezeit hätten. Aha. Und was hätten die jetzt gemacht, wenn ich zu dem Termin am Donnerstag erschienen wäre? Mich wieder weggeschickt?

Ich habe kurz überlegt, ob ich sie fragen soll, ob sie denkt, daß ich lüge. Aber da solche Fragen in der Regel nicht zielführend sind, habe ich ihr einfach gesagt, daß sie es vergessen soll und aufgelegt.

Warum? Weil mich zum einen so eine Schlamperei in einer Praxis massiv nervt. Das ist einfach nicht verläßlich und ich habe keinen Bedarf an weiteren „Zitterpartien“ in meinem Leben. Es täte mir nicht gut, bei jedem weiteren Termin zu befürchten, daß ich wieder vergessen worden wäre. Oder daß mir bei irgendwelchen Dingen nicht geglaubt wird – wenn das schon bei so Kleinigkeiten wie der Terminvergabe der Fall ist. Zum anderen habe ich in den Monaten, die seit der Diagnosestellung vergangen sind, schon sehr viel über mich und meinen Autismus gelernt. Darüber schreibe ich ein anderes Mal.

Vom Bloggen und vom Selbstschutz

Im Mai 2008 habe ich mein allererstes Blog eröffnet. Ich wußte am Anfang gar nicht recht, wohin die Reise gehen soll, und habe erstmal über Alltagsdinge und Sachen, die mit meinen Hobbies verbunden waren, geschrieben. Es ging recht schnell, daß ich herausfand, was für mich am besten funktionierte, nämlich genau das zu schreiben, was ich sagen wollte und auch so meinte. Innerhalb von recht kurzer Zeit hatte ich dann rund 3000 Leute täglich zu Besuch auf meinem Blog. Es kamen immer mehr Kommentare und auch oft Mails. Viele Leute schrieben mir, wie sehr sie die Offenheit mögen und zum Teil auch bewundern würden, mit der ich schrieb. Natürlich haben mich die Schmeicheleien und Komplimente gefreut. Sie gaben mir Antrieb, mit meiner gefundenen Linie weiterzumachen.

Im Laufe der Jahre entwickelte ich mich weiter. Die Themen veränderten sich ein wenig, aber was blieb, war die Ehrlichkeit, mit der ich über Erlebnisse und Gedanken schrieb. Irgendwann tauchte mein Name dann in „Lästerforen“ im Netz auf und das, was ich mit der guten Absicht geschrieben hatte, vollkommen ehrlich zu sein und damit vielleicht sogar anderen zu helfen, flog mir um die Ohren. Verstanden habe ich das zum damaligen Zeitpunkt nicht, weil ich einfach nicht begreifen konnte, warum vollkommen Unbekannte, die noch nicht mal den Dialog mit mir gesucht hatten, derart häßliche Dinge über mich schreiben konnten. Diese Form von Naivität ist so typisch Aspie, daß ich heute, wo ich auf diese Zeit zurückblicke, krasses Mitgefühl mit mir selbst empfinde.

Die Ehrlichkeit und die Naivität, mit der Aspies an Kontakte herangehen (nichts anderes als ein Kontaktangebot mit einem meist anonymen Gegenüber ist ja nun mal das Bloggen), scheinen mir in besonderem Maße schützenswert. Obwohl ich selbst Autist bin, rühren sie mich immer wieder an, wenn ich im Kontakt mit anderen Aspies bin. Manchmal ist das sehr schmerzhaft, wenn man einem anderen Menschen, der sehr ähnliche Denkmuster hat, wie man selbst, aber bestimmte eklige Erfahrungen noch nicht gemacht (oder nicht erkannt) hat und sie daher nicht identifizieren kann, erklären muß, daß bestimmte Dinge eben nicht nett, sondern im Gegenteil einfach gemein oder abfällig gemeint waren. „Warum sagt derjenige denn sowas?“ – tja, wenn ich das wüßte… Meist vermutlich tatsächlich ohne echten Anlaß und bloß aus Spaß am Arschlochsein.

Nachdem ich mich dann eine Weile vom Bloggen zurückgezogen hatte, bin ich aber doch wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Das liegt daran, daß mir Bloggen soviel mehr Spaß macht als Bildchengucken und Liken auf irgendwelchen Social Media Plattformen. Ich finde es sehr schade, daß viele Blogger/innen von damals nicht mehr schreiben. Es war eine bereichernde Zeit für mich, in der ich trotz aller Barrieren im sozialen Miteinander, die ich nunmal habe, das Gefühl hatte, in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein. Es sind wirklich sehr schöne Dialoge entstanden und auch tolle Aktionen (Wichteln und so). Wer weiß, vielleicht kommt ja die Zeit des Bloggens irgendwann zurück. Ich würde mir das wünschen.

Ich weiß aber auch, daß ich nie wieder so offen und ehrlich schreiben würde, wie ich das damals tat – aus Selbstschutz. Das war eine Lektion, die ich lernen mußte.

Musik

Ich finde es sehr schwer, Musik zu finden, die mich nicht nervt. Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang nicht verstanden, warum ich viele Musikstile, Interpreten, Stimmen, Klänge, Instrumente etc. nicht ertragen kann und bekam mit der Diagnose Asperger-Autismus eine für mich sehr schlüssige Erklärung dafür geliefert. Wie viele andere Aspies auch, habe ich sehr feine Sinne, unter anderem sprichwörtliche Katzenohren. Ich reagiere auf das, was ich als Mißklang empfinde, nicht nur emotional, sondern auch körperlich, nämlich mit beschleunigtem Puls, schneller, flacher Atmung und hohem Blutdruck – kurz gesagt: Streß.

Das Problem ist natürlich, daß man Ohren nicht zuklappen kann. Ohrstöpsel oder Kopfhörer funktionieren nur bedingt, denn eine Schwingung wird ja trotzdem übertragen und viele Geräusche mogeln sich am Ohrschutz vorbei. Dazu kommt, daß dauerhaftes Tragen von Hörschutz natürlich auch nicht gesund ist und sich für mich sehr belästigend anfühlt.

Im Alltag ist es ganz schön fordernd, so feine Ohren zu haben, vor allem wenn man eben nicht als Eremit im Wald lebt (und auch im Wald wären z.B. monotone Piep-Geräusche von Vögeln ein Problem). Jemand rennt im Haus herum, die Dielen knarren, Türen klappern, Geschirr wird gegeneinander geklonkt, eine Katze maunzt, ein Ventilator läuft. Draußen schmeißt ein Nachbar die elektrische Sense an, ein anderer parkt ein, ein Dritter ruft seinem Kind etwas im Garten zu, irgendwo schrillt ein Telefon. Verkehrslärm ist die Kulisse, Vögel zwitschern, jemand schlägt ein Fenster zu. Kirchenglocken, Schritte von Leuten unterm Fenster entlang, ein Hund bellt, ein anderer bellt mit, jemand ruft etwas. An sich eine normale Dorf-Geräuschkulisse (in der Stadt bin ich noch viel schneller überreizt), aber da Asperger-Autisten ein Problem mit dem Filtern von Reizen haben, dringt eben alles durch. Gleichzeitig. Unfaßbar laut. Eine Kakophonie. Ich bin mir sicher, mein kreissägender Nachbar hat sich noch nie Gedanken darum gemacht, was für einen Streß er mit seinem Hobby bei mir erzeugt. Das ist ja überhaupt das Dilemma: neurotypische Menschen sind sich des ständigen Krachs, den sie machen, nicht bewußt. Für mich ist es mitunter bereits störend, wie laut manche Leute allein schon atmen…

Schwierig ist auch, wenn man versucht, Menschen mit weniger sensiblen Ohren zu erklären, wie man selbst die Welt hört. Manchmal ergibt sich die Gelegenheit und ich kann demonstrieren, wie fein mein Gehör ist, wenn z.B. mein Rolli-Ladegerät anspringt. Es gibt einen sehr feinen, hohen Pfeifton von sich, den in der Regel niemand außer mir hört, aber da das Ding auch ein Lichtsignal gibt, wenn es lädt, kann man halt abbilden, daß ich es höre, wenn es eine Ladetätigkeit gibt, indem man mir das Lichtsignal nicht zeigt und ich eben angebe, wann es lädt und wann nicht. Aber in der Regel kann ich anderen nicht erklären, wie sensibel mein Gehör ist.

Leider mündet das meist darin, daß mein Bedürfnis nach Stille nicht erfüllt wird, weil kaum jemand versteht, was ich mit Stille meine. Füßescharren, Atemgeräusche, das Reiben einer Decke an Haut, Tellerklappern, Stühlerücken, der leise Pfeifton eines Computers, Handy-Töne und anderes mehr scheint von Menschen mit weniger sensiblem Gehör nicht wahrgenommen oder aber nicht als Krach wahrgenommen zu werden. Habe mal ein Video über einen fast absolut stillen Raum gesehen, in dem normale Menschen es wohl maximal eine Stunde aushalten, bevor sie es nicht mehr ertragen, ihren eigenen Herzschlag und das Rauschen ihres Blutes zu hören. Das ist für mich der Normalzustand. Immer. Da ist es kein Wunder, daß ich bei ständiger Überreizung in einen Overload-Zustand gerate. Und das Gehör ist gerade mal einer meiner hypersensiblen Sinne…

Aufgrund meines feines Gehörsinns setze ich mich selbst niemals einer Hintergrundbeschallung aus. Das heißt, wenn ich Musik höre, höre ich Musik bewußt. Wenn ich damit fertig bin, schalte ich sie aus, und dann gibt es wieder Stille. Ich habe niemals Fernsehen oder Radio im Hintergrund laufen und finde die permanente Geräuschkulisse, wenn ich unterwegs bin (Radio bei Ärzten, Einkaufsmusik im Supermarkt, Gedudel in der Parkgarage und im Fahrstuhl, „Hintergrund“musik in Restaurants etc.) sehr herausfordernd. Meist kann ich z.B. keine Unterhaltung führen oder einer folgen, wenn wir in einem Restaurant sind, wo Musik läuft. Mein Gehirn bekommt unterschiedliche akustische Reize nicht auseinandersortiert, d.h. ich kann de facto nicht hören, was jemand sagt, wenn die Lautstärke der Musik ein gewisses Maß überschreitet (und NTs sagen, dieses Maß ist sehr gering, was ich gar nicht finde ;)). Wenn ich mir extrem große Mühe gebe, bekomme ich es etwa 30 bis 40 Minuten hin, ermüde dabei aber sehr schnell, weil es einfach unfaßbar anstrengend ist. Aus diesem Grund lehne ich übrigens Gruppentreffen (am besten noch in Restaurants) generell ab – ich kann einfach nicht mit so vielen Stimmen umgehen, die alle andere Themen und Launen transportieren, dazu Gläserklirren, Musik, Stimmengewirr von anderen Tischen etc. Da bin ich innerhalb von 3 bis 7 Minuten am Ende meiner Kapazität angelangt – meist noch vor der Bestellung der Getränke.

Da ich so vieles als akustische Überlastung bzw. als Mißklang empfinde, ist es natürlich schwierig, Musik zu finden, die ich wirklich gut hören kann. Dabei liebe ich Musik und fände ein Leben ohne sie nicht lebenswert. Tatsächlich ist es aber so, daß ich nur einen sehr eingeschränkten Kreis von Künstlern habe, die ich seit Jahren gern höre. Neues kommt selten dazu, dafür höre ich viele Alben seit über 25 Jahren immer wieder (z.B. „Achtung Baby“ von U2). Wenn Bands, die ich gern mag, neue Alben herausgeben, ist das für mich immer eine Zitterpartie, denn leider ist es oft so, daß mir neue Werke „meiner“ Künstler nicht gefallen. Inzwischen denke ich, daß das auch typisch Aspie ist – ich höre ja auch immer wieder dieselben Hörbücher. Das Vertraute ist gut, das Neue ist erstmal suspekt (und oft auch auf Dauer nicht so toll wie das Vertraute). Ich brauche auch sehr lange, bis etwas nicht mehr neu ist. Erschwerend kommt hinzu, daß ich oft von einem Album nur wenige Stücke mag und die anderen als störendes „Beiwerk“ empfinde. Erst kürzlich, als ich den USB-Stick für das Auto neu bestückte, fiel mir auf, daß der Großteil seines Speichers mit Songs belegt ist, die ich nie höre, einfach weil sie mit Songs, die ich mag, auf einem Album sind. Ich habe den USB-Stick jetzt radikal von allem befreit, das mir nicht gefällt, und jetzt sind 83% frei…

Zur Zeit entdecke ich klassische Musik und Chorgesang für mich. Aber auch da mag ich nicht alles. Da ich allgemein lieber ruhige, dunkle Musik mag, gefällt mir nun auch nichts Klassisches, das hysterisch gute Laune verbreitet. Bin bei den Chorgesängen (Männerchöre! Frauenstimmen mag ich allgemein nicht besonders gern) der orthodoxen Kirche hängen geblieben, die sehr ruhig und dunkel/tief sind. Auch gibt es Orgelmusik, die ich gern mag, und offenbar eine Menge aus dem Barock (was ich interessant finde, weil ich diese Musik – Vivialdi z.B. – oft als zu überladen und quietschig empfunden habe, aber es gibt manches, was ich sehr entspannend finde, wie z.B. Tomaso Albinoni).

Eine Barriere, die ich allgemein bei Musik habe, ist, daß ich nicht nur die Klänge höre, sondern auch dem Text Beachtung schenke. Leider sind viele Texte – mal deutlich gesagt – strunzdumm und ich halte es nicht aus, dem zuzuhören. Auch fallen mir Grammatikfehler auf. In einem Song, den ich ansonsten sehr mag, heißt es „I want that you understand“. Nur daß man das so nicht sagen kann. Nie.

Vor ein paar Jahren habe ich rausgefunden, daß sich mit manchen Naturgeräuschen mein Gehirn wieder in eine normale Wellenlänge einschunkelt, z.B. Regengeräusche oder Wellen. Das nutze ich gern, wenn ich mich überreizt fühle (funktioniert aber auch nicht immer). Künstliche Geräusche wie Ventilatoren oder Motorengeräusche hingegen finde ich sehr nervig.

Alles in allem wird die Musikindustrie an mir wohl eher nicht reich werden 🙂 Ich würde mir eigentlich sehr wünschen, daß es ein größeres Bewußtsein dafür gäbe, daß Lärm krank macht, und daß für Menschen wie mich Lärm schon in den unteren Dezibelbereichen anfängt.