Gewichtsdecken und eigenes Gewicht

Als ich vor 15 Jahren in einer Reha-Klinik war, gab es dort einen Snoezelraum, also ein Zimmer, in dem diverse Möglichkeiten zur Stimulierung der unterschiedlichen Sinne zur Verfügung standen: Lichtspiele, Klänge/Musik, Kuscheltiere, Tücher, Seile, Spielzeuge – und eben auch eine Gewichtsdecke. Im Grunde ist das eine Art Quilt, dessen einzelne Abschnitte oder Kammern mit Sand oder Glaskügelchen gefüllt sind, und der dadurch etwa zwischen 5 und 12 kg wiegt (es wird empfohlen, daß eine solche Decke 10% des Körpergewichts des Menschen haben soll, für den sie gekauft wird). Ich fand die Decke damals ganz angenehm, hatte sie allerdings nur auf den Beinen liegen. Es heißt, daß solche Decken gerade für Autisten gut geeignet sind, weil sie einen beruhigenden Effekt haben.

In den letzten zwei Jahren habe ich immer mal wieder an so eine Decke gedacht, und neulich, zu meinem Geburstag, habe ich mir eine gewünscht. Wenige Tage später kam sie an und zwei Minuten später wußte ich, daß das nix mit uns wird. Ich fühlte mich unter der Decke leider wie festgekettet, was vielleicht auch daran liegt, daß ich nicht allzu viel Kraft oder Beweglichkeit in den Beinen habe. Wir haben sie also wieder zurückgeschickt (und ich habe bis heute keine Ahnung, was ich mir stattdessen zum Geburstag wünschen soll^^). Schade.

Als Kind und Jugendlicher habe ich mir oft diverse Decken oder auch Bücher, Spielzeuge etc. ins Bett geholt und mich darunter verbuddelt. Es gab mir ein angenehmes Körperempfinden, was es heute eben nicht mehr tut. Ich frage mich, ob das mit meinem Eigengewicht zusammenhängen könnte. Ich habe seit 15 Jahren Übergewicht (das setzte direkt nach Erwerb meiner Behinderung ein) und es ist wirklich schnuppe, was ich tu (oder lasse), ich kann absolut nicht abnehmen. Ich bin eine Weile lang wöchentlich zwei- bis dreimal schwimmen gegangen und habe dann jeweils 1500-2000 m geschwommen und dabei eine kalorienreduzierte Ernährung betrieben, aber unter ein bestimmtes Gewicht bin ich nie gekommen. Seit anderthalb Jahren läßt mein Gesundheitszustand das Schwimmen nicht mehr zu und da ich seit einem Jahr gehunfähig bin und im Grunde nur noch rumhocke, habe ich wieder zugenommen. Interessant ist, daß es dabei auch niemals ein bestimmtes Gewicht überschreitet, so daß ich denke, einer meiner Ärzte hatte mit seiner Set-Point-Theorie schon recht und das ist eben das Normalgewicht für meinen Körper, wie er jetzt ist.

Ich bemerke allerdings einen starken Unterschied darin, wie ich mich heute psychisch und auch physisch im Vergleich zu vorher fühle – nämlich besser. Ich führe das zum einen darauf zurück, daß das ständige Kaloriensparen eine psychische Belastung war, und zum anderen darauf, daß ich es mag, mehr Gewicht zu besitzen. Wie gesagt, solange es nicht eine bestimmte Grenze überschreitet. Es ist herrlich befreiend, nicht mehr über Kalorien oder Kleidergrößen nachzudenken. Das alles hat bei mir großen Streß ausgelöst, den ich als Aspie ja eh schon wegen tausend Dingen habe. Und tatsächlich fühle ich mich nicht nur allgemein besser, sondern auch „schöner“. Das Schönheitsideal schlank teile ich einfach nicht.

Ich frage mich zudem, ob mein höheres Eigengewicht mir bereits dieses Gefühl von Druck, Begrenzung und damit auch Sicherheit und Stabilität gibt. Dann hätte es ja eine echte Funktion für mich.

Kommunikationsschwierigkeiten

Ich hasse telefonieren, aber manchmal ist das unumgänglich, z.B. wenn man einen Arzttermin verschieben muß. Heute habe ich dafür 12 Minuten gebraucht, denn die Arzthelferin sprach nur sehr gebrochenes Deutsch. Ich meine, ich liebe es, Sprachen zu lernen und ich habe echt viel Geduld mit Menschen, die Deutsch lernen, aber wieso in aller Welt setzt man jemanden, der „Dritten“ nicht von „Mittwoch“ unterscheiden kann, ans Telefon, um mit den Patienten zu reden, Termine zu vereinbaren und Rezeptbestellungen entgegenzunehmen? Ich halte es für möglich, daß mir gerade ein Einhorn rezeptiert wurde.

Meine persönliche Klimakrise und ihr (hoffentliches) Ende

Als ich vor elf Jahren aus NRW hier runter nach Baden gezogen bin, dachte ich, die krassen Sommer hier unten wären eine Ausnahme, bis ich feststellte, daß sie das nicht sind. In NRW ist ein krasser Sommertag einer, wo man ungefähr 33°C hat (jedenfalls war das so, bis ich da 2009 wegging). Hier hat man an einem durchschnittlichen Sommertag 36°C, an einem krassen bis zu 42°C, allerdings bei einer recht hohen Luftfeuchtigkeit. Für mich heißt das, daß ich mich seit elf Jahren durch die Sommer leide und hasse. Ich kann nicht pennen, weil ich im Bett festklebe. Ich kann nicht denken oder lernen, weil ich am Sofa festklebe. Man klebt im Rolli fest, in den Strümpfen (ich kann keine Schuhe ohne Strümpfe tragen und Sandalen leider auch nicht, sondern nur Stiefel), sogar am Klo. Die Haut wird nie trocken. Ständig rieselt einem der Schweiß die Kopfhaut runter. Meist kühlt es auch nachts überhaupt nicht ab. Da ist es dann nur dunkel, aber nicht kühler. Kurz, es ist die reinste Gluthölle.

Bis mein Auto im letzten Dezember verreckt ist, hatte ich im Auto keine Klimaanlage. Eigentlich mag ich klimatisierte Luft nicht, weil sie meine Schleimhäute so stark austrocknet, und da ich eh mit trockenen Augen zu tun habe und befeuchtende Augentropfen brauche, ist das kein echtes Vergnügen. Aber als wir uns jetzt ein neues Auto kaufen mußten, haben wir eins mit Klimaanlage gewählt, eben weil wir dachten, dann trocknet man vielleicht wenigstens mal im Auto ab und kann mit weniger Streßentwicklung einkaufen gehen oder Termine wahrnehmen.

Hitze und Kälte sind für mich gleichermaßen nicht erträglich, wobei ich finde, daß man sich gegen Kälte besser schützen kann. Mein Antikälteplan im Winter besteht in Heizungen mit Zeitschaltuhren, einem Holzofen, warmen Pullis, warmem Tee und anderen Dingen. Ich gehe im Winter auch nie lange raus und wenn, dann nur mit mehreren Schichten Klamotten, Handschuhen und Mütze. Aber wie schützt man sich gegen so eine krasse Gluthitze? Ich verrate direkt die Antwort: gar nicht, weil alle üblichen Strategien bei wochenlangen Hitze- und Dürreperioden ohne Wind und Regen einfach versagen. Daß ich so klimasensibel bin, ist Symptom meines Autismus‘, und ich habe ganz lange gedacht, es wäre eine Frage der Einstellung. So nach dem Motto: wenn ich es nicht so wichtig nehme, dann geht das schon. Pustekuchen. Geht nicht.

Wir haben dann in diesem Frühjahr entschlossen, daß wir uns zwei Klimaanlagen ins Haus einbauen lassen. Lohnen tut sich das erst jetzt, weil wir bereits neue Fenster, ein neues Dach und eine neue Eingangstür haben, weil also die größten „Löcher“ im Haus, wo Wärme eindringen (bzw. wo im Winter Wärme flöten gehen) kann, gestopft sind. Aufgrund der Corona-Hysterie haben wir diese Woche bescheid bekommen, daß die Firma die Anlagen bereits Mitte April statt Ende Mai installieren wird. Ich bin absolut happy! Mein Plan für den kommenden Sommer ist Folgender: ich schlafe in einem klimatisierten Raum und schlafe auch wirklich, weil ich nicht festklebe. Dann halte ich mich in meinem klimatisierten Haus auf, bis ich es zum Einkaufen oder für einen Termin verlassen muß. In meinem Auto schmeiße ich die Klimaanlage an und gehe dann im klimatisierten Supermarkt einkaufen. Später daheim werde ich fortan auch im Sommer meinen abendlichen Tee genießen. Yeah.

Zum Thema Stromverbrauch und Klimawandel haben wir uns natürlich auch Gedanken gemacht. Die neuen Klimaanlagen sind Effizienzklasse A++ bis A+++. Kurz gesagt: wenn ich für ein Frühstück für vier Personen entsprechend oft meinen 2000-Watt-Toaster laufen lasse, brauche ich mehr Energie als für zwei Klimaanlagen, die ein paar Stunden laufen. Finde ich vertretbar. Nicht vertretbar finde ich, jedes Jahr etwa drei Monate nicht zu funktionieren, ständig im Overload zu stecken und mein Leben einfach nur zu hassen. Ich bin jedenfalls mal sehr gespannt darauf, wie das Klima dann hier im Haus sein wird und wie sich mein Leben damit verändert.

Weihnachten bei den Aspergers

Ich lese in diesen Tagen sehr viel darüber, daß an Weihnachten die Arbeit der Eltern Mütter unsichtbar gemacht wird, indem man den Kindern sagt, der Weihnachtsmann habe die Geschenke gebracht und den Baum dekoriert etc. Das löst bei mir sehr zwiespältige Empfindungen aus. Einerseits habe auch ich jahrelang das Gefühl gehabt, diese Feiertagslast allein zu tragen, indem ich dafür sorgte, daß Geschenke gekauft, Adventskalender befüllt und Dekorationen angebracht wurden. Ich habe das Weihnachtsessen geplant und mit meinem Mann zusammen gekocht. Andererseits habe ich schon vor einigen Jahren einfach damit aufgehört, die Verantwortung für ein „gelungenes Weihnachtsfest“ allein tragen zu wollen und meiner Familie gegenüber kommuniziert, daß das so ist. Der Effekt war sehr interessant, denn seither scheint es so, daß die gesamte Familie die Weihnachtsfeiertage sehr viel entspannter erlebt. Ich glaube also, daß diese druckmachende Erwartungshaltung nicht nur auf Müttern, sondern auf der ganzen Familie liegt – jedenfalls war das in unserem Fall so. Erst als ich selbst loslassen konnte, konnten sich die Feiertage entspannen.

Heute plane ich für Weihnachten nur das ein, was ich a) leisten kann und b) leisten will. Das heißt konkret: ich investiere ungefähr 2 Stunden, um die Adventskalendersachen für den Sohn einzukaufen (tatsächlich ist davon der Großteil reine Fahrtzeit, denn ich fahre einfach in die Stadt in ein großes Kaufhaus, parke da, hole mir den Rolli raus, fahre in die Süßwarenabteilung und stecke da 24 Kleinigkeiten in eine Tüte). Daheim investiere ich nochmal 20 Minuten, um zwölf Sachen davon einzupacken – den Rest muß der Mann machen. Fertig. Das Aufhängen des vor Jahren genähten Kalenders nimmt 5 Minuten in Anspruch. Kalender done. Mit dem Mann zusammen besorge ich 2 Wochen vor Weihnachten hier im Dorf einen Baum. Der Mann stellt ihn zusammen mit dem Sohn auf und dekoriert ihn. Am selben Tag dekorieren wir auch das Haus ein wenig: Girlande an die Tür (Mann), ein paar Kleinigkeiten woanders (alle). Deko done. Bereits Anfang Dezember frage ich in der Familie, wer sich was wünscht. Jeder weiß, wie viel er ausgeben darf und in der Regel wird das Meiste online bestellt. Bei unserem schmalen Weihnachtsbudget sind das pro Nase ein bis zwei Dinge, die eingepackt werden können, aber nicht müssen (dem Großteil meiner Familie leuchtet wie mir selbst auch nicht ein, warum ich etwas verpacken soll, wenn eh schon klar ist, was drin ist…spart ja auch Müll). Geschenke done. Anfang Dezember mache ich auch einen Speiseplan für die Weihnachtsfeiertage. Zwei Wochen vorm Fest kaufe ich davon alle Dinge ein, die sich bevorraten lassen, und zwar während eines normalen Wocheneinkaufs, um nicht extra loszumüssen. Am regulären Einkaufstermin vor Weihnachten erfolgt dann der Frischkram. Ich gehe also auch wenn Weihnachten ist nicht öfter einkaufen als sonst, nämlich einmal die Woche. Und ja, das heißt, daß es am 2. Feiertag keinen frischen Salat gibt, sondern schlicht Linsenbolognese aus Zutaten, die man gut bevorraten kann. Einkauf done. Am 24.12. essen wir immer Raclette und da hat jeder so seine Lieblingszutaten. Am Tag vorher kocht der Mitbewohner Kartoffeln ab und spült den Raclettegrill und die Pfännchen. Am 24. selbst bereiten der Mann und ich direkt nach dem Frühstück alles zu, was es sonst noch braucht: Gemüse schneiden, Saucen mixen, Rohkost reiben, Fleisch parieren. Eine Stunde vorm Raclette setzt der Mann einen Pizzateig an. Essen done. Auf diese Weise habe ich all die Dinge, die für mich persönlich (und scheinbar wohl auch für meine Familie) an Weihnachten angenehm sind, in effektiver Weise erledigt: Adventskalender, Geschenke, Deko, Einkauf und Essen. Jeder übernimmt seinen Teil (aber das ist in einem Haushalt mit zwei Körperbehinderten absolut normal, auch im Alltag). Wenn jemand ein Extra möchte oder braucht, muß er selbst dafür Sorge tragen (Beispiel: dieses Jahr hatte ich Lust, ein Weihnachtsquiz zu erstellen, und habe dafür Fragen überlegt und einen Preis für den Sieger zusammengestellt. Außerdem hatten Mann, Kind und ich Lust, gemeinsam zu backen, was hier eben auch nicht zum Standardweihnachtsprogramm dazugehört). Auch die ganzen Stressoren wie Einladungen zu Weihnachtsfeiern, Glühweinsaufen oder Weihnachtsmarktbesuche fallen hier unter Extras und sind nicht obligatorisch, sondern finden statt, falls dafür Kraft, Lust und Zeit existieren.

Vielleicht ist Weihnachten bei den Aspergers aber auch ein bißchen schrullig, das weiß ich nicht recht 😉

Ich finde allgemein, daß es helfen würde, bestimmte Weihnachtsstreßtrigger zu vermeiden, wenn mehr Eltern ihren Kindern wieder mal ein wenig Erziehung zuteil werden ließen. Mit meinem Sohn habe ich auch die Erfahrung gemacht, daß er das Mosern anfing, weil er der Ansicht war, er habe zu wenig bekommen (da war er acht Jahre alt). Darauf reagierte ich, indem ich ihm erklärte, daß jeder in der Familie ein bestimmtes Weihnachtsbudget habe, welches nicht überschritten wird. Und ich reagierte darauf, indem ich konsequent dabei blieb, dieses Budget einzuhalten. Es gab niemals eine Konsumorgie an Weihnachten, also erwartet er die heute (mit fast 16) auch nicht mehr. An dieser Stelle werden dann gern die anderen Verwandten wie Großeltern etc. angeführt, die sich nicht an bestimmte Vorgaben halten wollen, und ich muß gestehen, daß ich das nicht nachvollziehen kann. Erstens weil ich mich frage, warum es für Eltern so schwer zu sein scheint, anderen Leuten, die dem Kind etwas schenken wollen, mitzuteilen, daß es ein bestimmtes Budget nicht überschreiten soll, und zweitens weil ich nicht verstehe, warum Eltern es nicht schaffen, ihrem Kind zu vermitteln, daß das, was Großeltern und andere Leute schenken (selbst wenn kein Budget vereinbart oder es nicht eingehalten wurde), ja, daß jedes Geschenk eine Liebesgabe ist – und nichts, das man verlangen oder einfordern kann. Tut mir leid, aber das Gejammere der Eltern Mütter darüber, wie schwer es doch sei, mit der Undankbarkeit der Kinder den Weihnachtsgeschenken gegenüber umzugehen, ist hausgemacht. Das liegt nicht an der böse Konsumgesellschaft oder an der Werbung oder so – das liegt einfach an der Erziehung.

Überzogene Erwartungen in Hinblick auf Harmonie, Besinnlichkeit und Co. sparen wir uns übrigens auch. Das geht damit einher, daß ich sehr klar sage, daß ich nicht weiß, ob ich nach einem zweistündige Raclette-Gelage und einer Bescherung noch Kraft und Lust habe, weitere Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Es kommt darauf an. Nun kann die Familie sich überlegen, ob sie aufdreht, was garantiert darin mündet, daß ich meine Ruhe will, oder ob alles ein wenig ruhiger und dezenter abläuft, was meine Bereitschaft, nach der Bescherung noch gemeinsam einen Film zu gucken, erhöht. Dieses Jahr kam mir meine Familie sogar so stark entgegen, daß ich nach dem Film noch genug Kraft hatte, zu lernen – das war erstmalig so und dafür bin ich sehr dankbar. Aber vielleicht ist es ja auch so, daß diese Wahrung der eigenen Grenzen für Nicht-Autisten megarüde ist und sie es daher nicht machen. Weiß ich nicht. Ich bin halt nicht so sentimental, was Weihnachten angeht, aber ich denke, das hilft mir wohl auch.

Mein Rat an von Weihnachten gestreßte Eltern wäre: laßt es doch einfach. Holt Euch Eure Familie ins Boot. Das hat nichts damit zu tun, Weihnachten zu entzaubern, sondern kann im Gegenteil eine ganz eigene Tradition begründen. Es braucht keinen scheinheiligen Zuckerguß auf den familiären Konflikten, die es vielleicht gibt, denn das strengt einfach nur an. Sucht stattdessen nach Kompromissen, bei denen niemand auf der Strecke bleibt oder die alleinige Verantwortung tragen muß. Schmeißt raus, was Euch nicht guttut, und macht mehr von dem, was Euch gefällt. Gerade mit etwas größeren Kindern kann das richtig lustig und cool werden. Und wenn Ihr selbst etwas haben wollt (wie mehr Deko oder Glühwein mit den Kollegen), dann entscheidet Euch bewußt dafür und macht es auch bewußt – und zwar für Euch. Drückt die Verantwortung dafür nicht einer imaginären Weihnachtspolizei auf, denn die gibt es nicht. Es gibt kein perfektes, zuckerharmonisches Weihnachtsfest, wenn Euer normaler Familienalltag das nicht auch ist.

Musik

Ich finde es sehr schwer, Musik zu finden, die mich nicht nervt. Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang nicht verstanden, warum ich viele Musikstile, Interpreten, Stimmen, Klänge, Instrumente etc. nicht ertragen kann und bekam mit der Diagnose Asperger-Autismus eine für mich sehr schlüssige Erklärung dafür geliefert. Wie viele andere Aspies auch, habe ich sehr feine Sinne, unter anderem sprichwörtliche Katzenohren. Ich reagiere auf das, was ich als Mißklang empfinde, nicht nur emotional, sondern auch körperlich, nämlich mit beschleunigtem Puls, schneller, flacher Atmung und hohem Blutdruck – kurz gesagt: Streß.

Das Problem ist natürlich, daß man Ohren nicht zuklappen kann. Ohrstöpsel oder Kopfhörer funktionieren nur bedingt, denn eine Schwingung wird ja trotzdem übertragen und viele Geräusche mogeln sich am Ohrschutz vorbei. Dazu kommt, daß dauerhaftes Tragen von Hörschutz natürlich auch nicht gesund ist und sich für mich sehr belästigend anfühlt.

Im Alltag ist es ganz schön fordernd, so feine Ohren zu haben, vor allem wenn man eben nicht als Eremit im Wald lebt (und auch im Wald wären z.B. monotone Piep-Geräusche von Vögeln ein Problem). Jemand rennt im Haus herum, die Dielen knarren, Türen klappern, Geschirr wird gegeneinander geklonkt, eine Katze maunzt, ein Ventilator läuft. Draußen schmeißt ein Nachbar die elektrische Sense an, ein anderer parkt ein, ein Dritter ruft seinem Kind etwas im Garten zu, irgendwo schrillt ein Telefon. Verkehrslärm ist die Kulisse, Vögel zwitschern, jemand schlägt ein Fenster zu. Kirchenglocken, Schritte von Leuten unterm Fenster entlang, ein Hund bellt, ein anderer bellt mit, jemand ruft etwas. An sich eine normale Dorf-Geräuschkulisse (in der Stadt bin ich noch viel schneller überreizt), aber da Asperger-Autisten ein Problem mit dem Filtern von Reizen haben, dringt eben alles durch. Gleichzeitig. Unfaßbar laut. Eine Kakophonie. Ich bin mir sicher, mein kreissägender Nachbar hat sich noch nie Gedanken darum gemacht, was für einen Streß er mit seinem Hobby bei mir erzeugt. Das ist ja überhaupt das Dilemma: neurotypische Menschen sind sich des ständigen Krachs, den sie machen, nicht bewußt. Für mich ist es mitunter bereits störend, wie laut manche Leute allein schon atmen…

Schwierig ist auch, wenn man versucht, Menschen mit weniger sensiblen Ohren zu erklären, wie man selbst die Welt hört. Manchmal ergibt sich die Gelegenheit und ich kann demonstrieren, wie fein mein Gehör ist, wenn z.B. mein Rolli-Ladegerät anspringt. Es gibt einen sehr feinen, hohen Pfeifton von sich, den in der Regel niemand außer mir hört, aber da das Ding auch ein Lichtsignal gibt, wenn es lädt, kann man halt abbilden, daß ich es höre, wenn es eine Ladetätigkeit gibt, indem man mir das Lichtsignal nicht zeigt und ich eben angebe, wann es lädt und wann nicht. Aber in der Regel kann ich anderen nicht erklären, wie sensibel mein Gehör ist.

Leider mündet das meist darin, daß mein Bedürfnis nach Stille nicht erfüllt wird, weil kaum jemand versteht, was ich mit Stille meine. Füßescharren, Atemgeräusche, das Reiben einer Decke an Haut, Tellerklappern, Stühlerücken, der leise Pfeifton eines Computers, Handy-Töne und anderes mehr scheint von Menschen mit weniger sensiblem Gehör nicht wahrgenommen oder aber nicht als Krach wahrgenommen zu werden. Habe mal ein Video über einen fast absolut stillen Raum gesehen, in dem normale Menschen es wohl maximal eine Stunde aushalten, bevor sie es nicht mehr ertragen, ihren eigenen Herzschlag und das Rauschen ihres Blutes zu hören. Das ist für mich der Normalzustand. Immer. Da ist es kein Wunder, daß ich bei ständiger Überreizung in einen Overload-Zustand gerate. Und das Gehör ist gerade mal einer meiner hypersensiblen Sinne…

Aufgrund meines feines Gehörsinns setze ich mich selbst niemals einer Hintergrundbeschallung aus. Das heißt, wenn ich Musik höre, höre ich Musik bewußt. Wenn ich damit fertig bin, schalte ich sie aus, und dann gibt es wieder Stille. Ich habe niemals Fernsehen oder Radio im Hintergrund laufen und finde die permanente Geräuschkulisse, wenn ich unterwegs bin (Radio bei Ärzten, Einkaufsmusik im Supermarkt, Gedudel in der Parkgarage und im Fahrstuhl, „Hintergrund“musik in Restaurants etc.) sehr herausfordernd. Meist kann ich z.B. keine Unterhaltung führen oder einer folgen, wenn wir in einem Restaurant sind, wo Musik läuft. Mein Gehirn bekommt unterschiedliche akustische Reize nicht auseinandersortiert, d.h. ich kann de facto nicht hören, was jemand sagt, wenn die Lautstärke der Musik ein gewisses Maß überschreitet (und NTs sagen, dieses Maß ist sehr gering, was ich gar nicht finde ;)). Wenn ich mir extrem große Mühe gebe, bekomme ich es etwa 30 bis 40 Minuten hin, ermüde dabei aber sehr schnell, weil es einfach unfaßbar anstrengend ist. Aus diesem Grund lehne ich übrigens Gruppentreffen (am besten noch in Restaurants) generell ab – ich kann einfach nicht mit so vielen Stimmen umgehen, die alle andere Themen und Launen transportieren, dazu Gläserklirren, Musik, Stimmengewirr von anderen Tischen etc. Da bin ich innerhalb von 3 bis 7 Minuten am Ende meiner Kapazität angelangt – meist noch vor der Bestellung der Getränke.

Da ich so vieles als akustische Überlastung bzw. als Mißklang empfinde, ist es natürlich schwierig, Musik zu finden, die ich wirklich gut hören kann. Dabei liebe ich Musik und fände ein Leben ohne sie nicht lebenswert. Tatsächlich ist es aber so, daß ich nur einen sehr eingeschränkten Kreis von Künstlern habe, die ich seit Jahren gern höre. Neues kommt selten dazu, dafür höre ich viele Alben seit über 25 Jahren immer wieder (z.B. „Achtung Baby“ von U2). Wenn Bands, die ich gern mag, neue Alben herausgeben, ist das für mich immer eine Zitterpartie, denn leider ist es oft so, daß mir neue Werke „meiner“ Künstler nicht gefallen. Inzwischen denke ich, daß das auch typisch Aspie ist – ich höre ja auch immer wieder dieselben Hörbücher. Das Vertraute ist gut, das Neue ist erstmal suspekt (und oft auch auf Dauer nicht so toll wie das Vertraute). Ich brauche auch sehr lange, bis etwas nicht mehr neu ist. Erschwerend kommt hinzu, daß ich oft von einem Album nur wenige Stücke mag und die anderen als störendes „Beiwerk“ empfinde. Erst kürzlich, als ich den USB-Stick für das Auto neu bestückte, fiel mir auf, daß der Großteil seines Speichers mit Songs belegt ist, die ich nie höre, einfach weil sie mit Songs, die ich mag, auf einem Album sind. Ich habe den USB-Stick jetzt radikal von allem befreit, das mir nicht gefällt, und jetzt sind 83% frei…

Zur Zeit entdecke ich klassische Musik und Chorgesang für mich. Aber auch da mag ich nicht alles. Da ich allgemein lieber ruhige, dunkle Musik mag, gefällt mir nun auch nichts Klassisches, das hysterisch gute Laune verbreitet. Bin bei den Chorgesängen (Männerchöre! Frauenstimmen mag ich allgemein nicht besonders gern) der orthodoxen Kirche hängen geblieben, die sehr ruhig und dunkel/tief sind. Auch gibt es Orgelmusik, die ich gern mag, und offenbar eine Menge aus dem Barock (was ich interessant finde, weil ich diese Musik – Vivialdi z.B. – oft als zu überladen und quietschig empfunden habe, aber es gibt manches, was ich sehr entspannend finde, wie z.B. Tomaso Albinoni).

Eine Barriere, die ich allgemein bei Musik habe, ist, daß ich nicht nur die Klänge höre, sondern auch dem Text Beachtung schenke. Leider sind viele Texte – mal deutlich gesagt – strunzdumm und ich halte es nicht aus, dem zuzuhören. Auch fallen mir Grammatikfehler auf. In einem Song, den ich ansonsten sehr mag, heißt es „I want that you understand“. Nur daß man das so nicht sagen kann. Nie.

Vor ein paar Jahren habe ich rausgefunden, daß sich mit manchen Naturgeräuschen mein Gehirn wieder in eine normale Wellenlänge einschunkelt, z.B. Regengeräusche oder Wellen. Das nutze ich gern, wenn ich mich überreizt fühle (funktioniert aber auch nicht immer). Künstliche Geräusche wie Ventilatoren oder Motorengeräusche hingegen finde ich sehr nervig.

Alles in allem wird die Musikindustrie an mir wohl eher nicht reich werden 🙂 Ich würde mir eigentlich sehr wünschen, daß es ein größeres Bewußtsein dafür gäbe, daß Lärm krank macht, und daß für Menschen wie mich Lärm schon in den unteren Dezibelbereichen anfängt.

Ich mag, wer ich bin

Ich habe mir ein Leben gewählt, in dem ich nicht viel Kontakt zu Menschen habe. Das war eine bewußte Entscheidung, die ich niemals bedauert habe. Manchmal, wenn ich zum Beispiel eine Verletzung auskurieren muß (ich bin sehr verletzungsanfällig), habe ich noch weniger Kontakt zu Leuten außerhalb meiner Familie als sonst, weil ich dann nicht einkaufen gehe oder so. Diese „Eremitenphasen“ sind für mich zweischneidige Schwerter. Einerseits wird es mir mit mir selbst praktisch nie langweilig, andererseits fällt mir irgendwann einfach die Decke auf den Kopf, vor allem wenn ich nicht selbst Auto fahren kann. Eremitenphasen habe ich manchmal auch klimabedingt. Ich ertrage die krasse Hitze in meiner Region nur bedingt und verbringe daher den Sommer meist daheim, abgesehen von sporadischen Ausflügen zum Supermarkt oder abendlicher Kurztrips gegen den Haus-Blues. Klingen Verletzung und/oder Gluthitze ab, habe ich auch wieder mehr Lust, rauszugehen.

Manchmal gehört zu Eremitenphasen auch eine Abkehr von Online-Kontakten. Ich bin relativ aktiv beim Sprachaustausch über Skype und poste hin und wieder bei Video-Plattformen – das alles stelle ich in so einer Zeit des Rückzugs ein, weil mir einfach nicht danach ist.

Aktuell habe ich nun eine Verletzungsphase hinter mir, in der ich mich auch aus den üblichen Online-Kontakten zurückgezogen habe. Gestern dann postete ich bei einem Video über einen Autisten ein Kommentar, in dem ich u.a. schrieb, daß ich ebenfalls Autist sei. Daraufhin schrieb ein anderer User miese Dinge – er deutete an, daß Autisten euthanasiert gehören, beschimpfte mich als „Autistenscheiße“ und zog meine Intelligenz in Zweifel. Was bei genauer Betrachtung ein bißchen lustig weil absurd ist – ich habe einen hohen IQ und kann den ja auch beziffern.

Daß mir ein Mensch solche Dinge schreibt, ohne mich zu kennen, bloß wegen des Etiketts „Autist“, finde ich irgendwie verwirrend – es ist so unlogisch und sinnlos. Andererseits weiß ich natürlich, daß menschliches Verhalten ziemlich oft einfach so ist.

Ich selbst finde es ziemlich geil, Asperger Autist zu sein. Ich will gar nicht neurotypisch sein. Ich bin gern, wie und wer ich bin. Aspies haben eine Menge supergute Charaktereigenschaften und ich bin stolz darauf. Und diese Erkenntnis ist eigentlich das Allerbeste, was ich mir wünschen könnte.

Bequemlichkeit ist keine Behinderung

Derzeit besuche ich einen VHS-Kurs für eine Fremdsprache. Dieser findet an einer Schule hat. Auf dem Hof dort gibt es drei Behindertenparkplätze, die mit den entsprechenden Schildern gekennzeichnet sind. Bereits im letzten Wintersemester stellte ich fest, daß immer zwei und manchmal sogar alle drei von Leuten belegt werden, die den dafür benötigten blauen Parkausweis nicht haben. Bereits im Winter hatte ich diesen Menschen kleine Zettel mit der Nachricht „Bequemlichkeit ist keine Behinderung“ und einer kurzen Erklärung, daß man für das Parken auf diesen Plätzen den blauen Parkausweis für sog. außergewöhnlich Gehbehinderte braucht, unter die Scheibenwischer geklemmt. Der Effekt war gleich Null. Die Autos parkten weiterhin dort. Und als ich nun den Sommerkurs besuchte, standen genau dieselben Autos wieder da.

Das Problem auf diesem Hof ist, daß der Bereich direkt neben den Behindertenparkplätzen mit absolutem Halteverbot ausgewiesen ist. Und das war es dann auch schon mit der Beschilderung des gesamten Bereichs. Da sind also keine anderen Parkplätze ausgewiesen. Mir ist ja auch klar, daß Rettungswege freibleiben müssen, und darum bin ich kein „Wildwestparker“.

Da es mich unfaßbar ärgerte, daß dieselben Nasen schon wieder/immer noch unberechtigterweise auf den Behindertenplätzen standen, machte ich davon Photos und mailte diese dem Ordnungsamt mit der Anfrage, wie das Verfahren bei einer Anzeige sei und ob es ggf. eine Nummer gebe, unter der man anrufen und die Falschparker direkt entfernen lassen könne. Zur Erklärung: selbst das Halten auf Behindertenparkplätzen ist ein Strafbestand und laut StVO kann da sofort abgeschleppt werden. Außerdem mailte ich dem Sekretariat, daß die Behindertenparkplätze dauerhaft von Unbefugten genutzt werden und ich das zur Anzeige bringen werde.

Am nächsten Tag zwei Überraschungen. Erstens teilte das Ordnungsamt mir mit, daß man da nichts machen könne – abgesehen von einer Privatanzeige. Weil das Ordnungsamt sich dafür nicht zuständig fühle. Es sei ja ein Privatgrundstück. Aber wenn ich vor Gericht ziehen wollte, dann wäre das Verfahren so und so und so. Zweitens mailte mir der Schulleiter, der mir sagte, es sei mit dem Ordnungsamt abgesprochen, daß die Schulleitung samt Stellvertretung zwei der drei Behindertenplätze dauerhaft belegen dürfe, weil es ja sonst keine Parkplätze für die Schulleitung gäbe. Es wäre doch sehr schade, daß ich nicht den Dialog gesucht hätte, weil man dann ja eine Lösung hätte finden können.

Ja, und hier setzt nun der Teil ein, den ich für sehr aspergerig halte (weswegen ich das alles hier überhaupt schreibe).

  1. ein Schulgrundstück ist städtische und nicht private Fläche. Selbstverständlich ist das Ordnungsamt dafür zuständig.
  2. eine Absprache seitens der Schulleitung mit dem Ordnungsamt für die widerrechtliche Nutzung und Dauerbelegung der ausgewiesenen Behindertenplätze halte ich für nicht legal, zumal es sich bei der Beschilderung um die offiziellen Schilder für Behindertenplätze und keine handgepinselten Schilder handelt, die vorschlagen, daß da vielleicht Behinderte parken können sollten.
  3. ich habe sehr wohl einen Dialog gesucht, nämlich durch mehrmaliges Hinterlassen von Hinweisen an den Autos. Wie viele Hinweise braucht es denn noch?
  4. was soll heißen, man hätte eine Lösung finden können? Die einzig vernünftige und rationale Lösung wäre: die Schulleitung parkt nicht auf Behindertenparkplätzen.

Da ich insistierte, sicherte mir der Schulleiter zu, er werde dafür sorgen, daß künftig wenigstens einer der drei Parkplätze frei sei. Einmal klappte das sogar. Beim zweiten Mal waren dann wieder alle drei Behindertenparkplätze von Nichtbehinderten besetzt. In dem Moment platzte mir der Kragen und ich beschloß, mich einfach kackfrech vor den Haupteingang zu stellen.

Kaum stand ich dort, kam der Hausmeister angestiefelt. Wer ich denn sei? Ob ich die Schulleitung angezeigt habe? Ich bestätigte das und wies darauf hin, daß die Anzeige nicht zustande kam, weil es mir zu aufwendig war, deswegen vor Gericht zu gehen (Menschenkontakt ist für mich immer Streß und ich muß damit nicht auch noch meine Freizeit belasten). Er erzählte mir nun auch von der Absprache zwischen Ordnungsamt und Schulleitung und ich wies auch ihn darauf hin, daß es sich mitnichten um ein Privatgrundstück handelt und daß obendrein offizielle Schilder die Plätze auswiesen. Um diese sinnlose Diskussion aber nicht unnötig zu verlängern, fragte ich dann direkt, ob ich da nun stehen bleiben könne. Er sagte, eigentlich müsse ich ganz vorn an der Straße parken. Ich erwiderte, daß ich das gern machen kann, daß er dann aber stets dafür Sorge tragen müsse, daß der Seiteneingang, der eine Rampe hat, offen sei, weil ich dann nämlich nicht zu Fuße gehen kann, sondern den Rollstuhl benutzen muß. Da ihm das sichtlich lästig war, einigten wir uns darauf, daß ich fortan direkt vorm Eingang stehen kann. Also da, wo in der Realität keine Parkplätze sind. Weil die Behindertenparkplätze von Nichtbehinderten belegt werden und das Ordnungsamt die Augen zukneift.

Diese ganze Chose ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie unlogisch und beliebig die (Gedanken)Welt von neurotypischen Menschen ist. Diese nicht vorhandene Logik und das Brechen von Regeln führen bei mir zu einem Overload. Es macht mich rasend vor Zorn, wenn solche Dinge passieren. Wofür gibt es Regeln? Wofür eine StVO, wenn am Ende doch jeder machen kann, was ihm gerade durch den Kopf spukt?

Ich habe nun vom Hausmeister die Erlaubnis, nah beim Eingang zu stehen. Das ist zwar ganz nett, auch weil der Weg von den Behindertenparkplätzen zum Eingang relativ weit ist, aber mir wäre wohler, wenn ich einfach einen der vorhandenen Parkplätze nutzen könnte. Daß erwachsene und vermutlich nicht ganz ungebildete Leute darauf beharren, daß Behindertenplätze Schulleiterparkplätze sein sollen, finde ich absurd und vollkommen schräg. Alles in allem ein Paradebeispiel für alles, was ich in der NT-Welt nicht verstehe.

Hochbegabung

Mit der Asperger-Diagnose kam auch die Bestätigung einer Hochbegabung. Bereits mit 17 war mein IQ getestet worden und hatte eine HB ergeben, doch über die Jahre verändert sich der IQ ja (und die Vergleichswerte anderer Personen demzufolge auch). Nun kenne ich also meinen IQ und habe schriftlich, daß ich in Teilgebieten „weit überdurchschnittlich“ bin.

Und nun?

Ich glaube, Menschen stellen sich eine HB völlig falsch vor. Gerade in Kombination mit dem Asperger führt sie bei mir dazu, daß ich mich einfach nur wie ein Alien fühle, sobald ich Kontakt mit Menschen habe. Die HB macht auch nicht, daß ich in allen Dingen voll der Überflieger wäre. Ich habe im Gegenteil eine relativ beschränkte Inselbegabung für Sprache und logisches und organisiertes Denken. Da ich mich aber ständig in einer total unlogischen und unorganisierten Welt bewege, führt das schnell zu Frust und Überforderung (weil ich versuche, mich anzupassen, was immer nur begrenzt geht, weil sich Regeln ständig zu ändern scheinen und mir unlogisch vorkommen).

Die HB und die damit einhergehende Spezialisierung führt dazu, daß man nur wenige Gesprächspartner hat, die einem auf Augenhöhe begegnen. Das klingt jetzt vielleicht arrogant und abfällig, aber ehrlich gesagt ist das jetzt nicht mein Problem, weil ich eben darstellen will, wie ich empfinde und nicht wie andere Leute empfinden könnten, wenn ich das nun so schreibe 🙂 Dieses Gefühl bedeutet nicht, daß es nicht auch viele Leute gäbe, die ich interessant finde (denn die gibt es – aber dann gibt es da auch wieder Probleme mit der Konnektivität), und diese müssen definitiv nicht auch hochbegabt sein. Kurz gesagt finde ich Leute interessant, die sich ihre eigenen Gedanken machen, die eine große Lebenserfahrung besitzen und praktische Klugheit haben. Es ist für mich völlig irrelevant, wie hoch der IQ meines Gegenübers ist, weil das für mich nicht der „Andockpunkt“ ist. Dennoch ist die HB eine Barriere, beispielsweise schreckt es Menschen oft schon ab, wenn sie mitbekommen, daß meine Lieblingsbeschäftigung Lernen ist. Klischee, aber wahr.

Ich bin im Arbeitermilieu im Ruhrgebiet aufgewachsen und obwohl meine Eltern wirklich sehr viel taten, um mich zu fördern, gibt es Unterschiede zu HBs, die in Akademikerfamilien heranwachsen. Diese reichen vom Unverständnis für die Eigenheiten des hochbegabten (und in meinem Fall: asperigen) Kindes bis hin zu Spott (weil man zwar schon als Kind eine eher professorale Ausdrucksweise hat, aber keinen Nagel in die Wand schlagen kann, mal überspitzt gesagt (ich kann sehr wohl einen Nagel in die Wand schlagen btw)). Im Arbeitermilieu, in dem ich aufwuchs, war hohe Intelligenz zum Teil auch deswegen schlecht angesehen, weil es das Vorurteil gab, daß intelligente Menschen realitätsfern und hochnäsig sind. Und der Vorwurf, daß ich arrogant sei, ist ungefähr so alt wie ich selbst – das ist leider der Preis dafür, daß man z.B. lieber seine Nase in ein Buch steckt anstatt mit den anderen Kindern zu spielen oder später mit den anderen Halbwüchsigen Bier zu trinken und Party zu machen. Dazu kommt, daß ich – typisch Aspie – eine andere Prosodie habe als neurotypische Menschen. Damit scheine ich per se arrogant zu klingen (was mir selbst aber nicht bewußt ist, weil ich mich nicht für diese Prosodie entschieden habe, sondern sie einfach existiert, und ich damit eben auch keine Metabotschaft vermitteln will, sondern lediglich so spreche, wie ich eben spreche).

Mit der HB ist auch eine Menge Frust in all jenen Bereichen verbunden, in denen ich ein absoluter Nichtskönner und Nichtsversteher bin. Mathe zum Beispiel. Ich habe keine echte Dyskalkulie, aber für mich sind Zahlen und Formeln allenfalls lückenhafte und sehr schrullige kleine Dinge, die ständig durcheinanderpurzeln und keinen Sinn ergeben. Für mich ist es dabei übrigens ziemlich erstaunlich und auch lustig, daß ich zwar sehr logisch denken, aber mit Zahlen nichts anfangen kann. Abgesehen davon, daß ich einen Faible für Daten und Telefonnummern habe – aber das ist eben der Autismus und hat nichts mit der HB zu tun. Ich bin einfach gut in der Mustererkennung, mehr nicht.

Technische Geräte sind für mich der absolute Horror und ich habe überhaupt keinen Spaß daran, mich mit ihren Funktionen auseinanderzusetzen. So kommt es, daß ich immer nur die Grundfunktionen verwende und dann regelrecht kindlich begeistert bin, wenn mein Mann mir zeigt, was z.B. mein Handy alles so drauf hat. Was aber nie dazu führt, daß ich diese Funktionen auch selbst nutze. Es macht mir überhaupt keine Freude, mir neue Geräte zu kaufen, und ich mache das nur, wenn die alten kaputt sind. Auch Dinge, die ich eigentlich gern können würde, passen einfach nicht in meinen Kopf rein. Videos schneiden z.B. geht einfach nicht. Es macht mich rappelig und treibt meinen Blutdruck hoch, wenn ich mich mit sowas auseinandersetze.