Sammlungen, Kits und eine Eigenheit

Ein Diagnosekriterium für Asperger Autismus ist das Sammeln von Dingen, meist solche, die mit den Spezialinteressen verbunden sind. In meiner Kindheit war mein größter Schatz eine ausrangierte, zerbeulte Keksdose mit lauter Gummitierchen, die ich über Jahre hinweg angesammelt hatte. Ich erinnere mich noch heute an viele Einzelstücke dieser Sammlung: ein kleiner schwarzer Gorilla aus der Apotheke, drei Hunde auf „Sitzkissen“, einen „Goldi“ aus der Commerzbank, eine blaue Wasserschlange vom Trödel und anderes. Mein Vater hat mit diese Dose weggenommen und sie meiner kleinen Cousine geschenkt, als ich zwölf war. Als ich völlig aufgelöst forderte, daß ich meine Sammlung zurückhaben will, meinte er, ich solle mich nicht so anstellen. Ja, danke. Vermissen tue ich sie heute noch und mehrere Versuche, mir nochmal so eine Sammlung aufzubauen, haben nicht funktioniert. Es ist einfach nicht dasselbe.

Nach dieser Erfahrung, also nach der Entwendung und dem damit verbundenen Verlust meiner ersten Sammlung, habe ich nichts mehr so leidenschaftlich gesammelt, weil mich das Gefühl, jederzeit wieder um etwas so Wichtiges gebracht werden zu können, mutlos gemacht hat. Ich glaube, daß ich heute an so wenigen materiellen Dinge hänge, hat dort seinen Anfang genommen. Es gibt natürlich Besitztümer, die ich mag, meist aber nur deswegen, weil sie funktionieren. Die Funktionalität von Gegenständen steht heute weit über ihrem ideellen Wert für mich. Eigentlich ein bißchen schade.

Als ich Anfang 30 war, hat mich das Sammeln von Halbedelsteinen gepackt. Ich habe eine große Kiste voll und liebe die immer noch sehr, allerdings stelle ich sie mir nicht mehr hin und ich trage sie auch nicht mehr als Schmuck. Vor ein paar Jahren brachte mir mein Mitbewohner aus Schottland ein illustriertes Kartenspiel zum Thema Pilze mit. Es war leider unvollständig und als ich mich beim Hersteller meldete, schickte er mir einen Ersatz und zudem ein weiteres Deck mit Gewürzen. Seither habe ich mir immer mal wieder ein Spiel gekauft und habe heute etwa 50 davon, und sie werden auch benutzt 🙂 Beides, die Steine und die Karten, mag ich wirklich sehr, aber es gibt da keine so emotionale Bindung dran.

Aus praktischen Gründen habe ich inzwischen auch einige Lehrbücher für diverse Sprachen erworben. Ein richtiger Sammeltick ist das nicht, es ist eher so, daß ich nicht gut mit aus der Bibliothek geliehenen Büchern arbeiten kann, denn selbst wenn man sie verlängert (sofern das überhaupt möglich ist und es keine Vormerkungen gibt), muß man sie spätestens nach drei Monaten wieder zurückgeben und normalerweise bin ich nicht gar so schnell, vor allem am Anfang nicht. Bücher habe ich allgemein schon sehr viele in meinem Leben gehabt und über die Jahre wirklich tausende wieder weggegeben. Sie zu sammeln, bereitet mir an sich erstmal keine Freude. Ich finde auch nicht, daß ein Raum ohne Bücher ungemütlich wäre oder so. Sie haben schon eine sehr chaotische Energie, finde ich, und meine Bücher befinden sich heute alle hinter Türen in geschlossenen Schränken verstaut.

Es gibt auch Dinge, die ich früher mal gesammelt, aber nie benutzt habe. Ausgefallene Stifte und Aufkleber zum Beispiel. Diese Affinitäten habe ich immer noch, aber heute versuche ich, das, was ich mir kaufe, auch zu benutzen, weil es irgendwie nicht so richtig Sinn macht, solche Gebrauchsgegenstände nur zu horten. Das hängt wohl auch damit zusammen, daß mich Besitz schnell unruhig macht, vor allem wenn er viel Platz wegnimmt oder wie die Bücher eher chaotisch ist.

Neulich, beim Stöbern im Internet, bin ich auf Polly Pocket aufmerksam geworden. Dieses Spielzeug gibt es seit meiner Kindheit und ich finde die Idee total faszinierend und cool. Also, dieses kleinformatige Spielzeug, das so vielfältige Funktionen hat und so platzsparend verräumt werden kann. Im Laufe meines Lebens hatte ich mir schon mehrere Kits für alles Mögliche gebastelt, von einem Survival Kit über einen tragbaren Altar und eine Notapotheke für unterwegs bis hin zu einem Räucher Kit und einer Gewürzdose mit diversen Gewürzen und Kräutern drin. Polly Pocket erinnert mich auch ein wenig als meine Gummitierdose, wenngleich die natürlich keine vorgegebene Landschaft dabei hatte. Jedenfalls habe ich überlegt, ob ich Freude an einer Polly Pocket Dose hätte, aber ich nehme an, das wäre bloß aus nostalgischen Gründen und nicht, weil ich damit spielen würde. Ich habe auch überlegt, ob ich mir zu irgendeinem Thema mal wieder so ein Kit basteln will – es wäre einfach ein netter Zeitvertreib und wer weiß, vielleicht wäre es sogar irgendwann mal nützlich, wenn ich wieder das Haus verlassen kann.

Als erstes dachte ich an ein Sprachlern-Kit, z.B. für Spanisch oder Norwegisch. Ich könnte mir kleine Aufgaben auf Karteikarten schreiben wie „beschreibe, was Du siehst“, „benenne zehn blaue Dinge in Deiner Umgebung“ oder „erzähle von Deinem Lieblingsfilm“ etc. Wenn ich dann irgendwo Wartezeit habe, könnte ich eine Karte ziehen und die Aufgabe entweder sprechend oder schreibend oder auch – im Beisein von anderen – in Gedanken erledigen. Das Konzept ist noch nicht ausgefeilt, aber die Idee gefällt mir schonmal.

Zum Thema Stifte habe ich noch eine kleine Anekdote. Neulich ist mir von einem meiner Druckbleistifte der Clip abgebrochen. Ich trage den nie in einem Hemd oder so und brauche den Clip überhaupt nicht, aber daß es da jetzt eine Bruchkante gibt und der Stift defekt ist, hat mir derart genervt, daß ich mir einen neuen bestellt habe. Die Funktionalität ist übrigens noch gegeben, aber ich kann diesen Defekt nicht ertragen. Das ist auch etwas sehr Aspergeriges, also daß Dinge nur auf eine bestimmte Weise in einer bestimmten Form funktionieren. Chips kann ich nur essen, wenn die Tüte oben aufgerissen wurde – dabei schmecken sie doch genauso, wenn man sie unten aufreißt. So stimmt es aber nicht und darum funktioniert es nicht. Mein Opa hat übrigens früher immer Konserven umgedreht und an der Unterseite geöffnet. Begründung: „Damit ich weiß, wo oben ist“. Hat mich schon als Kind herrlich verrückt gemacht, lol 😀

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