erste Gedanken zur Hochbegabung

Ich finde es sehr schwer, über Hochbegabung zu schreiben. X-mal habe ich schon damit angefangen und dann doch wieder abgebrochen, manchmal weil ich zu sehr abgeschweift bin, manchmal weil mir alles, was ich geschrieben hatte, arrogant vorkam. Daß ich arrogant sei, habe ich mir in meinem Leben schon oft vorwerfen lassen müssen, und ich glaube rückblickend, daß ich ab einem gewissen Punkt z.B. in meiner Schulzeit dann tatsächlich arrogant getan habe, um mir die „Meute“ vom Hals zu halten (was auch geklappt hat). Als Aspie habe ich ohnehin keinen allzu großen Wunsch nach einem Sozialleben, das den Kontakt zu Menschen inkludiert, aber gerade in einem Umfeld wie der Schule, dem man sich ja auf legale Weise nicht entziehen kann, ist es schwer, Menschen aus dem Weg zu gehen, und da wirkt Arroganz als ganz taugliches Schutzschild. Ich muß allerdings auch anfügen, daß ich in gewissen Bereichen (nämlich bei meinen Spezialbegabungen im sprachlichen Bereich und beim organisierten/strukturierten Denken) de facto gefühlt habe, daß ich den anderen haushoch überlegen bin, und aus dem Gefühl heraus, mich mental immer zu den anderen „hinabbeugen“ zu müssen, tatsächlich eine gewisse Arroganz und Genervtheit entwickelt habe. Scheint aber ganz normal zu sein.

Mitgefühl für mein hochbegabtes jüngeres Ich zu entwickeln, ist ganz schön schmerzhaft, auch deswegen, weil die Wunden, die durch das Unverständnis meines Umfelds und Mobbing zum Teil dadurch wieder aufgerissen werden, daß wir heute in einer hysterisch „awaren“ Gesellschaft leben. Wo man in den 80ern noch sein Kind dazu verdonnert hat, die Hausaufgaben zu machen, weil das gottsverdammich einfach dazugehört, wenn man in die Schule geht, bekommen die Kids heute, die Hausaufgaben verweigern, Händchen gehalten und Köpfchen getätschelt. Das rührt deswegen was in mir an, weil ich mich an vielen Stellen vollkommen unter- und dafür an anderen Stellen vollkommen überfordert gefühlt habe und es dann kein Entgegenkommen oder Händchenhalten gab. Bin ich sauer deswegen? Fuck ja. Die Gedanken, was denn wohl gewesen wäre, wenn man früher erkannt hätte, daß ich ein hochbegabter Autist bin, sind zwar überhaupt nicht zielführend, aber ich kann sie auch noch nicht vermeiden oder sie einfach überspringen.

Mitgefühl für mich als erwachsenen HB-Aspie zu entwickeln, gelingt mir aber auch nur sehr mühsam. Immerhin fange ich jetzt an, zu durchsteigen, warum mir viele Dinge – darunter Essentielles wie am Straßenverkehr teilnehmen oder in einem Supermarkt einkaufen gehen – so schwer fallen, und warum andere Dinge wie Nachrichtenlesen oder sozialen Medien folgen, überhaupt nicht möglich sind.

Derzeit bemühe ich mich um eine neue Perspektive und frage mich bei allen möglichen Sachen, wie ich sie tatsächlich finde und bewerte. Üben sie Druck aus? Spüre ich eine Anspannung in mir drin (physisch und mental)? Entspannen sie mich? Erfreuen sie mich? Woran merke ich das und wie kann ich das aufrechterhalten/verlängern? Welche Dinge sollte ich meiden, von welchen brauche ich mehr in meinem Leben? Wo kann ich meine Spezialinteressen ausleben, allein und ggf. in einem geschützten Umfeld? Kann ich für mich selbst einstehen/mich selbst „beeltern“ in Situationen, die Druck ausüben? Wo kann ich mir Dinge erleichtern (z.B. bei Arztgesprächen, beim Einkaufen etc.)? Welche Faktoren beeinflussen, wie es mir geht (Schlaf? Nahrung? Wasser? Spielen? Lernen?)? Welches Themen/Leute/Musikarten/… regen mich auf und welche beruhigen mich? Wie reagiere ich auf verschiedene Reize? Wie gehe ich mit Aggression um? Wie mit Freude? Ja, so ungefähr.

Obwohl ich noch am Anfang stehe, habe ich schon begriffen, daß meine Hochbegabung und mein Autismus miteinander verbacken sind. Ich kann sie nicht voneinander trennen. Und was ich auch schon rausgefunden habe, ist, daß ich es verdammt gern mag, wie mein Gehirn funktioniert und wie ich denke. Es wäre cool, wenn ich mir das durch die Zeit zurückschicken könnte, aber es ist auch cool, das jetzt zu verstehen.

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