Weihnachten bei den Aspergers

Ich lese in diesen Tagen sehr viel darüber, daß an Weihnachten die Arbeit der Eltern Mütter unsichtbar gemacht wird, indem man den Kindern sagt, der Weihnachtsmann habe die Geschenke gebracht und den Baum dekoriert etc. Das löst bei mir sehr zwiespältige Empfindungen aus. Einerseits habe auch ich jahrelang das Gefühl gehabt, diese Feiertagslast allein zu tragen, indem ich dafür sorgte, daß Geschenke gekauft, Adventskalender befüllt und Dekorationen angebracht wurden. Ich habe das Weihnachtsessen geplant und mit meinem Mann zusammen gekocht. Andererseits habe ich schon vor einigen Jahren einfach damit aufgehört, die Verantwortung für ein „gelungenes Weihnachtsfest“ allein tragen zu wollen und meiner Familie gegenüber kommuniziert, daß das so ist. Der Effekt war sehr interessant, denn seither scheint es so, daß die gesamte Familie die Weihnachtsfeiertage sehr viel entspannter erlebt. Ich glaube also, daß diese druckmachende Erwartungshaltung nicht nur auf Müttern, sondern auf der ganzen Familie liegt – jedenfalls war das in unserem Fall so. Erst als ich selbst loslassen konnte, konnten sich die Feiertage entspannen.

Heute plane ich für Weihnachten nur das ein, was ich a) leisten kann und b) leisten will. Das heißt konkret: ich investiere ungefähr 2 Stunden, um die Adventskalendersachen für den Sohn einzukaufen (tatsächlich ist davon der Großteil reine Fahrtzeit, denn ich fahre einfach in die Stadt in ein großes Kaufhaus, parke da, hole mir den Rolli raus, fahre in die Süßwarenabteilung und stecke da 24 Kleinigkeiten in eine Tüte). Daheim investiere ich nochmal 20 Minuten, um zwölf Sachen davon einzupacken – den Rest muß der Mann machen. Fertig. Das Aufhängen des vor Jahren genähten Kalenders nimmt 5 Minuten in Anspruch. Kalender done. Mit dem Mann zusammen besorge ich 2 Wochen vor Weihnachten hier im Dorf einen Baum. Der Mann stellt ihn zusammen mit dem Sohn auf und dekoriert ihn. Am selben Tag dekorieren wir auch das Haus ein wenig: Girlande an die Tür (Mann), ein paar Kleinigkeiten woanders (alle). Deko done. Bereits Anfang Dezember frage ich in der Familie, wer sich was wünscht. Jeder weiß, wie viel er ausgeben darf und in der Regel wird das Meiste online bestellt. Bei unserem schmalen Weihnachtsbudget sind das pro Nase ein bis zwei Dinge, die eingepackt werden können, aber nicht müssen (dem Großteil meiner Familie leuchtet wie mir selbst auch nicht ein, warum ich etwas verpacken soll, wenn eh schon klar ist, was drin ist…spart ja auch Müll). Geschenke done. Anfang Dezember mache ich auch einen Speiseplan für die Weihnachtsfeiertage. Zwei Wochen vorm Fest kaufe ich davon alle Dinge ein, die sich bevorraten lassen, und zwar während eines normalen Wocheneinkaufs, um nicht extra loszumüssen. Am regulären Einkaufstermin vor Weihnachten erfolgt dann der Frischkram. Ich gehe also auch wenn Weihnachten ist nicht öfter einkaufen als sonst, nämlich einmal die Woche. Und ja, das heißt, daß es am 2. Feiertag keinen frischen Salat gibt, sondern schlicht Linsenbolognese aus Zutaten, die man gut bevorraten kann. Einkauf done. Am 24.12. essen wir immer Raclette und da hat jeder so seine Lieblingszutaten. Am Tag vorher kocht der Mitbewohner Kartoffeln ab und spült den Raclettegrill und die Pfännchen. Am 24. selbst bereiten der Mann und ich direkt nach dem Frühstück alles zu, was es sonst noch braucht: Gemüse schneiden, Saucen mixen, Rohkost reiben, Fleisch parieren. Eine Stunde vorm Raclette setzt der Mann einen Pizzateig an. Essen done. Auf diese Weise habe ich all die Dinge, die für mich persönlich (und scheinbar wohl auch für meine Familie) an Weihnachten angenehm sind, in effektiver Weise erledigt: Adventskalender, Geschenke, Deko, Einkauf und Essen. Jeder übernimmt seinen Teil (aber das ist in einem Haushalt mit zwei Körperbehinderten absolut normal, auch im Alltag). Wenn jemand ein Extra möchte oder braucht, muß er selbst dafür Sorge tragen (Beispiel: dieses Jahr hatte ich Lust, ein Weihnachtsquiz zu erstellen, und habe dafür Fragen überlegt und einen Preis für den Sieger zusammengestellt. Außerdem hatten Mann, Kind und ich Lust, gemeinsam zu backen, was hier eben auch nicht zum Standardweihnachtsprogramm dazugehört). Auch die ganzen Stressoren wie Einladungen zu Weihnachtsfeiern, Glühweinsaufen oder Weihnachtsmarktbesuche fallen hier unter Extras und sind nicht obligatorisch, sondern finden statt, falls dafür Kraft, Lust und Zeit existieren.

Vielleicht ist Weihnachten bei den Aspergers aber auch ein bißchen schrullig, das weiß ich nicht recht 😉

Ich finde allgemein, daß es helfen würde, bestimmte Weihnachtsstreßtrigger zu vermeiden, wenn mehr Eltern ihren Kindern wieder mal ein wenig Erziehung zuteil werden ließen. Mit meinem Sohn habe ich auch die Erfahrung gemacht, daß er das Mosern anfing, weil er der Ansicht war, er habe zu wenig bekommen (da war er acht Jahre alt). Darauf reagierte ich, indem ich ihm erklärte, daß jeder in der Familie ein bestimmtes Weihnachtsbudget habe, welches nicht überschritten wird. Und ich reagierte darauf, indem ich konsequent dabei blieb, dieses Budget einzuhalten. Es gab niemals eine Konsumorgie an Weihnachten, also erwartet er die heute (mit fast 16) auch nicht mehr. An dieser Stelle werden dann gern die anderen Verwandten wie Großeltern etc. angeführt, die sich nicht an bestimmte Vorgaben halten wollen, und ich muß gestehen, daß ich das nicht nachvollziehen kann. Erstens weil ich mich frage, warum es für Eltern so schwer zu sein scheint, anderen Leuten, die dem Kind etwas schenken wollen, mitzuteilen, daß es ein bestimmtes Budget nicht überschreiten soll, und zweitens weil ich nicht verstehe, warum Eltern es nicht schaffen, ihrem Kind zu vermitteln, daß das, was Großeltern und andere Leute schenken (selbst wenn kein Budget vereinbart oder es nicht eingehalten wurde), ja, daß jedes Geschenk eine Liebesgabe ist – und nichts, das man verlangen oder einfordern kann. Tut mir leid, aber das Gejammere der Eltern Mütter darüber, wie schwer es doch sei, mit der Undankbarkeit der Kinder den Weihnachtsgeschenken gegenüber umzugehen, ist hausgemacht. Das liegt nicht an der böse Konsumgesellschaft oder an der Werbung oder so – das liegt einfach an der Erziehung.

Überzogene Erwartungen in Hinblick auf Harmonie, Besinnlichkeit und Co. sparen wir uns übrigens auch. Das geht damit einher, daß ich sehr klar sage, daß ich nicht weiß, ob ich nach einem zweistündige Raclette-Gelage und einer Bescherung noch Kraft und Lust habe, weitere Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Es kommt darauf an. Nun kann die Familie sich überlegen, ob sie aufdreht, was garantiert darin mündet, daß ich meine Ruhe will, oder ob alles ein wenig ruhiger und dezenter abläuft, was meine Bereitschaft, nach der Bescherung noch gemeinsam einen Film zu gucken, erhöht. Dieses Jahr kam mir meine Familie sogar so stark entgegen, daß ich nach dem Film noch genug Kraft hatte, zu lernen – das war erstmalig so und dafür bin ich sehr dankbar. Aber vielleicht ist es ja auch so, daß diese Wahrung der eigenen Grenzen für Nicht-Autisten megarüde ist und sie es daher nicht machen. Weiß ich nicht. Ich bin halt nicht so sentimental, was Weihnachten angeht, aber ich denke, das hilft mir wohl auch.

Mein Rat an von Weihnachten gestreßte Eltern wäre: laßt es doch einfach. Holt Euch Eure Familie ins Boot. Das hat nichts damit zu tun, Weihnachten zu entzaubern, sondern kann im Gegenteil eine ganz eigene Tradition begründen. Es braucht keinen scheinheiligen Zuckerguß auf den familiären Konflikten, die es vielleicht gibt, denn das strengt einfach nur an. Sucht stattdessen nach Kompromissen, bei denen niemand auf der Strecke bleibt oder die alleinige Verantwortung tragen muß. Schmeißt raus, was Euch nicht guttut, und macht mehr von dem, was Euch gefällt. Gerade mit etwas größeren Kindern kann das richtig lustig und cool werden. Und wenn Ihr selbst etwas haben wollt (wie mehr Deko oder Glühwein mit den Kollegen), dann entscheidet Euch bewußt dafür und macht es auch bewußt – und zwar für Euch. Drückt die Verantwortung dafür nicht einer imaginären Weihnachtspolizei auf, denn die gibt es nicht. Es gibt kein perfektes, zuckerharmonisches Weihnachtsfest, wenn Euer normaler Familienalltag das nicht auch ist.