Vom Bloggen und vom Selbstschutz

Im Mai 2008 habe ich mein allererstes Blog eröffnet. Ich wußte am Anfang gar nicht recht, wohin die Reise gehen soll, und habe erstmal über Alltagsdinge und Sachen, die mit meinen Hobbies verbunden waren, geschrieben. Es ging recht schnell, daß ich herausfand, was für mich am besten funktionierte, nämlich genau das zu schreiben, was ich sagen wollte und auch so meinte. Innerhalb von recht kurzer Zeit hatte ich dann rund 3000 Leute täglich zu Besuch auf meinem Blog. Es kamen immer mehr Kommentare und auch oft Mails. Viele Leute schrieben mir, wie sehr sie die Offenheit mögen und zum Teil auch bewundern würden, mit der ich schrieb. Natürlich haben mich die Schmeicheleien und Komplimente gefreut. Sie gaben mir Antrieb, mit meiner gefundenen Linie weiterzumachen.

Im Laufe der Jahre entwickelte ich mich weiter. Die Themen veränderten sich ein wenig, aber was blieb, war die Ehrlichkeit, mit der ich über Erlebnisse und Gedanken schrieb. Irgendwann tauchte mein Name dann in „Lästerforen“ im Netz auf und das, was ich mit der guten Absicht geschrieben hatte, vollkommen ehrlich zu sein und damit vielleicht sogar anderen zu helfen, flog mir um die Ohren. Verstanden habe ich das zum damaligen Zeitpunkt nicht, weil ich einfach nicht begreifen konnte, warum vollkommen Unbekannte, die noch nicht mal den Dialog mit mir gesucht hatten, derart häßliche Dinge über mich schreiben konnten. Diese Form von Naivität ist so typisch Aspie, daß ich heute, wo ich auf diese Zeit zurückblicke, krasses Mitgefühl mit mir selbst empfinde.

Die Ehrlichkeit und die Naivität, mit der Aspies an Kontakte herangehen (nichts anderes als ein Kontaktangebot mit einem meist anonymen Gegenüber ist ja nun mal das Bloggen), scheinen mir in besonderem Maße schützenswert. Obwohl ich selbst Autist bin, rühren sie mich immer wieder an, wenn ich im Kontakt mit anderen Aspies bin. Manchmal ist das sehr schmerzhaft, wenn man einem anderen Menschen, der sehr ähnliche Denkmuster hat, wie man selbst, aber bestimmte eklige Erfahrungen noch nicht gemacht (oder nicht erkannt) hat und sie daher nicht identifizieren kann, erklären muß, daß bestimmte Dinge eben nicht nett, sondern im Gegenteil einfach gemein oder abfällig gemeint waren. „Warum sagt derjenige denn sowas?“ – tja, wenn ich das wüßte… Meist vermutlich tatsächlich ohne echten Anlaß und bloß aus Spaß am Arschlochsein.

Nachdem ich mich dann eine Weile vom Bloggen zurückgezogen hatte, bin ich aber doch wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Das liegt daran, daß mir Bloggen soviel mehr Spaß macht als Bildchengucken und Liken auf irgendwelchen Social Media Plattformen. Ich finde es sehr schade, daß viele Blogger/innen von damals nicht mehr schreiben. Es war eine bereichernde Zeit für mich, in der ich trotz aller Barrieren im sozialen Miteinander, die ich nunmal habe, das Gefühl hatte, in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein. Es sind wirklich sehr schöne Dialoge entstanden und auch tolle Aktionen (Wichteln und so). Wer weiß, vielleicht kommt ja die Zeit des Bloggens irgendwann zurück. Ich würde mir das wünschen.

Ich weiß aber auch, daß ich nie wieder so offen und ehrlich schreiben würde, wie ich das damals tat – aus Selbstschutz. Das war eine Lektion, die ich lernen mußte.

Musik

Ich finde es sehr schwer, Musik zu finden, die mich nicht nervt. Ich habe eigentlich mein ganzes Leben lang nicht verstanden, warum ich viele Musikstile, Interpreten, Stimmen, Klänge, Instrumente etc. nicht ertragen kann und bekam mit der Diagnose Asperger-Autismus eine für mich sehr schlüssige Erklärung dafür geliefert. Wie viele andere Aspies auch, habe ich sehr feine Sinne, unter anderem sprichwörtliche Katzenohren. Ich reagiere auf das, was ich als Mißklang empfinde, nicht nur emotional, sondern auch körperlich, nämlich mit beschleunigtem Puls, schneller, flacher Atmung und hohem Blutdruck – kurz gesagt: Streß.

Das Problem ist natürlich, daß man Ohren nicht zuklappen kann. Ohrstöpsel oder Kopfhörer funktionieren nur bedingt, denn eine Schwingung wird ja trotzdem übertragen und viele Geräusche mogeln sich am Ohrschutz vorbei. Dazu kommt, daß dauerhaftes Tragen von Hörschutz natürlich auch nicht gesund ist und sich für mich sehr belästigend anfühlt.

Im Alltag ist es ganz schön fordernd, so feine Ohren zu haben, vor allem wenn man eben nicht als Eremit im Wald lebt (und auch im Wald wären z.B. monotone Piep-Geräusche von Vögeln ein Problem). Jemand rennt im Haus herum, die Dielen knarren, Türen klappern, Geschirr wird gegeneinander geklonkt, eine Katze maunzt, ein Ventilator läuft. Draußen schmeißt ein Nachbar die elektrische Sense an, ein anderer parkt ein, ein Dritter ruft seinem Kind etwas im Garten zu, irgendwo schrillt ein Telefon. Verkehrslärm ist die Kulisse, Vögel zwitschern, jemand schlägt ein Fenster zu. Kirchenglocken, Schritte von Leuten unterm Fenster entlang, ein Hund bellt, ein anderer bellt mit, jemand ruft etwas. An sich eine normale Dorf-Geräuschkulisse (in der Stadt bin ich noch viel schneller überreizt), aber da Asperger-Autisten ein Problem mit dem Filtern von Reizen haben, dringt eben alles durch. Gleichzeitig. Unfaßbar laut. Eine Kakophonie. Ich bin mir sicher, mein kreissägender Nachbar hat sich noch nie Gedanken darum gemacht, was für einen Streß er mit seinem Hobby bei mir erzeugt. Das ist ja überhaupt das Dilemma: neurotypische Menschen sind sich des ständigen Krachs, den sie machen, nicht bewußt. Für mich ist es mitunter bereits störend, wie laut manche Leute allein schon atmen…

Schwierig ist auch, wenn man versucht, Menschen mit weniger sensiblen Ohren zu erklären, wie man selbst die Welt hört. Manchmal ergibt sich die Gelegenheit und ich kann demonstrieren, wie fein mein Gehör ist, wenn z.B. mein Rolli-Ladegerät anspringt. Es gibt einen sehr feinen, hohen Pfeifton von sich, den in der Regel niemand außer mir hört, aber da das Ding auch ein Lichtsignal gibt, wenn es lädt, kann man halt abbilden, daß ich es höre, wenn es eine Ladetätigkeit gibt, indem man mir das Lichtsignal nicht zeigt und ich eben angebe, wann es lädt und wann nicht. Aber in der Regel kann ich anderen nicht erklären, wie sensibel mein Gehör ist.

Leider mündet das meist darin, daß mein Bedürfnis nach Stille nicht erfüllt wird, weil kaum jemand versteht, was ich mit Stille meine. Füßescharren, Atemgeräusche, das Reiben einer Decke an Haut, Tellerklappern, Stühlerücken, der leise Pfeifton eines Computers, Handy-Töne und anderes mehr scheint von Menschen mit weniger sensiblem Gehör nicht wahrgenommen oder aber nicht als Krach wahrgenommen zu werden. Habe mal ein Video über einen fast absolut stillen Raum gesehen, in dem normale Menschen es wohl maximal eine Stunde aushalten, bevor sie es nicht mehr ertragen, ihren eigenen Herzschlag und das Rauschen ihres Blutes zu hören. Das ist für mich der Normalzustand. Immer. Da ist es kein Wunder, daß ich bei ständiger Überreizung in einen Overload-Zustand gerate. Und das Gehör ist gerade mal einer meiner hypersensiblen Sinne…

Aufgrund meines feines Gehörsinns setze ich mich selbst niemals einer Hintergrundbeschallung aus. Das heißt, wenn ich Musik höre, höre ich Musik bewußt. Wenn ich damit fertig bin, schalte ich sie aus, und dann gibt es wieder Stille. Ich habe niemals Fernsehen oder Radio im Hintergrund laufen und finde die permanente Geräuschkulisse, wenn ich unterwegs bin (Radio bei Ärzten, Einkaufsmusik im Supermarkt, Gedudel in der Parkgarage und im Fahrstuhl, „Hintergrund“musik in Restaurants etc.) sehr herausfordernd. Meist kann ich z.B. keine Unterhaltung führen oder einer folgen, wenn wir in einem Restaurant sind, wo Musik läuft. Mein Gehirn bekommt unterschiedliche akustische Reize nicht auseinandersortiert, d.h. ich kann de facto nicht hören, was jemand sagt, wenn die Lautstärke der Musik ein gewisses Maß überschreitet (und NTs sagen, dieses Maß ist sehr gering, was ich gar nicht finde ;)). Wenn ich mir extrem große Mühe gebe, bekomme ich es etwa 30 bis 40 Minuten hin, ermüde dabei aber sehr schnell, weil es einfach unfaßbar anstrengend ist. Aus diesem Grund lehne ich übrigens Gruppentreffen (am besten noch in Restaurants) generell ab – ich kann einfach nicht mit so vielen Stimmen umgehen, die alle andere Themen und Launen transportieren, dazu Gläserklirren, Musik, Stimmengewirr von anderen Tischen etc. Da bin ich innerhalb von 3 bis 7 Minuten am Ende meiner Kapazität angelangt – meist noch vor der Bestellung der Getränke.

Da ich so vieles als akustische Überlastung bzw. als Mißklang empfinde, ist es natürlich schwierig, Musik zu finden, die ich wirklich gut hören kann. Dabei liebe ich Musik und fände ein Leben ohne sie nicht lebenswert. Tatsächlich ist es aber so, daß ich nur einen sehr eingeschränkten Kreis von Künstlern habe, die ich seit Jahren gern höre. Neues kommt selten dazu, dafür höre ich viele Alben seit über 25 Jahren immer wieder (z.B. „Achtung Baby“ von U2). Wenn Bands, die ich gern mag, neue Alben herausgeben, ist das für mich immer eine Zitterpartie, denn leider ist es oft so, daß mir neue Werke „meiner“ Künstler nicht gefallen. Inzwischen denke ich, daß das auch typisch Aspie ist – ich höre ja auch immer wieder dieselben Hörbücher. Das Vertraute ist gut, das Neue ist erstmal suspekt (und oft auch auf Dauer nicht so toll wie das Vertraute). Ich brauche auch sehr lange, bis etwas nicht mehr neu ist. Erschwerend kommt hinzu, daß ich oft von einem Album nur wenige Stücke mag und die anderen als störendes „Beiwerk“ empfinde. Erst kürzlich, als ich den USB-Stick für das Auto neu bestückte, fiel mir auf, daß der Großteil seines Speichers mit Songs belegt ist, die ich nie höre, einfach weil sie mit Songs, die ich mag, auf einem Album sind. Ich habe den USB-Stick jetzt radikal von allem befreit, das mir nicht gefällt, und jetzt sind 83% frei…

Zur Zeit entdecke ich klassische Musik und Chorgesang für mich. Aber auch da mag ich nicht alles. Da ich allgemein lieber ruhige, dunkle Musik mag, gefällt mir nun auch nichts Klassisches, das hysterisch gute Laune verbreitet. Bin bei den Chorgesängen (Männerchöre! Frauenstimmen mag ich allgemein nicht besonders gern) der orthodoxen Kirche hängen geblieben, die sehr ruhig und dunkel/tief sind. Auch gibt es Orgelmusik, die ich gern mag, und offenbar eine Menge aus dem Barock (was ich interessant finde, weil ich diese Musik – Vivialdi z.B. – oft als zu überladen und quietschig empfunden habe, aber es gibt manches, was ich sehr entspannend finde, wie z.B. Tomaso Albinoni).

Eine Barriere, die ich allgemein bei Musik habe, ist, daß ich nicht nur die Klänge höre, sondern auch dem Text Beachtung schenke. Leider sind viele Texte – mal deutlich gesagt – strunzdumm und ich halte es nicht aus, dem zuzuhören. Auch fallen mir Grammatikfehler auf. In einem Song, den ich ansonsten sehr mag, heißt es „I want that you understand“. Nur daß man das so nicht sagen kann. Nie.

Vor ein paar Jahren habe ich rausgefunden, daß sich mit manchen Naturgeräuschen mein Gehirn wieder in eine normale Wellenlänge einschunkelt, z.B. Regengeräusche oder Wellen. Das nutze ich gern, wenn ich mich überreizt fühle (funktioniert aber auch nicht immer). Künstliche Geräusche wie Ventilatoren oder Motorengeräusche hingegen finde ich sehr nervig.

Alles in allem wird die Musikindustrie an mir wohl eher nicht reich werden 🙂 Ich würde mir eigentlich sehr wünschen, daß es ein größeres Bewußtsein dafür gäbe, daß Lärm krank macht, und daß für Menschen wie mich Lärm schon in den unteren Dezibelbereichen anfängt.

Ich mag, wer ich bin

Ich habe mir ein Leben gewählt, in dem ich nicht viel Kontakt zu Menschen habe. Das war eine bewußte Entscheidung, die ich niemals bedauert habe. Manchmal, wenn ich zum Beispiel eine Verletzung auskurieren muß (ich bin sehr verletzungsanfällig), habe ich noch weniger Kontakt zu Leuten außerhalb meiner Familie als sonst, weil ich dann nicht einkaufen gehe oder so. Diese „Eremitenphasen“ sind für mich zweischneidige Schwerter. Einerseits wird es mir mit mir selbst praktisch nie langweilig, andererseits fällt mir irgendwann einfach die Decke auf den Kopf, vor allem wenn ich nicht selbst Auto fahren kann. Eremitenphasen habe ich manchmal auch klimabedingt. Ich ertrage die krasse Hitze in meiner Region nur bedingt und verbringe daher den Sommer meist daheim, abgesehen von sporadischen Ausflügen zum Supermarkt oder abendlicher Kurztrips gegen den Haus-Blues. Klingen Verletzung und/oder Gluthitze ab, habe ich auch wieder mehr Lust, rauszugehen.

Manchmal gehört zu Eremitenphasen auch eine Abkehr von Online-Kontakten. Ich bin relativ aktiv beim Sprachaustausch über Skype und poste hin und wieder bei Video-Plattformen – das alles stelle ich in so einer Zeit des Rückzugs ein, weil mir einfach nicht danach ist.

Aktuell habe ich nun eine Verletzungsphase hinter mir, in der ich mich auch aus den üblichen Online-Kontakten zurückgezogen habe. Gestern dann postete ich bei einem Video über einen Autisten ein Kommentar, in dem ich u.a. schrieb, daß ich ebenfalls Autist sei. Daraufhin schrieb ein anderer User miese Dinge – er deutete an, daß Autisten euthanasiert gehören, beschimpfte mich als „Autistenscheiße“ und zog meine Intelligenz in Zweifel. Was bei genauer Betrachtung ein bißchen lustig weil absurd ist – ich habe einen hohen IQ und kann den ja auch beziffern.

Daß mir ein Mensch solche Dinge schreibt, ohne mich zu kennen, bloß wegen des Etiketts „Autist“, finde ich irgendwie verwirrend – es ist so unlogisch und sinnlos. Andererseits weiß ich natürlich, daß menschliches Verhalten ziemlich oft einfach so ist.

Ich selbst finde es ziemlich geil, Asperger Autist zu sein. Ich will gar nicht neurotypisch sein. Ich bin gern, wie und wer ich bin. Aspies haben eine Menge supergute Charaktereigenschaften und ich bin stolz darauf. Und diese Erkenntnis ist eigentlich das Allerbeste, was ich mir wünschen könnte.