Hochbegabung

Mit der Asperger-Diagnose kam auch die Bestätigung einer Hochbegabung. Bereits mit 17 war mein IQ getestet worden und hatte eine HB ergeben, doch über die Jahre verändert sich der IQ ja (und die Vergleichswerte anderer Personen demzufolge auch). Nun kenne ich also meinen IQ und habe schriftlich, daß ich in Teilgebieten „weit überdurchschnittlich“ bin.

Und nun?

Ich glaube, Menschen stellen sich eine HB völlig falsch vor. Gerade in Kombination mit dem Asperger führt sie bei mir dazu, daß ich mich einfach nur wie ein Alien fühle, sobald ich Kontakt mit Menschen habe. Die HB macht auch nicht, daß ich in allen Dingen voll der Überflieger wäre. Ich habe im Gegenteil eine relativ beschränkte Inselbegabung für Sprache und logisches und organisiertes Denken. Da ich mich aber ständig in einer total unlogischen und unorganisierten Welt bewege, führt das schnell zu Frust und Überforderung (weil ich versuche, mich anzupassen, was immer nur begrenzt geht, weil sich Regeln ständig zu ändern scheinen und mir unlogisch vorkommen).

Die HB und die damit einhergehende Spezialisierung führt dazu, daß man nur wenige Gesprächspartner hat, die einem auf Augenhöhe begegnen. Das klingt jetzt vielleicht arrogant und abfällig, aber ehrlich gesagt ist das jetzt nicht mein Problem, weil ich eben darstellen will, wie ich empfinde und nicht wie andere Leute empfinden könnten, wenn ich das nun so schreibe 🙂 Dieses Gefühl bedeutet nicht, daß es nicht auch viele Leute gäbe, die ich interessant finde (denn die gibt es – aber dann gibt es da auch wieder Probleme mit der Konnektivität), und diese müssen definitiv nicht auch hochbegabt sein. Kurz gesagt finde ich Leute interessant, die sich ihre eigenen Gedanken machen, die eine große Lebenserfahrung besitzen und praktische Klugheit haben. Es ist für mich völlig irrelevant, wie hoch der IQ meines Gegenübers ist, weil das für mich nicht der „Andockpunkt“ ist. Dennoch ist die HB eine Barriere, beispielsweise schreckt es Menschen oft schon ab, wenn sie mitbekommen, daß meine Lieblingsbeschäftigung Lernen ist. Klischee, aber wahr.

Ich bin im Arbeitermilieu im Ruhrgebiet aufgewachsen und obwohl meine Eltern wirklich sehr viel taten, um mich zu fördern, gibt es Unterschiede zu HBs, die in Akademikerfamilien heranwachsen. Diese reichen vom Unverständnis für die Eigenheiten des hochbegabten (und in meinem Fall: asperigen) Kindes bis hin zu Spott (weil man zwar schon als Kind eine eher professorale Ausdrucksweise hat, aber keinen Nagel in die Wand schlagen kann, mal überspitzt gesagt (ich kann sehr wohl einen Nagel in die Wand schlagen btw)). Im Arbeitermilieu, in dem ich aufwuchs, war hohe Intelligenz zum Teil auch deswegen schlecht angesehen, weil es das Vorurteil gab, daß intelligente Menschen realitätsfern und hochnäsig sind. Und der Vorwurf, daß ich arrogant sei, ist ungefähr so alt wie ich selbst – das ist leider der Preis dafür, daß man z.B. lieber seine Nase in ein Buch steckt anstatt mit den anderen Kindern zu spielen oder später mit den anderen Halbwüchsigen Bier zu trinken und Party zu machen. Dazu kommt, daß ich – typisch Aspie – eine andere Prosodie habe als neurotypische Menschen. Damit scheine ich per se arrogant zu klingen (was mir selbst aber nicht bewußt ist, weil ich mich nicht für diese Prosodie entschieden habe, sondern sie einfach existiert, und ich damit eben auch keine Metabotschaft vermitteln will, sondern lediglich so spreche, wie ich eben spreche).

Mit der HB ist auch eine Menge Frust in all jenen Bereichen verbunden, in denen ich ein absoluter Nichtskönner und Nichtsversteher bin. Mathe zum Beispiel. Ich habe keine echte Dyskalkulie, aber für mich sind Zahlen und Formeln allenfalls lückenhafte und sehr schrullige kleine Dinge, die ständig durcheinanderpurzeln und keinen Sinn ergeben. Für mich ist es dabei übrigens ziemlich erstaunlich und auch lustig, daß ich zwar sehr logisch denken, aber mit Zahlen nichts anfangen kann. Abgesehen davon, daß ich einen Faible für Daten und Telefonnummern habe – aber das ist eben der Autismus und hat nichts mit der HB zu tun. Ich bin einfach gut in der Mustererkennung, mehr nicht.

Technische Geräte sind für mich der absolute Horror und ich habe überhaupt keinen Spaß daran, mich mit ihren Funktionen auseinanderzusetzen. So kommt es, daß ich immer nur die Grundfunktionen verwende und dann regelrecht kindlich begeistert bin, wenn mein Mann mir zeigt, was z.B. mein Handy alles so drauf hat. Was aber nie dazu führt, daß ich diese Funktionen auch selbst nutze. Es macht mir überhaupt keine Freude, mir neue Geräte zu kaufen, und ich mache das nur, wenn die alten kaputt sind. Auch Dinge, die ich eigentlich gern können würde, passen einfach nicht in meinen Kopf rein. Videos schneiden z.B. geht einfach nicht. Es macht mich rappelig und treibt meinen Blutdruck hoch, wenn ich mich mit sowas auseinandersetze.

Die Diagnostik

Ich habe in den letzten Wochen bewußt eine Schreibpause hier eingelegt, weil ich erstmal den Prozeß der Diagnostik hinter mich bringen wollte. Nachdem er nun abgeschlossen ist, folgt hier eine Zusammenfassung.

Die Gespräche fanden in einer Klinik statt. Im Vorfeld hatte ich mehrere Fragebögen zugeschickt bekommen, die ich ausgefüllt mitbringen sollte. Im ersten Gespräch wurde mit mir der typische Asperger-Test gemacht und ich bekam ergänzende Fragen zu den Bögen gestellt. Nach knapp zwei Stunden war ich fertig und konnte gehen. Ich muß gestehen, daß ich das Gespräch zwar anstrengend, aber nicht völlig auslaugend fand. Als herausfordernd und sehr störend empfand ich eher die Lichtreize (ich mußte gegenüber einem großen Fenster sitzen, dessen dünne Gardinen das Licht nur unzureichend milderten) und Geräusche auf dem Flur.

Dann hatte ich erstmal eine Woche Pause, in der mir das Gespräch durchaus öfter durch den Kopf ging. Ich fragte mich, ob ich alles korrekt dargestellt hatte, ob wichtige Infos fehlen würden und die Unterlagen, die ich mitgebracht hatte (u.a. meine Zeugnisse der Grundschule) aufschlußreich genug wären, um die Fragen zu beantworten, die normalerweise den Eltern gestellt werden.

Bei dem folgenden Termin wurden diverse Tests durchgeführt. Um Menschen, die die Diagnostik noch machen lassen möchten, keine Nachteile durch eine ausführliche Schilderung entstehen zu lassen, werde ich das nicht groß ausführen. Alles in allem ging es darum, festzustellen, wie hoch mein EQ ist, wie hoch mein IQ ist, ob ich Mimik lesen kann, ob ich planvoll und logisch denken kann, ob ich mich in Menschen einfühlen kann, wie gut ich menschliches Handeln verstehen kann und wie gut mein Abstraktionsvermögen ist. Nach diesem Termin war ich völlig platt und habe sage und schreibe vier bis fünf Tage gebraucht, um mich wieder zu erholen. Besonders zu kämpfen hatte ich mit der krassen, fast überwältigenden Frustration, die einige der Tests ausgelöst hatten. Daß dem so ist, ist natürlich klar, weil diese Tests genau diese Asperger-Schwachstellen berühren, aber auch mit diesem Wissen brauchte ich wirklich lange, um diesen Frust zu überwinden.

Nun folgte eine lange Wartezeit, die entstand, weil die Klinik noch einen Bericht von und ein Gespräch mit meiner Therapeutin wollte. Und dann flatterte mir ein langer Brief ins Haus, der alle Dinge zusammenfaßte und die Diagnose mitteilte. Nun ist es also offiziell: ich bin Asperger-Autist.

Was diese Diagnose auslöst, kann ich noch nicht abschätzen. Ich habe nun die Möglichkeit, speziell für meine Bedürfnisse abgestimmte Hilfen zu erhalten, wie etwa eine Verhaltenstherapie mit Fokus auf Asperger-Autismus-bedingte Probleme (auch bekannt als Menschen^^). Welche Möglichkeiten genau es gibt und was davon ich auch in Anspruch nehmen möchte, muß sich noch erweisen.

Mit der Diagnose sind zwiespältige Gefühle verknüpft. Asperger-Autist ist man von Geburt an, nur daß ich zu einem Zeitpunkt geboren wurde, wo es dafür keinerlei Bewußtsein gab (und für andere Dinge auch nicht). Ich wurde nie gefördert, war immer der Außenseiter usw. – absolut klassisch. Es wirft die Frage auf, wo und wie ich heute wäre, wenn das alles schon damals bekannt gewesen wäre. Aber ok, es hilft natürlich nicht, über vergossene Milch zu klagen. Und so bin ich auf der anderen Seite froh darüber, daß mir die Diagnose zumindest rückblickend viele Probleme erklärt, die ich immer hatte, und mir die Möglichkeit gibt, mir nun Hilfen zu suchen.