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:: Feminismus & Veganismus ::

Angeregt durch einen Artikel über Feminismus und Veganismus will ich auch mal versuchen, meine Gedanken dazu zu formulieren, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Meiner Meinung nach beruht der Verzehr von tierlichen Produkten auf Machtausübung, und zwar im Sinne der Macht-über, wie Mary Daly sie formuliert hat: eben Macht, die über ein anderes Lebewesen ohne dessen Einverständnis ausgeübt wird. In der Veganismusdebatte kommt ja oft das Argument, ob ich als Veganerin denn Tiere bzw. Produkte von Tieren essen würde, die toooootaaaaal glücklich und artgerecht gelebt haben und die auch toooootaaaaaal gern gestorben sind, damit ich mich dann an ihrem Körper delektieren kann (die Antwort lautet nein, wenngleich ich nach wie vor denke, daß es beim Veganismus darum geht, das mir Mögliche zu tun – interessanterweise stellen Omnivorinnen ja öfter den Anspruch an mich, perfekt und 100% vegan zu leben, als ich selbst. Als Beispiel nenne ich mal das Erschlagen von Mücken, das ich definitiv praktiziere). Rosa Luxemburg hat gesagt, daß für jedes Lebewesen das eigene Leben das wertvollste und erhaltungswürdigste Gut ist, woran ich unumwunden glaube, wohl auch wegen meiner schweren, lebensbedrohlichen Krankheit, die mich den Wert des (eigenen) Lebens essentiell hat spüren lassen.

Was bedeutet schon “artgerechte” Haltung? Wo ziehen wir die Grenze? Ist eine Kuh, die auf die Almwiese darf, die Sonne abbekommt und Gras knabbern darf, deren Milch aber dennoch von uns Menschen – die wir in der Regel keine Kälber sind – genommen wird, artgerecht gehalten? Ist ein Bio-Huhn, das nur anderthalb Jahre alt wird, weil es dann nicht mehr effektiv Eier legt, artgerecht gehalten? Stammen Wildtiere, die meist nachtaktiv sind, weil sie ihrem natürlichen Instinkt, tagsüber zu äsen, durch die Eingriffe von uns Menschen nicht mehr folgen können, aus artgerechter Haltung? Ich will damit lediglich aufzeigen, daß der Begriff der artgerechten Haltung eigentlich nur eine Art Gewissenskrücke ist. Selbst wenn wir heute noch wie die Neanderthalerinnen leben würden, bezweifle ich, daß Mammuts sich gern jagen, töten und essen lassen würden, aber ich habe natürlich keins danach gefragt.

Ich glaube, der Grund, wieso wir Tiere und tierliche Produkte essen, ist ganz simpel. Nicht weil wir Fleisch und Milch zum Leben brauchen. Nicht weil wir wirklich daran glauben, die Tiere würden gern für uns sterben. Nein, wir essen Tiere, weil wir es können. Weil wir die Macht dazu haben. Mal Hand auf’s Herz: in der Regel hat der Fleisch-, Milchprodukt- und Eierkonsum des aufkeimenden 21. Jahrhunderts so ungefähr gar nichts mit einer respektvollen inneren Haltung dem Tier gegenüber zu tun, das sein Fleisch, seine Milch, seine Eier für uns gibt. Wir haben keine Stammesschamanin mehr, die den Huhngeist anreist, die ihn durch Gesänge, Tänze, Opfer und Verhandlungen darum bittet, sich herzuschenken, damit ihr Stamm überlebt. Wir gehen auch nicht mehr mit unseren Grabstöcken und einem geflochtenen Korb auf Nahrungssuche, wobei wir neben Wurzeln, Beeren und Früchten halt auch Insekten und Kleintiere sammeln. Wir shoppen heute im Supermarkt und packen ein, was da ist – in der Regel auch einfach zuviel, aber das ist eine andere Diskussion.

Woher kommt unsere Macht über Tiere? Ich habe lange darüber nachgedacht, viele kleine Mosaiksteinchen zusammengesucht, angefangen bei Publikationen über Höhlenmalereien bis hin zu Exzeperten über moderne, effiziente Massentierhaltung. Die Antwort ist absolut simpel und absolut erschreckend: weil Tiere mit unserer Aggression und unserer Bereitschaft zur Zerstörung nicht mithalten können. Klar kann eine Kuh Dich tottrampeln, aber es liegt nicht in ihrer Natur, den Mord an Dir zu planen. Wir Menschen hingegen planen den Mord an der Kuh und ziehen ihn auch durch. Nicht weil wir ohne ihr Fleisch nicht überleben würden, sondern weil wir es können.

Was hat das jetzt alles mit Feminismus zu tun? Feminismus bedeutet für mich die Auseinandersetzung mit Macht. Dieser Ansatz ist zweigleisig. Einerseits geht es darum, mir die Macht-über bewußtzumachen, andererseits ist es wichtig, meine Eigenmacht zu suchen, zu finden und zu stärken. Übrigens ist der Begriff Feminismus als solcher meines Empfindens nach ein bißchen zu ungenau, weil es unterschiedliche Strömungen mit unterschiedlichen Vorstellungen gibt – wenn ich hier aber “Feminismus” schreibe, meine ich meine eigene wilde Mischung aus gynozentrischem und radikalem Feminismus mit einem ordentlichen Schuß matriarchaler Einsprengsel. Ich glaube, daß Feminismus / Matriarchat nur dann funktioniert, wenn über die Auseinandersetzung mit rein weiblichen Belangen die Beschäftigung mit der Frau in ihrem Kontext dazugehört. Und in diesem Kontext steht für mich so ziemlich alles, auch Männer – bevor es wieder heißt, die würde ich vergessen oder gar diskriminieren.

“Mein” Feminismus lehnt Herr-schaft und Hierarchien ab. Ich sehe nicht, daß ein Mensch über einen anderen regieren kann, und ich sehe nicht, daß eine Spezies über eine andere herr-schen kann. Durch die Fähigkeit zu bedenken und zu planen, die wir dank unseres großen Gehirns haben, haben wir meiner Überzeugung nach umso weniger das Recht, potentiell Unterlegene zu knechten – wobei wir krankerweise “Unterlegene” oft als “zu blöd zu kämpfen”, “zu schwach” oder derlei interpretieren. Ganz im Gegenteil sollte diese unsere Fähigkeit uns dazu anhalten, mitfühlend, respektvoll und ressourcenschonend zu leben und zu agieren. In matriarchalen Kreisen wird dieses lebensfördernde, mitfühlende, ressourcenbewußte Verhalten als “mütterlich” bezeichnet – eine Eigenschaft, die auch Männer haben und hegen können. Mir selbst rollen sich ja die Zehennägel hoch bei diesem Wort, aber weil ich bisher kein besseres gefunden habe, kann es auch stehen bleiben.

Ich bin vor einer Weile mal gefragt worden, ob ich mich als Frau denn genauso unterdrückt und ausgebeutet fühle wie ich es einer Kuh aus Massentierhaltung andichte (das Argument meines Gegenübers lautete im weiteren Verlauf, daß ich mir keinerlei Urteil über eine solche Kuh bilden könne, weil sie und ich ja niemals auch nur ein Gespräch über ihre Gefühle geführt hätten – clever, oder?). Vordergründig lautet die Antwort: nein, ich fühle mich als Frau nicht unterdrückt. Nicht als die individuelle Frau, die ich bin. Aber zu leugnen, daß Frauen per se unterdrückt (Mary Daly sagt: dressiert) werden, ist Realitätsverneinung. Ich habe dazu in meinem Blog immer mal wieder was veröffentlicht, weswegen ich mich an dieser Stelle nicht endlos wiederholen will, aber ich gebe mal ein paar Stichworte: Frauenquote, Lohnungleichheit, Vaginalliftings.

Das Patriarchat (ah, da ist das böse Wort endlich!) ist ein System, das auf Ausbeutung beruht. Es beutet die komplette Schöpfung aus (der Begriff “Schöpfung” mutet mir immer christlich an, aber ich möchte es hier aus dem biblischen Kontext herausgelöst verstanden wissen, denn auch monotheistische Religionen sind Pfeiler des Patriarchats). Wo soll ich bei der Aufzählung anfangen? Natürliche Ressourcen werden geplündert, bis Ökosysteme unwiederbringlich zerstört sind. Menschen, Tiere, Pflanzen, ja selbst Mutter Erde als solche – alles Gebrauchsgegenstände, derer sich das Patriarchat bedient. Im Patriarchat zählt das Individuum nicht, die Masse macht’s. Es geht um Profit, um Expandierung, Maximierung und andere abstrakte Begriffe mehr, die im Grunde genau das Gegenteil der matriarchalen “Mütterlichkeit” (s.o.) bedeuten. Das Patriarchat erschafft Kunstwelten, künstliche Bedürfnisse (dazu gehört auch der Konsum), künstliche Werte. Es pervertiert Beziehungen – zu uns selbst, zu unseren Mitgeschöpfen, zur Erde. Es impft uns seine Wertigkeiten ein: Mann ist mehr wert als Frau, Mensch ist mehr wert als Tier.

Da hinein gehört meiner Ansicht nach der Konsum tierlicher Produkte, wie wir ihn heute betreiben. Unsere Vorgehensweisen bei der “Bedürfnisbefriedigung” haben gar nichts mehr mit respektvollem, ressourcenbewußtem, lebensbejahendem Umgang mit der Natur zu tun. Das Patriarchat hat uns das Bewußtsein dafür, daß wir selbst ein Teil der Natur sind, weitgehend ausgetrieben. Wir abstrahieren jetzt zwischen der Kuh im Stall, die in ihrer eigenen Scheiße liegt und davon offene Stellen kriegt, und uns. Wir Menschen sind wertvoller als diese Tiere. Wir haben die Macht dazu, also benutzen wir sie, und eigentlich können sie ja froh sein, der Krone der Schöpfung dienen zu können.

Luise F. Pusch sagt, wenn wir wissen wollen, was in einem Satz steckt, sollten wir mal die Substantive austauschen. Ich schrieb: Wir Menschen sind wertvoller als diese Tiere. Was mag der folgende Satz auslösen: Wir Tiere sind wertvoller als diese Menschen…? Welche mag, kann ja auch mal mit “Frauen” und “Männer” und “Kinder” oder beliebigen anderen Wörtern experimentieren, nicht nur bei diesem Satz.

Ich glaube, es wird klar, daß hiermit eine künstliche Hierarchie aufgebaut wird – auch wieder ein wichtiger Stützpfeiler des Patriarchats. Ein System der Ausbeutung funktioniert nur, wenn es höhere, bessere, wichtigere und auf der anderen Seite niedere, schlechtere, unwichtigere Partikel gibt. Das ist für mich, kurzgefaßt, der Schnittpunkt zwischen Veganismus und Feminismus: das Bewußtsein dafür, daß alles gleichwertig, daß alles mit allem verbunden ist.

Ich könnte mir vorstellen, daß darin eine Menge Heilungspotential steckt.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 18. Juli 2011 und wurde abgelegt unter "Ernährung, Gynozentrisches". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.

9 Kommentare

  1. Ima:

    Ein absolut toller Artikel, Amala!

  2. frau siebensachen:

    ja, das finde ich auch!

    viele gedanken sind mir einzeln vertraut, aber sie in EINEM zusammenhang zu lesen, klingt so klar und logisch.
    das muß ich jetzt noch öfter lesen.

    danke

  3. Bäumchen:

    Echt beeindruckend, danke für diesen Post!

  4. Morgenwind:

    Ich denke, der Ausdruck “artgerechte HALTUNG” impliziert ja schon, dass die betroffenen Tiere anders leben würden und nur (vom Menschen) in ihrer jeweiligen Situation geHALTEN (=gezwungen) werden. Wobei ich bei freilebenden Wildtieren bis jetzt nicht an Haltung dachte, sondern eher an Ver- und Abdrängung durch den Menschen. Welcher durch gezielte Jagd den Bestand kontrolliert bzw. schaut, dass dieser nicht explodiert. Was aufgrund des vom Menschen eingenommenen ursprünglich natürlichen Gebietes nicht geht – wir haben doch schon zu viele Menschen auf der Erde, bloß nicht auch noch zu viele Tiere, die unsere Lebensqualität einschränken könnten…. (*Sarkasmus aus*). Man denke nur an die Unmengen von Katzen und Hunden, welche in vielen Teilen der Welt einfach umgebracht werden, weil sie niemandem gehören, sich unkontrolliert vermehren und den Menschen durch ihre wachsende Zahl (was vor allem am wachsenden Müll des Menschen liegt) unangenehm werden. Und hier hat das Töten nicht einmal einen “tieferen” Sinn wie Nahrungs- oder Kleidungsbeschaffung, es geht nur ums töten….
    Tragisch und traurig….

    Morgenwind

  5. Mausflaus:

    ich glaube tiere und deren produkte essen ist in erster linie gewohnheit. wir machens, weil wirs schon immer gemacht haben, es nicht anders kennen.
    früher einmal hatte dies durchaus seine berechtigung und einen sinn, anders hätte der mensch sich nicht entwickeln können. aber seit der mensch nahrung selbst anbauen kann, ist er nicht mehr darauf angewiesen. jetzt gilt es, gewohnheiten zu durchbrechen und auch unsere ernährung unserer neuen lebensweise anzupassen.

  6. Carda:

    “daß ich mir keinerlei Urteil über eine solche Kuh bilden könne, weil sie und ich ja niemals auch nur ein Gespräch über ihre Gefühle geführt hätten”
    Ab da ist es an der Zeit für mich, solche Gespräche abzubrechen weil ich dann den Verdacht habe, mein Gegenüber will sich nicht unterhalten sondern mich solange provozieren bis ich mich rechtfertigenderweise vor ihm winde.
    Nein. TierHALTUNG ist FESTHALTUNG. Und artgerechte Tierhaltung hat so einen schalen beigeschmack wie “Naturidentischer Aromastoff”…
    Wenn nochmal jemand in meiner Nähe Vaginallifting und Analbleaching propagiert dann bekommt der/die ebendiese Behandlung mitten ins Gesicht. Nagut, dass wir alle verschieden ansprechende Gesichter und Silhouetten haben die auch verschiedene Leute verschieden wirken… nagut. Das is ja schon zuviel für die meisten. Aber dann auch noch den Inhalt der Unterbuchse mit anderen vergleichen… ach was red ich. Ich trink jetzt meinen Biofencheltee und versteck mich im Bett. Sonst ärger ich mich nachher noch über die Engstirnigkeit mancher und komm dann nicht vor nächste Woche ins Bett…

  7. kern:

    sehr interessanter artikel zu dem thema, der sehr erhellend ist, was das verhältnis von sexismus und tierausbeutung anbelangt: http://home.arcor.de/arcorrevia/pdf/B.Muetherich-Speziesismus.pdf

  8. Amala Krähenfeder:

    kern, herzlichen dank für diesen link!

  9. Netzwirkerin.de » :: Das Geheimnis wird gelüftet :::

    [...] nämlich eine lust- und genußvolle Ernährungsform, die eng mit dem Wunsch verknüpft ist, herrschaftsbefreit, bewußt und im Einklang mit den Zyklen von Mutter Erde zu leben. Insofern ist mein Kochbuch [...]

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